DFB und Ethikkommission zu Tönnies

Wird schon nicht so schlimm werden

DFB und Ethikrat beraten über den Fall Tönnies. Dass die rassistischen Ausfälle des Schalkers ernsthaft sanktioniert werden, wäre wichtig.

Schalke-Chef Tönnies umarmt den Spieler Naldo

Den Brasilianer Naldo liebt er, aber zum „Afrikaner“ fällt ihm nur Quark ein: Schalke-Chef Tönnies Foto: AP Foto/Martin Meissner

Es läuft gut für Clemens Tönnies, den Fleisch produzierenden Oligarchen an der Spitze des FC Schalke 04. Die dreimonatige Auszeit vom Fußball, die er sich vom Ehrenrat seines Klubs hat empfehlen lassen, kann er nutzen: um genau zu beobachten, wie die Fußballwelt seine rassistischen Ausfälle beobachtet. Da sind zwar die Fans, die ihn zum Rückzug aus dem Amt drängen wollen, doch der Inner Circle des deutschen Fußballs hält an Tönnies fest. Jochen Schneider, der Sportvorstand des eigenen Klubs, steht sowieso hinter ihm. Er spricht sogar von einer Hetzjagd gegen Tönnies, weil die öffentliche Empörung über dessen Äußerungen immer noch nicht nachlässt. Und Trainer-Altmeister Friedhelm Funkel ist sogar der Meinung, der Schlachter aus Rheda-Wiedenbrück werde gerade öffentlich geschlachtet.

Heute wird Tönnies verfolgen, was die Ethikkommission des Deutschen Fußballbundes in seinem Fall entscheidet. Wird schon nicht so schlimm werden, wird er sich denken, nachdem der Ehrenrat seines Vereins festgestellt hat, dass seine Einlassungen zum Thema Afrika (“Was machen die, wenn es dunkel wird?“) als nicht rassistisch eingestuft worden sind. Vielleicht hat er sich erst einmal gewundert, dass es überhaupt eine Ethikkommission im DFB gibt. Viel hat man von der bislang nicht gehört. Das mag daran liegen, dass der Gründungsvorsitzende der Kommission, der kürzlich verstorbene Klaus Kinkel, mal Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes war. Und doch ist es verwunderlich, dass man bei einem so verkommenen Verband wie dem DFB so wenig von der Ethikkommission weiß.

Die letzten beiden Präsidenten des Verbands, Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel, mussten wegen Verstrickungen in Korruptionsaffären zurücktreten. Noch immer schweigen diejenigen, die es wissen, darüber, warum vor der WM 2006 10 Millionen Schweizer Franken auf das Konto einer Gerüstbaufirma in Katar geflossen sind, die einem damaligen Mitglied der Fifa-Exekutive gehört. Dass der Verband nicht in der Lage ist, die großen Naziskandale und Rassismus-Exzesse im deutschen Fußball ordentlich zu sanktionieren, mag Thema der Kommission gewesen sein – allein: man weiß es nicht.

Wie es passieren konnte, dass es für einen Klub wie den Chemnitzer FC beinahe folgenlos blieb, dass im Stadion eine Trauerzeremonie für einen Neonazi und Hooligan abgehalten worden ist, wäre sicher ein Thema für die DFB-Ethiker gewesen. Mesut Özils Fan-Auftritte an der Seite des türkischen Präsidenten Erdoğan hätten vor der Kommission landen können – wie der Verband Özil im rassistisch motivierten Shitsorm alleingelassen hat, ebenfalls. Eigentlich müsste die Öffentlichkeit im Wochentakt etwas von der Ethikkommission erfahren. Tut sie aber nicht.

Eigentlich müsste die Öffentlichkeit im Wochentakt etwas von der Ethikkommission erfahren. Tut sie aber nicht

Die DFB-Ethikkommission hat ihre Entscheidung über die Afrika-Äußerung von Clemens Tönnies nicht gefällt, sondern vertragt. „Wir brauchen noch Hintergrund-Informationen. Das ist eine Sache von Wochen, nicht von Monaten“, sagte Kommissions-Vorsitzende Nikolaus Schneider nach der Gremiumssitzung am Donnerstagnachmittag in der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main. (dpa)

Das liegt auch an der Konstruktion der Kommission, die über die Einhaltung des Ethik-Kodex des DFB wachen soll. Sie kann selbst kein Urteil fällen, kann Fälle nur zur Anzeige vor die Sportgerichtsbarkeit bringen. Und im Fall Tönnies muss sie erst einmal darüber beraten, ob sie überhaupt zuständig ist, wenn ein Aufsichtsratschef eines Klubs, der über seinen Landesverband am Ende nur indirekt Mitglied des DFB ist, Mist gebaut hat. Und doch ruhen große Hoffnungen auf der Kommission. Denn der Ethik-Kodex ist eindeutig: “Rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie gewalttätigen, diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen treten wir entschieden entgegen“, heißt es da. Wir sind gespannt.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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