Rassismus im Fußball

War was?

Clemens Tönnies darf nach seinen rassistischen Äußerungen wieder bei Schalke mitmischen. So richtig außen vor war er eh nie.

Clemens Tönnies trägt einen blau-weiß-gestreiften Schal

Alles wurscht? Clemens Tönnies Foto: RHR-Foto/imago images

Clemens Tönnies darf wieder mitmischen. Die Auszeit, die dem Aufsichtstratschef des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 vom Ehrenrat des Klubs empfohlen worden war, endet nach drei Monaten am Mittwoch um 24 Uhr. Nach rassistischen Entgleisungen Ende Juli beim Tag des Handwerks in Paderborn hatte sich der Oligarch aus dem fleischproduzierenden Gewerbe vor dem Gremium verantworten müssen.

Das stellte nach mehrstündiger Sitzung fest, dass Tönnies zwar nicht im Sinne der Klubwerte gehandelt habe, dass aber „der gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden des S04, Clemens Tönnies, erhobene Vorwurf des Rassismus unbegründet ist“. Tönnies hatte bei seiner Rede über hohe Geburtenrate in afrikanischen Länder schwadroniert und tosenden Applaus geerntet, als er in den Saal fragte: “Was machen die (Afrikaner), wenn’s dunkel wird?“

Die Entgleisung hatte für heftige Diskussionen auch in der aktiven Fanszene gesorgt. Immer wieder war von den Werten des Klubs die Rede. „Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein“, heißt es im Leitbild des Klubs. Wie wenig diese Worte wert sind, zeigt nicht nur die Entscheidung des Ehrenrats.

Weil Tönnies in der Kritik stand, fühlte sich Jochen Schneider, der Sportchef des Klubs bemüßigt, vor einer „Hetzjagd“ gegen den mächtigsten Mann im Vereinskonstrukt des FC Schalke 04 zu warnen. Aus dem Täte wurde ein Opfer gemacht. Die Entscheidung der Ethikkomission des Deutschen Fußball-Bundes, der fußballamtlich festgestellt hat, dass Tönnies kein Rassist ist, trug zur Exkulpation des Aufsichtsratschefs weiter bei.

Tiefpunkt im Umgang mit Rassismus

Hatte man nach der ersten Aufregung, nach einer beeindruckenden antirassistischen Fan-Choerografie beim Pokalspiel der Schalker in Drochtersen noch gedacht, der Fall sei dazu angetan, eine grundsätzliche Diskussion im Umgang mit Rassismus im Fußball anzustoßen, wurde schnell ein ganz anderes Bild deutlich. Der Fußball hat ein trauriges Signal ausgesendet. Statt ein Stopp-Zeichen zu setzen, sind die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet worden. Mit dem Fall Tönnies hat der deutsche Fußball einen beinahe nicht mehr für möglich gehaltenen Tiefpunkt im Umgang mit Rassismus erreicht.

Berührungsängste mit Tönnies gibt es nicht. Manuel Neuer, der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, findet nichts dabei, wenn Tönnies zur Verleihung des Landesverdienstordens von Nordrhein-Westfalen an Neuer eingeladen wird, und Ministerpräsident Armin Laschet macht heitere Miene zu diesem finsteren Spiel. Tönnies zu einer Art Staatsakt einzuladen, zeugt von einer Instinktlosigkeit, die sprachlos macht.

Dass Schalker Fanklubs nichts dabei finden, den gesperrten Aufsichtstratschef zu einer Bezirksversammlung des Fanklubverbands einzuladen, die praktischerweise auch noch auf dem Firmengelände von Tönnies stattfindet, ist ebenso bemerkenswert wie der Brief aus Fanklubkreisen an die Ethikkommission, in dem sich die Schalker für den Fleischindustriellen einsetzen. Sie zeigen auch die Macht, die Tönnies auf Schalke hat. Ein braver Fanverband wird mit Punkten belohnt, was sich am Ende bei der Zuteilung von Eintrittskarten positiv auswirken kann.

Und auch der Klub selbst fühlt sich dem mächtigen Herrn Tönnies derart verpflichtet, dass er seine Traditionsauswahl mitten in der Zeit der Sperre zum Familienfest der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück entsendet. Da strahlte der Fleischmagnat prompt händeschütteld um die Wette.

Am Ende der dreimonatigen Scheinsperre steht jedenfalls fest: Ein aufrichtiger Kampf gegen den Rassismus im Fußball findet in Deutschland nicht wirklich statt.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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