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DDR-Illustrator Paul RosiéDie Geschichte schreibt ihre Helden und vergisst sie wieder

Im Berliner Hugenottenmuseum erinnert Paul Rosiés Glasmalerei an die Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572. Wer war der Künstler?

Es war ein Gemetzel, von dem noch Jahrhunderte später die Rede sein würde: die Bartholomäusnacht, vom 23. zum 24. August 1572. Die Nachricht von der „Pariser Bluthochzeit“ – eigentlich hatten ein Hugenotte, Heinrich von Navarra, und eine Katholikin, Margarete von Valois, heiraten und das Land versöhnen sollen – verbreitete sich in ganz Europa. Gaspard II. de Coligny, hochrangiger französischer Adliger und Admiral von Frankreich, war 1559 zum Calvinismus übergetreten. Er hatte sich zu dessen politischem und militärischem Führer entwickelt. Wie viele andere Hugenottenführer hatte er der Hochzeit beiwohnen wollen. Stattdessen wurde er Opfer eines Attentats. Er wurde ermordet, enthauptet und zur Schau gestellt.

Coligny ist das berühmteste Opfer der Bartholomäusnacht. Zuerst in Paris, dann im ganzen Land fallen Tausende, wenn nicht Zehntausende dem Pogrom zum Opfer. Der calvinistische Theologe Théodore de Bèze schreibt in einem Brief am 10. September: „Bete für uns, die wir nun nichts anderes erwarten, als dass auch wir selbst Opfer dieses Holocausts werden …“ Im Original auf Lateinisch: „Precamini pro nobis, qui aliud nihil nunc expectamus, quam ne et ipsi fiamus istius holocausti…“

Berlin, 400 Jahre später. Die Ost-Berliner Hugenottengemeinde beauftragt Paul Rosié, ein Glasfenster zu Ehren Colignys zu gestalten. Ihr Museum im Französischen Dom ist gerade wegen Umbaus geschlossen, der Jahrestag der Bartholomäusnacht wird verpasst, aber am 4. August '73 wird es in Anwesenheit des französischen Kulturattachés wieder eröffnet und das Glasfenster, das – wie eine Notiz in der Neuen Zeit vom August '73 verrät – von Margarete Peschel ausgeführt wurde, dem Publikum vorgestellt.

Weitere 50 Jahre später, bei Neugestaltung der Ausstellung, wird überlegt, das Fenster zu beseitigen. Der damalige Hugenotten-Pastor Jürgen Kaiser, heute Pfarrer in Potsdam, bestätigt, dass man die Arbeit als Ausdruck einer „Heldengeschichtsschreibung“ zur Disposition gestellt habe. Der künstlerische Rang Rosiés war den Beteiligten offenbar nicht bewusst. Es war Pragmatismus, der das Glasfenster rettete: Das Museum sei mit derart augenfälligen Exponaten nicht überreich gesegnet, hieß es im Beirat. Das Fenster blieb.

Der Rosié-Enkel betreibt ein Tattoo-Studio

Potsdam-Babelsberg. Gegenüber vom S-Bahnhof gibt es ein Tattoo-Studio. Betreiber ist Daniel Rosié, ein Enkel. Wenn sich noch jemand um den Nachlass kümmert, dann er. Er verfügt über ein Konvolut von Entwürfen, darunter auch das Coligny-Glasfenster. Da sind Karikaturen, Filmplakate, Buchillustrationen – und mittendrin auch noch ein Druck von Walter Womackas „Mutter mit Kind“, Rosié gewidmet zum 23. Oktober 1970, seinem 60. Geburtstag. Womacka war lange Leiter der Kunsthochschule Weißensee, an der Rosié erst Lehrbeauftragter, ab 1968 Honorarprofessor für Grafik war, Spezialgebiet Modezeichnung.

Rosié, so sagt sein Enkel, sei eigentlich ein Feigling gewesen, habe sich überall herausgehalten, auch aus der Partei. Mitglied der Hugenottengemeinde war er seines Wissens nicht, obwohl er „alles getan [habe], um als Hugenotte wahrgenommen zu werden“. Dazu hatte er selbst einmal aufgeschrieben: „Meine Muttersprache ist Berlinisch, und ein Franzose bin ich nicht, wohl aber ein Nachkomme der Hugenotten, die bekanntermaßen neben ihrem Glaubenseifer auch noch eine Menge Kultur im Gepäck hatten […]. Ein Leben lang war ich bemüht, mich ihrer würdig zu erweisen.“ Das ist ihm wohl gelungen. Und den Vaterländischen Verdienstorden der DDR gab’s obendrauf.

Rosié entstammte ärmlichen Verhältnissen, lebte – wie in seiner autobiografischen Skizze „Lebenslauf eines Mittelgroßen“ nachzulesen ist – mit der früh verwitweten Mutter in einem Berliner Hinterhaus und hatte Ende der 20er Jahre bei Tuch & Loewenberg drei Jahre Konfektionskaufmann gelernt. Inmitten der Weltwirtschaftskrise wird er arbeitslos, bezieht 3,90 „Stempelgeld“ die Woche, hat aber bereits einen Job als Statist am Schauspielhaus. Jürgen Fehling, den Regisseur, lernt er da kennen, und auch Lotte Lenya. Doch das bleibt ein Intermezzo. Rosié wird Plattenaufleger in einer Transvestitenbar, und – nach autodidaktischen Grafikstudien – Schnellzeichner in einem Tanzpalast an der Friedrichstraße. Er zeichnet am Abend der Machtergreifung, und am Abend des Reichstagsbrandes zeichnet er auch: die Gäste dieses, wie er es nennt, „Bumslokals“.

1936 – Rosié hat wieder Arbeit in der Konfektion – gelingt der Sprung an die Meisterschule für Graphik und Buchgewerbe. Nach zweieinhalb Jahren wird er Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste, damals Voraussetzung entsprechender Berufstätigkeit. Dann ist Krieg. Er wird Schütze im Infanterieersatzbataillon 338, wo er seine Talente in eine Unteroffiziersbierabendulkzeitung investieren kann, bevor er als Zeichner ans Oberkommando des Heeres abkommandiert wird. In den letzten Kriegswochen an die Front geschickt, gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft – in ein Lager mit 100.000 Kameraden unter freiem Himmel, mutmaßlich in den Rheinwiesen, wo es mehrere solcher Lager gab.

Fast wie Grosz zeichnet er das Elend im Nachkriegs-Berlin

Zurück zu Hause zeichnet er das Nachkriegs-Berlin in all seinem Elend. Die Arbeiten werden in Zeitungen nachgedruckt und hoch gelobt: „Rosié erfüllt wie einst George Grosz die in jeder Epoche sich wiederholende Aufgabe, seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten“, schrieb 1947 der Kunsthistoriker und Tagesspiegel-Herausgeber Edwin Redslob. Die FAZ zitiert diesen Satz, als 1995 in der Galerie Leo Coppi erstmals eine ganze Serie dieser Arbeiten gezeigt wird, die 1949 in den USA ausgestellt war, aber nie zurückgekehrt ist. Erst 1994 wurde der noch aufgefundene Rest vom Des Moines Art Center auf Heimreise geschickt. Das Neue Deutschland aber widerspricht Redslob auf liebenswürdige Art: „Rosié fehlten der kalte Haß und der erbarmungslose Strich, um ein Grosz-Erbe zu sein.“

Rosié war bis zum Tod 1984 in vielen Sparten produktiv: Für das Kabarett Die Distel gestaltete er Bühnenbilder, für den DDR-Filmverleih Plakate – vom „Blauen Engel“ bis zu „Bel Ami“. Für Eulenspiegel, Magazin und vor allem die Wochenpost lieferte er Hunderte von Zeichnungen. Zugleich war er erfolgreicher Illustrator von Büchern aller Art – oft für den Kinderbuchverlag der DDR. Vielleicht ist Rosiés künstlerischer Nachlass deshalb in der Kinderbuchabteilung der Staatsbibliothek gelandet.

Herausragend sind die Illustrationen für die DDR-Ausgabe von Thomas Manns Buddenbrooks (1974), die durch einen Sonderdruck vom Lübecker Buddenbrookshaus 2002 posthum gewürdigt wurden: mit feinem Strich ausgeführte Zeichnungen des bürgerlichen und nicht ganz so bürgerlichen Lebens in der Hansestadt.

Oft hat man seine Arbeiten abgeleckt: Die Briefmarke zum 200. Geburtstag von Heinrich von Kleist und jene zu Grimms Märchen „Rumpelstilzchen“ und „Sechse kommen durch die ganze Welt“ wurden in Millionenauflage gedruckt.

Karl Marx und die Stellung der Frau

Im engeren Sinne politische Arbeiten sind kaum überliefert: Eine Serie von Sportmotiven, undatiert, aber mit Hinweis auf das 1950 eröffnete Walter-Ulbricht-Stadion, passt kaum in eine solche Schublade. Infrage kommt das Motiv mit drei Frauen im Büro, zwei im weißen Kittel, eine mit Kopftuch, im Hintergrund eine chemische Großanlage, auf dem Tisch Reagenzgläschen und an der Wand ein Spruch von Marx aus dem Jahr 1868: „Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung der Frau.“ Wobei Rosié hier ein bisschen mogelt: Marx hatte nicht „der Frau“ gesagt, sondern „des schönen Geschlechts (die Hässlichen eingeschlossen)“.

Und dann sind da noch die Entwürfe von 1953 für die Sgraffitos am Kinderheim Makarenko in der Berliner Königsheide. Sie gehören zu den wenigen Arbeiten, die heute noch – aus dem Heim wurde längst ein Wohnpark – öffentlich zugänglich sind. Oder eben der Coligny: Heroisch, gestiefelt und gespornt – im Hugenottenmuseum auf dem Gendarmenmarkt.

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