Coworking-Spaces auf dem Land: Brandenburg statt Bali

Nur acht Plätze hat der Coworking-Space im kleinen Dorf brandenburgischen Prädikow. Doch der Hype wird größer bei dieser „Wette auf die Zukunft“.

Mann vor Reihe von landwirtschaftlichen Gebäuden

Fingerzeig in die Zukunft: Coworking geht im Vierseithof in Prädikow Foto: Uwe Rada

PRÄDIKOW taz | Mit Gettorf in Schleswig-Holstein kann das brandenburgische Prädikow nicht mithalten. Acht Arbeitsplätze beherbergt die ehemalige Traktorenscheune am weiträumigen Vierseithof. Dazu kommen ein Veranstaltungsraum, ein Café und das sogenannte Dorfwohnzimmer als Mini­treffpunkt. Von einem Coworking-Space spricht Philipp Hentschel nicht. Lieber nennt er das, was in der Scheune seit August 2021 angeboten wird, eine „Coworking-Komponente“.

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Vielleicht könnte man es, analog zum Wohnzimmer, auch Dorfbüro nennen. Das Dorf, das sind einmal die 250 Einheimischen, die in Prädikow im Landkreis Märkisch-Oderland leben, sowie 60 Neudörfler, die im Vierseithof genossenschaftlich wohnen. Die Angebote in der Scheune, sagt Philipp Hentschel, seien in verschiedenen Workshops mit den alten und neuen Bewohnern ermittelt worden.

Hentschel ist ein Coworker der ersten Stunde in Brandenburg. In Bad Belzig hat er 2015 das „Coconat“ mit aufgebaut, die Mutter aller Coworking-Spaces im Land. Coworking und Coliving in einem noblen ehemaligen Hochzeits- und Yogahotel: Das kommt an.

Zuvor betrieb Hentschel zehn Jahre lang das „Welance“ in Berlin-Kreuzberg. „Ich hatte schon immer das Privileg, als Selbstständiger ortsunabhängig zu arbeiten“, sagt der Enddreißiger, der mit seiner Familie in Prädikow lebt. Aufgewachsen ist er nicht weit weg, in der Nähe von Strausberg.

Inzwischen haben sich die Coworking-Angebote in Brandenburg „explosionsartig vermehrt“, freut sich Hentschel. Sogar ein Coworking-Festival gibt es mittlerweile. Die Spannweite reicht dabei von „Coworking-Komponenten“ wie in Prädikow bis zu geplanten High-End-Angeboten, wie sie in Lübbenau im Spreewald entstehen sollen. Dort plant die Wissenschaftsstadt Berlin-Adlershof einen Satelliten mit 150 Arbeitsplätzen.

„Der Hype-Faktor ist schon sehr ausgeprägt“, sagt Hentschel. Aber die Realität komme noch nicht hinterher. „Bislang ist es noch eine Wette auf die Zukunft.“ In Prädikow werden die acht Arbeitsplätze ehrenamtlich betrieben. „Um eine Stelle finanzieren zu wollen, bräuchten wir vor allem Teamräume, die wir vermieten können.“ Dazu fehlt aber der Platz.

Profitable Coworking-Spaces in Brandenburg befinden sich vor allem in den Städten. Unicorn etwa hat eine Filiale in Potsdam. In Frankfurt (Oder) haben die Sparda-Bank und das legendäre St. Oberholz in Berlin-Mitte ein Betreiberkonzept für das Blok-O, ein ehemaliges Kaufhaus an der Magistrale der Oderstadt, entwickelt. „Im ländlichen Raum dagegen sind die meisten Angebote wirtschaftlich nicht tragfähig“, weiß Hentschel und blickt etwas neidisch auf Schleswig-Holstein und Gettorf. Dass Verwaltungen wie Data-Port oder große Privatfirmen Kontingente an verschiedenen Standorten haben, um Mitarbeitende einzubuchen, klingt in Brandenburg wie Zukunftsmusik. „Da öffnet sich Coworking noch einmal für ganz andere Berufsgruppen.“

Dennoch sieht Hentschel nicht schwarz für Coworking auf dem Land. Schließlich hätten auch die Kommunen das Thema erkannt und bieten, wie zuletzt in Herzberg im Landkreis Elbe-Elster, „summers of pioneers“ an, um stadtmüde Berlinerinnen und Berliner aufs Land zu locken. Nicht nur preisgünstigen Wohnraum gibt es da, sondern auch Coworking-Angebote, wie etwa im Bahnhof von Herzberg oder im LUG2. Coworking, das wissen die Brandenburger Kommunen inzwischen, sind keine weichen, sondern harte Standortfaktoren.

Geld ist Nebensache

Dass die Wirtschaftlichkeit des ländlichen Coworking am Ende gar nicht das Entscheidende ist, meint Frederik Fischer. Der Gründer und Geschäftsführer der Beratungsagentur Neulandia sieht die Zukunft der Coworking-Spaces eher darin, neue soziale Orte in den Dörfern zu schaffen. „In vielen ländlichen Kommunen gibt es ja kaum noch öffentliche Orte, an denen man sich treffen kann“, sagte Fischer vor Kurzem in einem Interview im Spiegel. „Die kleinen Einzelhändler haben längst geschlossen; wenn man Glück hat, gibt es noch ein Café. In einem Coworking-Space ist immer jemand da, der zum Beispiel auch mal ein Paket annehmen kann. Allein das wissen viele zu schätzen.“

Im Grunde nimmt die Scheune in Prädikow schon jetzt diese Zukunft vorweg. Im Dorfwohnzimmer zum Beispiel hält die Bürgermeisterin der Gemeinde regelmäßig ihre Sprechstunde. „Am Wochenende ist dann das Café die Kneipe für das Dorf“, freut sich Philipp Hentschel.

Um Coworking in Brandenburg ist ihm nicht bange, auch wenn das Land gerade einmal die Abwanderung gestoppt hat, während Schleswig-Holstein dynamisch wächst. Brandenburgs Standortvorteil sei aber Berlin. „Es gibt viele gut zahlende Unternehmen aus Berlin, die gerne mal ein paar Tage rausfahren wollen. Das unterscheidet Brandenburg von Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen.“

Ohne Förderprogramme seien die Projekte aber kaum zu realisieren, meint Hentschel. Der Partizipationsprozess, bei dem herausgefunden werden sollte, was die Menschen in Prädikow brauchen, wurde aus dem Programm „Neulandgewinner“ finanziert. Der Umbau der Scheune wiederum wurde mit Hilfe des Programms „Land digital“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums bestritten.

Noch gibt es in Prädikow keine Übernachtungsmöglichkeiten für die digitalen Nomaden wie im Coconat. Aber die Tendenz ist da, weiß Philipp Hentschel, vor allem nach Corona. Ein Boost für die Remote-Arbeit sei das gewesen. „Früher sind die Digital Nomads nach Bali geflogen, heute fahren sie nach Brandenburg.“

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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