Coronaruhe geht langsam vorbei: Muss ich nicht haben

Schön ruhig war’s im Lockdown. Doch nun geht der Amüsierzwang wieder los. Für manche alten Feierbiester kommt das viel zu spät.

Mann allein auf Balkon mit Laptop

Aus der Lockdown-Frieden: Die Coronaruhe, die manche im Homeoffice verbrachten, naht sich dem Ende Foto: Karsten Thielker

Tja, schade. Der Lockdown-Frieden ist zerstört. Es war eine schöne Zeit, ohne Verpflichtungen, ohne „Partys“, „Kultur“, „Amüsement“, Zusammenkünften aller Art.

Eine Gleichung mit wenigen Unbekannten geht für mich persönlich immer auf

Doch nach einem dramatischen Verfall der Sieben-Tage-Inzidenz weit unter hundert, geht in Berlin der ganze ekelhafte Stress nun wieder los. Biergärten dürfen theoretisch schon am Donnerstagabend öffnen, Cafés und Museen am Freitag; die Schwimmbäder folgen, sobald sie altes Laub und Legionellen rausgepustet haben. Kulturveranstaltungen im Freien sind ab Mittwoch mit bis zu 250 Gästen erlaubt.

250 Leute! Da allein stellt sich doch schon die Frage: Wer möchte denn überhaupt noch so viele Menschen auf einmal sehen? Wir haben uns das nun so lange abgewöhnt, und zum Teil auch schätzen gelernt. Wenig Leute ist gleich wenig Geschrei, wenig Ärger und viel Ruhe: Eine Gleichung mit wenigen Unbekannten geht für mich persönlich immer auf.

Sozial war ich im Lockdown so wenig gefordert wie seit Jahren nicht mehr, und ich habe es genossen. Denn der Starke ist am mächtigsten allein. Fremde Geräusche, Gerüche, Stimmen, Ansichten, kurz – fremde Menschen stressen mich nur. Tiere sind viel angenehmer. Ich hatte die Muße, dem Spiel der Ameisen auf meinem Schreibtisch zuzusehen, oder meine Micky-Maus-Sammlung noch mal in aller Ruhe gründlich durchzulesen. Es war eine wunderbare Zeit. Nun ist sie vorbei.

Angst vor Menschen

Jetzt geht der vermaledeite Amüsierzwang wieder los, dieser blinde Aktionismus aus „hast du schon“, „wollen wir nicht mal“ und „da müssen wir ja auch noch hin!“ Ich habe Ausstellungen schon immer gehasst. Konzerte sind mir längst zu laut, der Rücken tut mir weh, oft sind die anderen Besucher frech zu mir. Sowieso habe ich allgemein Angst vor Menschen. Die mögen mich alle nicht. Ich weiß, dass sie sich über meinen Tod nur freuen würden. So was muss ich nicht haben.

Im Grunde ist die ganze Situation eins zu eins wie jene nach dem Zweiten Weltkrieg. Der fallende Inzidenzwert sind die Alliierten und ich bin in diesem famosen Vergleich der unverbesserliche Nazi, der sich nicht über seine Befreiung freuen kann, weil seine Welt, in der er es sich über die letzten fünfzehn Monate in all ihrer immanenten Lebensfeindlichkeit so prima eingerichtet hat, nun völlig auf den Kopf gestellt wird: Freiheit, Coca-Cola und laute Jazzmusik. Das ist wider meine faschistoide Gartenzwergnatur. Missgünstig und misanthropisch knirsche ich mit den Zähnen. Ich gönne den jungen Leuten ihre Freiheit nicht, die gewohnte Ordnung meines engen kleinen Kosmos ist verschwunden, meine Ruhe ist dahin.

Und zwar wortwörtlich. Denn der Lockdown mit seinen geschlossenen Lokalen und Hostels sowie den ausgebliebenen Billigfliegern hat hier im Viertel für himmlische Ruhe gesorgt. Nachts konnten wir, was in diesem Bermudadreieck für rücksichtslose Feierbiester während der warmen Jahreszeit sonst überhaupt nicht geht, sogar das Schlafzimmerfenster auflassen.

Die kleinen Arschgeigen aus aller Welt blieben fein zu Hause und langweilten sich und andere dort in ihren jeweiligen Ausgangssperren.

Schlafen unter Zeltplanen

Aus der kleinen Grünanlage neben dem Haus dringt zwar auch im Lockdown manchmal lautes Endzeitgebrüll, mal klagend, mal aggressiv und mal in Form von halb erstickten Hilfeschreien, doch das Gezeter erstirbt meist schnell, und die obdachlos gewordenen Künstlerinnen und Barbesitzer legen sich wieder ruhig zum Schlafen unter ihren improvisierten Zeltplanen aus Plastiktüten nieder, die sie dort zwischen den Bäumen aufgespannt haben. Für sie kommt jede Öffnung sowieso zu spät.

Da hätte man das alles auch so lassen können.

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