Coronafreie Antarktis-Expedition: „Quarantäne ist hier normal“

Keith Jacob ist Ingenieur und überwintert auf der Scott Base am Südpol. Die Antarktis ist der einzige Kontinent ohne Covid-19.

Fünf Pinguinküken sthen hinter einem erwachsenen Kaiserpinguin

Müssen sich glücklicherweise nicht an Kontaktbeschränkungen halten: Kaiserpinguine in der Antarktis Foto: imago

taz am wochenende: Herr Jacob, wie war Ihr letztes Wochenende?

Keith Jacob: Sehr gesellig. Eine Reihe von Leuten aus McMurdo, der US-amerikanischen Antarktisstation, kamen zum Dartsspielen vorbei, und einige von uns gingen zu ihnen rüber zum Swing Dance. Ich kann mir hier meine Zeit mit rund 180 Leuten vertreiben.

Klingt wie eine riesige Coronaparty. Keine soziale Distanz in der Antarktis, dem einzigen Kontinent ohne Covid-19?

Wegen der Pandemie kann ich nicht mehr damit angeben, dass ich ein Jahr in der Isolation auf dem Eis verbringe. Ich bin nichts Besonderes mehr (lacht). Die Situation ist auf den Kopf gestellt. Wir sind hier hingekommen, um eine Extremerfahrung zu machen, und jetzt sind wir weniger von anderen abgeschnitten als die meisten Menschen auf der Welt.

Keith Jacob, 51, ist Wasser- und Umweltingenieur. Seit August 2019 arbeitet er auf der neuseeländischen Scott Base. Die Forschungsstation, auf der Jacob und seine Kolleg:innen überwintern, liegt auf einer kleinen Insel vor der Antarktisküste.

Keine „bubbles“, wie die häuslichen Einheiten von Premierministerin Jacinda Ardern genannt werden?

Technisch gesehen sind wir in einer Blase mit der McMurdo-Station, die nur zehn Minuten entfernt ist. Wir sind elf Leute hier auf der Scott Base und 167 dort. Unsere nächsten Nachbarn sind die Italiener, rund 600 Kilometer weg, und es gibt keine Flugverbindung.

Also kommen keine Besucher von außerhalb?

Im Spätsommer kamen noch Kreuzfahrtschiffe, die die historische Discovery-Hütte besichtigen wollten, aber wir haben sie nicht zu uns gelassen. Unser Job besteht vor allem aus Risiko-Abwägung, das machen wir täglich. Für uns sind viele Dinge selbstverständlich, an die sich andere Menschen in den letzten Wochen erst gewöhnen mussten.

Zum Beispiel?

Handdesinfektionsmittel im Speisesaal, regelmäßiges Händewaschen – alle sind da sehr diszipliniert. Mit so vielen Menschen auf engem Raum kann man sich keine Krankheiten leisten, egal welches Virus. Manche müssen auf eine eng getimte Expedition ins Eis und können dabei keine Darminfektion riskieren.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

In der Antarktis ist Quarantäne also nichts Besonderes.

Nein. Wir müssen oft und schnell Teile des Gebäudes von den anderen isolieren. Das ist normale Vorbeugung.

Dann hat die Coronakrise die gesamte Welt verändert, nur bei Ihnen nicht?

Hier herrscht „business as usual“. Plötzlich genießen wir Freiheiten, die alle anderen verloren haben. Der einzige Unterschied für uns ist, dass alle Flüge bis August gestoppt sind. Die Amerikaner haben einige Leute hierbehalten, da sie nicht wissen, ob im Sommer wieder welche nachrücken können.

Wer gehört zu Ihrer Crew?

Wir sind drei Frauen und acht Männer – Mechaniker, Schreiner, Elektriker, Wissenschaftler. Drei von ihnen haben schon mal überwintert. Eine Forscherin müssen wir hoch auf einen Berg bringen, wo sie einen Versuch macht, und es muss eine Probe aus dem See-Eis genommen werden. Aber meistens geht es nur um Instandhaltung.

Was genau ist Ihre Arbeit?

Ich kümmere mich als Wasser-Ingenieur darum, durch Umkehrosmose Trinkwasser aus dem Salzwasser unterm Eis zu gewinnen und das Abwasser zu behandeln, bevor es zurück ins Meer läuft.

Was für eine Art von Mensch muss man sein, um so einen Winter am Südpol zu überstehen?

Wir sind wahrscheinlich alle ein wenig komisch. Überwinterer haben bestimmte Sachen besser im Griff, aber man kann nicht sagen, ob sie eher extrovertiert oder introvertiert sind. Was wir gemeinsam haben, ist die Lust auf Abenteuer und eine generelle Offenheit, sich aus der Komfortzone herauszubewegen. Angeblich verändert einen so ein Winter.

Es ist ja auch dunkel.

Letzte Woche hatten wir noch ein klein wenig Licht, jetzt ist es weg. Ich war heute um viertel vor fünf draußen und konnte gerade noch den Horizont sehen. Die Sterne standen am Himmel. Ab nächster Woche wird es rund um die Uhr dunkel sein. Erst Ende August sehen wir die Sonne wieder.

Vier Monate ohne Tageslicht klingt härter als fünf Wochen zu Hause im Lockdown.

Nun, wir hatten sechs Monate, um uns den Sommer über darauf einzustellen. Wir haben Telefon und Internet, mir geht es prima. Und wir haben das gewählt und wussten, was auf uns zukommt. Die Coronasituation brach über die Menschen herein.

Wie haben Sie sich auf den Winter in der vermeintlichen Isolation vorbereitet?

Ich war schon zwölf Monate vorher auf Stand-by und hatte viel Zeit, mich damit zu beschäftigen, welche Auswirkungen Dunkelheit und Abgeschiedenheit auf die Psyche haben. Es hilft, wenn man vorher weiß, dass eine Veränderung stattfindet. Außerdem habe ich 25 Jahre auf Schiffen an einsamen Orten rund um die Welt verbracht und bin an Einsamkeit gewöhnt. Ich denke immer daran, was alles schiefgehen könnte. Diese Haltung hilft hier vor Ort.

Wurden Sie gut auf die mentalen Herausforderungen vorbereitet?

Das Training ist fantastisch. Wir kümmern uns umeinander und geben uns gleichzeitig Raum. Da es nicht normal ist, so lange auf engem Raum zusammen zu sein, müssen wir bestimmte Dinge lernen – zum Beispiel die Stimmungen der anderen einschätzen zu können. Manche müssen sich ab und zu zurückziehen und eigene Sachen machen. Aber wenn sie sich zu sehr abkapseln, ist es gut, sie in eine Gruppenaktivität einzubinden.

Was zum Beispiel?

Wir haben Puzzle und Kartenspiele, in den Kaffeepausen gibt es Kreuzworträtsel. Es ist gut, neben den ganz normalen täglichen Interaktionen noch etwas anderes zu haben. Wir sind alle über unsere Familien zu Hause im Bilde und gucken abends immer zusammen die Nachrichten.

Viele Menschen tun sich mit wochenlanger Selbstisolation schwer. Haben Sie Tipps?

Am besten hat man einen Tagesablauf mit kleinen Zielen oder Herausforderungen und einer festen Routine. Freizeit, Pausen, Mahlzeiten – der Körper und das Gehirn sind an diese Sachen gewöhnt. Das gibt in der Unsicherheit mehr Stabilität. Sich bei Menschen melden, mit denen man lange nicht gesprochen hat, hilft auch – nicht zum Einsiedler werden.

Und was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Draußen passiert jetzt nicht mehr viel, daher verziehen wir uns ins Gym. Es gibt viele Clubs für diverse Interessen, man kann Tanzunterricht nehmen und Yoga machen. Heute spielen wir Fußball und nach dem Abendessen gucke ich „Star Wars“.

Kann es auch mal klaustrophobisch werden, oder droht der Hüttenkoller?

Im Sommer ist es richtig voll hier. Wir hatten 85 Wissenschaftler und anderes Personal hier auf der Scott Base, 350 kamen kurzfristig durch, und dann noch 1.200 Leute auf der McMurdo-Station. Ich genieße es jetzt, dass es ruhiger ist, mit weniger Ablenkung. Ich lerne meine Leute durch längere Gespräche besser kennen und erfahre nach acht Monaten noch immer Neues. Manche halten spannende Vorträge über ihre Klettertouren und Expeditionen.

Gibt es für Sie etwas Positives in dieser Pandemie?

Ich freue mich, dass ich meine Freunde auf der ganzen Welt besser erreichen kann. Da die meisten zu Hause im Lockdown sind, haben sie mehr Zeit, um mit mir zu telefonieren.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de