Corona-Inzidenz in Osteuropa steigt: Angst und Aberglaube

In Osteuropa lehnen viele Menschen die Impfung ab. Mittlerweile sind die Gesundheitssysteme überfordert. Die Lage gerät außer Kontrolle.

Eine Hand hält sich an einem krankenhausbett fest, die Frau hat rosa Fingernägel

Intensivpatientin auf einer behelfsmäßigen Covid-Station in Bukarest Foto: Andreea Alexandru/ap

In Teilen Osteuropas herrscht Alarmstufe Rot. Seien es die drei EU-Länder Bulgarien, Rumänien und Lettland oder auch Russland – die Coronazahlen steigen derzeit dramatisch. Die Gesundheitssysteme sind hoffnungslos überfordert angesichts maroder, schlecht ausgestatteter Kliniken und Ärzt*innen, die seit Monaten am Limit arbeiten. Ohnehin haben selbst in Nicht-Pandemie-Zeiten nur die Pa­ti­en­t*in­nen eine Chance auf Behandlung, die ein beträchtliches Sümmchen aufbringen können.

Ein wesentlicher Grund für diese fatale Entwicklung in Form rapide ansteigender Infektions- und Sterbezahlen ist eine weit verbreitete Ablehnung in der Bevölkerung, sich immunisieren zu lassen. In Bulgarien, EU-weit Schlusslicht, beträgt die Quote vollständig Geimpfter gerade mal 20 Prozent.

Diese Impfskepsis ist Ausdruck eines tief sitzenden Misstrauens gegenüber dem Staat – ein über die jahrzehntelange Diktatur eingeübter Reflex. An dieser Haltung hat sich nichts geändert – inkompetenten und ignoranten Po­li­ti­ke­r*in­nen sei Dank. Bulgarien und Rumänien sind seit Monaten im Krisenmodus, stabile Regierungen gibt es nicht. Politische Spielchen und Intrigen sind wichtiger als das (Ab-)Leben der Bürger*innen.

In Lettland sind ein Großteil der Ungeimpften ethnische Russ*innen, die ein Drittel der Bevölkerung des Landes ausmachen. Die Forderung von Expert*innen, dieser Minderheit Informationen über Covid auch in ihrer Muttersprache zugänglich zu machen, lehnte die Regierung ab: Das zerstöre die nationale Sprachpolitik. Man kann nur den Kopf schütteln.

Die vierte Welle kommt mit voller Wucht

Und Russland? Dort nimmt sowieso kaum jemand offizielle Statistiken für bare Münze. Warum also an die Wirksamkeit der heimischen Wunderwaffe Sputnik V glauben?

Apropos Glauben: Auch die orthodoxe Kirche, von jeher ein Hort der Reaktion, arbeitet kräftig daran, ihre Schäfchen möglichst rasch ins Jenseits zu befördern. Denn Gottes Wort hat beim Volk großes Gewicht. Wie sonst wäre das Gebaren eines rumänischen kirchlichen Würdenträgers zu erklären, der die Kommunion unter Umgehung aller Hygienemaßnahmen zelebriert und noch dazu erklärt, dass eine Infektion mit Covid ausgeschlossen sei.

Immerhin: Die vierte Welle der Pandemie scheint nicht nur in den Ländern, sondern auch in den Köpfen der politisch Verantwortlichen mit voller Wucht anzukommen. Restriktive Maßnahmen wie Lockdowns, Sperrstunden, Zwangsurlaube sowie die 3G-Regel sollen jetzt das „Desaster“ aufhalten, verbunden mit der Forderung, sich doch bitte den Schuss abzuholen. Doch ob dieser Appell auf die Schnelle noch Gehör finden wird, ist fraglich. Schon sind viele weitere Opfer abzusehen. Die Katastrophe ist hausgemacht.

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Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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