Coachin über das Neinsagen: „Ich kann elegant Nein sagen“
Gerade Frauen fällt es oft schwer, Nein zu sagen. Warum das nicht nur etwas Schlechtes ist und wie es doch klappt, erklärt Coachin Caroline Koerber.
taz: Frau Koerber, in Ihrem Workshop geht es ums Neinsagen. Können Sie das gut?
Caroline Koerber: Heute besser als früher. Tatsächlich helfen mir die Strategien, die ich anderen Menschen vermittle. Ich wende sie täglich an. Inzwischen kann ich wirklich elegant Nein sagen.
taz: Früher war das anders?
Koerber: Ja. Ich gehörte zu den Menschen, denen das Ja leichter fällt als das Nein.
taz: Warum fällt es uns oft schwer, Nein zu sagen?
Koerber: Die Gründe dafür sind erst einmal gute: Wir sind gut erzogen, wir sind hilfsbereit. Wir möchten nicht anecken, nicht ausgegrenzt werden. Wir Frauen sind auch noch stärker darin sozialisiert, die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. In der Erziehung bekommen wir oft vermittelt: Uns geht es gut, wenn es den anderen gut geht. Aus einer erwachsenen reifen Haltung heraus lohnt es sich aber, diese Annahme auf den Prüfstand zu stellen: dass wir Ja sagen müssen, um all das zu erreichen.
taz: Was braucht es dafür?
Koerber: Wir sollten zuerst lernen, wo unsere Triggerpunkte sind. Worauf springen wir an, wenn wir eigentlich gar nicht wollen? Zum Beispiel, wenn die andere Person mit einem Kompliment startet. „Keine kann das so wie du.“ Oder wenn man überrumpelt und mit Zeitdruck konfrontiert wird. Oder emotionaler Druck genutzt wird, klassischerweise in der Partnerschaft. „Wenn du nicht mitkommst, dann …“
taz: Was haben wir denn davon, wenn wir einfach Ja sagen, obwohl wir etwas gar nicht wollen?
Koerber: Anerkennung. Das ist die Währung des Deals. Anerkennung, Verbundenheit, Zugehörigkeit, Liebe.
taz: Und was sind negative Folgen?
Koerber: Wir geben gleichzeitig etwas auf: Selbstfürsorge, die eigenen Bedürfnisse. Vielleicht möchte ich heute einfach nicht mit Freundinnen los, obwohl ich zugesagt habe. Wir verlieren Zeit für uns selbst. Und langfristig verlieren wir auch die Fähigkeit, unsere Bedürfnisse überhaupt zu spüren. Eine weitere Steigerung ist, dass wir körperlich spüren, dass etwas nicht stimmt. Wir schlafen schlecht, nachts zwischen zwei und vier Uhr fällt uns alles ein, was noch zu erledigen ist. Oder Rückenschmerzen, Magenschmerzen, Erschöpfung.
„Souverän Nein sagen – ganz ohne schlechtes Gewissen“, 21. Mai, 17 Uhr, online, 25 Euro, Veranstalter und Anmeldung: Digital Media Women e.V.
taz: Wie ist das für die anderen, wenn ich immer Ja sage?
Koerber: Das ist unterschiedlich. Manche könnten denken, dass sie die Person ausnutzen können. Oder dass sie kein Standing hat. Bei Führungskräften gilt zudem: Wenn ich immer übernehme – typisch für viele Führungskräfte –, erziehe ich mein Team quasi zur Hilflosigkeit.
taz: Sie sprachen von „elegant Nein sagen“. Was sind elegante Formulierungen?
Koerber: Die wichtigste Strategie ist erst mal: Verschaff dir Zeit. Antworte nicht sofort. Eine passende Formulierung dafür wäre: „Ich überprüfe das und melde mich gleich bei dir.“ Dann gibt es die Ja-und-Nein-Strategie: „Ich verstehe, wie wichtig das ist – und zugleich kann ich das nicht übernehmen.“ Ich sende damit eine Botschaft, die auf der Beziehungsebene Ja sagt. Der zweite Teil – wichtig: „und“ statt „aber“ verwenden! – ist das dann das Nein. Noch ein letztes Beispiel: Die Unter-meinen-Bedingungen-Strategie. „Ich kann das übernehmen, heute nicht, Donnerstag gerne.“
taz: Ist der Workshop für alle Geschlechter oder nur für Frauen?
Koerber: Für alle. Mir begegnen natürlich auch Männer, die das Problem haben. Ihr Motiv ist eher: Verantwortung alleine schultern – was beispielsweise darin resultiert, ständig erreichbar sein zu wollen.
taz: Welche Tipps haben Sie noch auf Lager?
Koerber: Wie gesagt, Zeit verschaffen – und den Impuls unterdrücken, ein Problem sofort lösen zu wollen. Stell lieber eine Rückfrage an dein Gegenüber: „Wie könntest du es anders lösen, wenn ich es nicht machen kann?“ Wenn jemand trainieren will, gesunde Grenzen aufzubauen, empfehle ich Folgendes: Erstens darauf achten, was innerlich abläuft, worauf ich anspringe. Zweitens eigene Bedürfnisse feststellen. Und drittens, wenn es ums Neinsagen geht: nicht mit den großen Lebensthemen anfangen, sondern mit kleinen Dingen im Alltag.
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