Cholesterin zu Weihnachten: Der Plätzchentrick

Die Fettstoffwechselsprechstunde: Für Cholesterinpatienten ist sie der regelmäßige lästige Kontrollblick aufs Essverhalten. Da hilft nur Weihnachten.

Zimtsterne, aufgereiht

„Sie wissen ja, wie das ist, Herr Doktor!“ Foto: imago

Der erfahrene Cholesterinpatient vereinbart einen Termin direkt nach Weihnachten. So erntet er statt Belehrungen Mitgefühl. Statt Kritik an einem Alltag voller Plätzchen, Süßgetränke und Alkohol gibt es Verständnis dafür, dass es an den Feiertagen eben nicht anders geht. Er darf sich auch selbst ein wenig in dem Glauben wiegen, es handle sich bei seinen entgleisten Blutfetten um eine Ausnahme.

Das Stichwort, dessen der erfahrene Cholesterinpatient müde geworden ist, lautet „schnell verstoffwechselbare Kohlenhydrate“, vor allem, wenn er gar kein klassischer Cholesterinpatient ist, sondern ein Patient mit erhöhten Triglyzeriden. Diese sogenannten Nahrungsfette lassen sich nämlich im Gegensatz zu erhöhtem Cholesterin ausgezeichnet durch Ernährungsumstellung, Sport und Alkoholabstinenz behandeln.

Wer aber verzichtet an Weihnachten auf Süßigkeiten, trinkt keinen Alkohol und treibt Sport? In der Regel nur Menschen, die eine Wette mit hohem Einsatz verloren haben. Alle anderen versuchen, für ein paar Tage zu vergessen, wie undankbar es ist, sich gegen seine Triglyzeride zu stemmen, und manch einer würde am liebsten ohnehin dauerhaft eine Anti-Plätzchen-Tablette nehmen und so weitermachen wie bisher.

Nach Weihnachten kommt der Patient voller Gebäck und guter Vorsätze

Besonders ungerecht: auch Fruchtzucker lässt die Triglyzeride in die Höhe schnellen, und überraschend viele Menschen essen jeden Tag eine Handvoll Weintrauben. Wenn dies dann eigentlich auch noch begonnen wurde, um Plätzchen einzusparen, ist der Frust auf die Spielverderberzunft der Ärzte groß. Die lästigen Kontrollen in der Fettstoffwechselsprechstunde sind wie der kritische Blick der medizinischen Fachangestellten bei der professionellen Zahnreinigung. Der eine sieht im Labor das Zuviel an Plätzchen, die andere im Mund das Zuwenig an Zahnseide – da kann der Zahnarzt noch so freundlich das Übegebiss rausholen, man weiß, man hat versagt.

Aggressiv zuwarten

Und so kommt der erfahrene Patient lieber nicht mehr an einem normalen Tag. Das Konzept hat sich bewährt. Der Arzt bemängelt die schlechten Werte, der Patient beruft sich auf Weihnachten, der Arzt nickt verständnisvoll, liebäugelt dann aber doch mit einer Dosiserhöhung, woraufhin der Patient um Aufschub bittet, ob denn der Arzt schon wieder vergessen habe, dass gerade Weihnachten war, woraufhin der Arzt wieder verständnisvoll nickt und eine Kontrolle in drei Monaten vorschlägt. Fast wünschte er sich, alle Patienten kämen nach Weihnachten, so voller guter Vorsätze sind die Menschen selten. „Aggressiv zuwarten“ nennt das sein Oberarzt – der Arzt in der Fettstoffwechselsprechstunde arbeitet gerne im Januar.

Und der Patient? Auch der ist zufrieden mit dem harmonischen Gespräch, wer hätte gedacht, dass die Augen des Arztes so empathisch glänzen können.

Warum er so traurig dreinsehe, fragt ihn die Sprechstundenhilfe beim Rauskommen. „Ach“, sagt er, „ich wünschte, es wäre bald wieder Weihnachten.“ Darauf die Schwester verschwörerisch: „Erhöhte Triglyzeride nach den Feiertagen? Da empfehle ich Ihnen einen Termin nach Ostern, Mitte April wäre noch was frei! Und vielleicht gibt es ja in ihrer Familie im Sommer eine Hochzeit? Dann hätten Sie den perfekten Rhythmus: Weihnachten, Ostern, Hochzeit und Halloween.“ „Warum tun Sie das?“, fragt der Patient. „Mein Arzt ist viel besser gelaunt, wenn er nicht dauernd schimpfen muss“, sagt die Schwester. Und der Patient bucht zufrieden das Fettstoffwechselstörungs-Kontrolltermin-Jahrespaket in der Postfeiertagsversion.

Eva Mirasol ist Autorin und Ärztin und kennt sich mit Fett­stoff­wechsel­sprech­stun­den aus.

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