piwik no script img

Chinas neue kulinarische CoolnessDie Abkehr von der chinesischen „Fantasieküche“

In die exotisierte Wahrnehmung chinesischer Küche mischte sich in Deutschland immer wieder auch eine Zuschreibung kultureller Fremdheit.

Chen Chunwei hat einen Großteil ihrer Kindheit in den Restaurants ihrer Eltern verbracht. Nun sitzt sie in Chen’s Wok am Ernst-Reuter-Platz. Normalerweise wäre sie auf Einkaufstour für die Lokale der Familie in Berlin. Doch jetzt ist etwas Ruhe eingekehrt. Chens zwei kleine Töchter wuseln im Laden herum. Zwei Söhne haben schon studiert und sind aus dem Haus.

Die Familie blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Chens Großonkel kam während des Zweiten Weltkriegs aus China nach Deutschland, als Söldner für das Dritte Reich, wie sie erzählt. Nach dem Krieg blieb er und heiratete. Mit den Jahren kamen mehr Familienmitglieder und bauten chinesische Restaurants in der ganzen Bundesrepublik auf. Chen Chunwei selbst stieß Ende der 80er zu ihrem Vater, der schon einige Jahre in Deutschland lebte. Damals war sie sechs.

Mit ihrer Familie hat Chen diverse Umzüge mitgemacht, von Restaurant zu Restaurant, ob nach Bremen, in das märkische Buckow oder ins hessische Obertshausen. Das kulinarische Grundprogramm war lange, was Chen „europäisch-chinesische Küche“ nennt – mit Ente süßsauer auf der Speisekarte, Inneneinrichtung in traditioneller Hochkulturoptik und stets dem Wort „China“ im Restaurantnamen. Warum das so war, wisse sie selbst nicht so genau, die Familie habe an bestehende Standards angeknüpft. Man müsse mal jemanden fragen, der sich genau mit der Geschichte auskennt.

Der Hamburger Historiker Lars Amenda forscht dazu seit Langem. Die gleichförmige chinesische „Fantasieküche“ sieht er als ein Produkt der industriellen Konsumgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Augen der Mehrheitsgesellschaft verkörperte chinesisches Essen eine fremde Welt, die anfangs nur schwer zu beherrschen war – versinnbildlicht durch den Gebrauch von Stäbchen, beschreibt Amenda. Mit steigender Kaufkraft sehnten sich viele nach „kulinarischen Kurzurlauben“ und fanden sie im exotisierten Ambiente der Chinarestaurants.

Misstrauische Blicke

In diese Wahrnehmung mischten sich immer wieder auch Zuschreibungen kultureller Fremdheit. Auch Chen Chunwei berichtet von Erfahrungen der Zurückweisung. Während ihrer Zeit in Obertshausen etwa habe sich die Familie ganz und gar nicht willkommen gefühlt. Von offenen Angriffen berichtet sie nicht, wohl aber von misstrauischen Blicken und dem Gefühl gemieden zu werden. Die Familie verließ den Ort vorzeitig. Banken und Versicherungen wiederum schauen bei der Familie oft besonders genau hin, da wundere sie sich schon ein wenig: „Wir leben schon so lange in Deutschland und wollen Geschäfte betreiben wie jeder andere auch.“

Banken und Versicherungen wiederum schauen bei der Familie oft besonders genau hin

Seit 2013 lebt die Familie wieder in Berlin. Zumindest auf kulinarischer Ebene kamen die Dinge in den letzten Jahren in Bewegung. Einige Gerichte bei Chen’s Wok seien weiter europäisch-chinesisch, beschreibt Chen. Doch das Lokal hat sich nun auf authentische Sichuanküche spezialisiert, inklusive der eigentümlichen „Málà“-Note des Sichuanpfeffers, die auf der Zunge leicht betäubend wirkt.

Den stärkeren Trend zur authentischen Küche erkennt Amenda schon seit den 2000er Jahren. Und punktuell gab es sie auch schon davor, etwa mit der schicken Hongkong-Bar in den 1950ern auf der Kantstraße. Nun hat die Stadt deren Coolness offenbar flächendeckend entdeckt.

Die Abkehr von der chinesischen „Fantasieküche“ darf dabei als Zeichen kultureller Ent-Fremdung gelten. Und man mag hoffen, dass sie sich auch auf das gesellschaftliche Miteinander überträgt. Für Chen bringt all das aber auch Herausforderungen mit sich. Der Wettbewerb zwischen den Restaurants sei auf jeden Fall größer geworden, sagt sie. „Man muss sich immer etwas Neues einfallen lassen.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare