: Carlson mit Dachschaden
Tucker Carlson ist eine der publizistischen Schlüsselfiguren der Rechten in den USA. Neuerdings finden sogar Linke manche seiner Positionen gut. Was ist da los?
Foto: Mark Peterson/Redux/laif
Von Lukas Hermsmeier
Die Sache mit Tucker Carlson, also das neue Phänomen um diesen Mann, das war erstmals im Juni 2025 zu beobachten. Der Moderator hatte damals den texanischen US-Senator Ted Cruz zu Gast in seiner Talkshow und nutzte die zwei Stunden des Gesprächs, um den republikanischen Politiker mit offensichtlichem Genuss vorzuführen. Carlson warf Cruz Kriegstreiberei vor, vor allem wegen dessen Ruf nach einem durch die USA herbeigeführten Regimewechsel im Iran. Als Carlson testen wollte, was Cruz überhaupt über den Iran wisse, musste dieser zugeben, nicht mal die grobe Bevölkerungszahl des Landes zu kennen.
Ein Clip dieses Wortwechsels ging viral, allein auf Youtube wurde er bis heute vierzehn Millionen Mal geschaut. „Hervorragend“ sei Carlsons Gesprächsführung gewesen, kommentierte der bekannte Journalist Mehdi Hasan anschließend. Viele in Hasans progressivem Umfeld stimmten zu. Plötzlich bekam Carlson, einer der bekanntesten Rechten der USA, Applaus von links.
Carlson hat seither viele solcher Momente produziert. Im vergangenen Februar stellte er Mike Huckabee, den US-Botschafter in Israel, für dessen theologische Verteidigung der israelischen Kriegsverbrechen in Gaza bloß. Im April sorgte Carlson mit dem Bekenntnis für Schlagzeilen, dass er es mittlerweile bedauere, im Wahlkampf 2024 für Donald Trump mobilisiert zu haben. Anfang Juli gab der 57-Jährige bekannt, beim Aufbau einer dritten Partei mithelfen zu wollen, um das Spektrum der Wahlmöglichkeiten zu stärken. Diverse Medienfiguren, die mit Carlson politisch sonst quer liegen, haben sich in vergangenen Monaten positiv auf ihn bezogen, darunter Barack Obamas früherer Redenschreiber Jon Favreau, der linke israelische Journalist Gideon Levy sowie Cenk Uygur, Moderator der Sendung „The Young Turks“.
Dass Carlson Schlagzeilen macht, ist nichts Neues. Der Mann prägt seit drei Jahrzehnten das amerikanische Fernsehen und ist spätestens seit seiner Zeit beim Sender Fox News, wo er zwischen 2016 und 2023 zur Primetime moderierte, eine Figur mit globaler Reichweite. Carlson pflegt engen Kontakt zu führenden Politikern, hält bei großen rechten Konferenzen die Keynote-Reden. Spekuliert wird sogar, ob er bei den Präsidentschaftswahlen 2028 antreten könnte.
Bemerkenswert ist vielmehr, womit Carlson derzeit Schlagzeilen macht. Zuletzt nämlich nicht nur mit reaktionären Aussagen, wie man es von ihm gewohnt war, sondern mit Positionen, die man, isoliert betrachtet, als vernünftig bezeichnen könnte. Statt zig Milliarden Steuergelder im Ausland zu verballern, meint Carlson etwa, sollte sich die Regierung lieber um die vielen ökonomischen und sozialen Probleme im eigenen Land kümmern.
Wer noch einen letzten Beweis dafür suchte, dass irgendetwas mit Carlson los ist, wurde im Mai bedient, als Carlson im Gespräch mit seiner früheren Fox-News-Kollegin Megyn Kelly zu einer Verteidigung des Islams ansetzte. Genau wie seine Religion, das Christentum, basiere auch der Islam auf einem „universellen Weltbild“, sagte er mit ernstem Blick. Bedeutet: Jeder Mensch könne Teil davon werden, und genau das entspräche seiner persönlichen Überzeugung. Islamfeindlichkeit lehne er prinzipiell ab. „Nennt mich halt einen Moslem-Liebhaber, nur zu, na und?“
Halten wir an dieser Stelle kurz inne. Carlsons jüngste Äußerungen werfen gleich eine Reihe von Fragen auf, und das nicht nur zu seiner Person, sondern zur ideologischen Justierung der US-Rechten, zur Zukunft von Trumps „Make America Great“-Bewegung, und auch dazu, was das eigentlich für die andere Seite, für „uns“ bedeutet.
Wie ist es gekommen, dass ausgerechnet jener Medienmacher, der in den vergangenen zehn Jahren wie kaum ein anderer den Trumpismus diskursiv genährt hat, nun mit Trump gebrochen hat? Wie sollte man Carlsons Sorge um die iranische Zivilbevölkerung und palästinensische Kinder einordnen? Und lässt sich Carlson angesichts seiner Haltungen als strategischer Partner für die Linke nutzen, wie es bereits einige fordern?
Das Erste, das man über Carlson wissen sollte: Er ist beides, Ideologe und Geschäftsmann. Tiefe politische Überzeugungen sind bei ihm mit einem ausgeprägten Sinn für die Medienökonomie verschnürt. Carlson weiß, wen er hasst. Aber er weiß auch, was er sagen muss, um durchzukommen.
Deutlich wurde das bereits zu Beginn seiner TV-Karriere, wie der Journalist Jason Zengerle in seiner im Januar erschienenen Carlson-Biografie „Hated By All the Right People“ erzählt. Als der Sender CNN im Jahr 2001 Carlson als rechten Part der Debattenshow Crossfire auserkoren hatte, gab es großen Widerspruch aus dem rechten Lager. Carlson sei kein „echter Republikaner“, ließ der führende Kongressabgeordnete Tom DeLay über seinen Sprecher mitteilen. Selbst TV-Kollege Robert Novak, der sich mit Carlson als Moderator von Crossfire abwechseln sollte, machte klar, dass er Carlson für eine Fehlbesetzung halte. „Als heimlicher Liberaler bezeichnet zu werden, war eine harte Anklage“, gestand Carlson später. Weil er fürchtete, dass dieser Vorwurf seinen Aufstieg gefährden könnte, tat Carlson in den folgenden Jahren alles dafür, als rechter Vorkämpfer ernst genommen zu werden. Sein Kulturkampf wurde schriller, die Demokratische Partei von ihm fortan ohne Wenn und Aber zerfetzt.
Die damalige Episode zeigt, was bis heute gilt: Sobald Carlson etwas beweisen will, sei es im Sinne der Karriereerhaltung oder zur politischen Argumentation, verbeißt er sich darin. Eine Weile lang geht es dann um nichts anderes mehr. Das Obsessive gehört zur Marke. Auch in seinem Verhalten steckt bis heute viel Theatralik. Wenn sein Gegenüber etwas sagt, das Carlson besonders falsch findet, dann lacht er so laut und schrill, als wäre es eine Skriptanweisung – Tucker, spiel dich selbst. Der Verweis auf Carlsons Showwesen soll jedoch nicht bedeuten, dass man seine Inhalte weniger ernst nehmen muss. Im Gegenteil sogar, man kann Carlson als einen Gradmesser verstehen. Er spürt oft vor anderen US-Rechten, wohin die politische Reise geht.
Gott, Nation, Familie sind seine Säulen
Carlson wuchs als „Kind des Kalten Krieges“ auf, schreibt Zengerle in seinem Buch. Die Familie lebte in Kalifornien, damals Hauptschauplatz der progressiven Gegenkultur. Tuckers Vater Dick stand jedoch auf der anderen Seite, als großer Anhänger Ronald Reagans, für den er später auch arbeitete. Dass Dick nicht nur Direktor des staatlichen Auslandssenders „Voice of America“ war, sondern für den Auslandsnachrichtendienst CIA Informationen lieferte, gilt als offenes Geheimnis. Tuckers leibliche Mutter verließ die Familie, als er sechs war. „Es gibt fast nichts, was ich weniger mag als Leute, die über ihre Kindheit jammern“, hat Carlson dieses Erlebnis mal nachdrücklich für bedeutungslos erklärt. Ein paar Jahre später heiratete sein Vater eine schwerreiche Frau.
Tucker wurde auf ein konservatives Internat in Rhode Island geschickt, wo er Susie kennenlernte, seine heutige Frau, mit der er vier Kinder hat. Von Susie inspiriert, wuchs bei Carlson das Interesse an Religion. Er wurde Mitglied einer konservativen Strömung innerhalb der ansonsten progressiven Episkopalkirche. So formten sich viele seiner Überzeugungen, etwa, dass Abtreibungen und Homosexualität Sünden seien. Emanzipatorische Ideen ließ Carlson auch im Studium nicht an sich heran. Als einige seiner Kommilitonen auf dem Trinity College gegen eine Anwerbungs-Aktion der CIA protestierten, bemalte Carlson ein Bettlaken mit der Aufschrift „Welcome CIA“ und hängte es aus seinem Fenster. Carlson ging in dieser Zeit zunehmend in der Identität eines „WASP“ (weißer angelsächsischer Protestant) auf, wie die weiße Oberschicht der Ostküste mit englischen Vorfahren bezeichnet wird. Zum Selbstverständnis vieler WASPs gehört der Glaube, die wahren Repräsentanten Amerikas zu sein.
Mit Rückblick auf Carlsons Politisierung lässt sich festhalten: Der Mann ist sich in vieler Hinsicht bis heute treu. Gott, Nation, Familie sind die Säulen seines Weltbildes. Daraus ergeben sich auch wesentliche Fronten seines ideologischen Kampfes. Wer das Christentum, die USA und traditionelle Geschlechterrollen infrage stellt, ist der Feind. Die emanzipatorischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte, die genau das taten, sind für Carlson deshalb Ausdruck eines Zerfalls. Er sieht die USA schon seit langer Zeit auf einem Weg ins Verderben. Carlson will zurück in die Vergangenheit. Als die Verhältnisse aus seiner Sicht geordneter waren. Ein typischer Konservativer, könnte man sagen. Doch unter Konservativen ist nicht geklärt, um welches Früher es dabei eigentlich geht.
Um Carlsons gegenwärtige Bedeutung zu verstehen, muss man sich dem Schlüsselkonflikt der US-Rechten zuwenden. Es geht um den Konflikt zwischen Neokonservativen und Paläokonservativen. Die zwei Camps haben nicht nur unterschiedliche Vorstellungen davon, wann die USA in ihrer Blüte standen, sondern vor allem davon, welche Rolle die USA in der Welt spielen sollten.
Neokonservative setzen auf eine interventionistische Außenpolitik und entfesselten Marktliberalismus. Sie wollen, dass die USA als globale Macht agieren, militärisch und ökonomisch. Das schließt auch die Öffnung für eine bestimmte Form der Arbeitsmigration ein. Als außerparlamentarischer Vordenker gilt der Autor Irving Kristol, der zwischen 1972 und 1997 eine Kolumne für das Wall Street Journal schrieb. Machtpolitisch relevant wurden die „Neocons“ zwischen den neoliberalen Reagan-Reformen und der kriegswütigen Außenpolitik der Nullerjahre unter Präsident Bush Junior.
In Reaktion auf den Neokonservatismus verbreitete sich in den 1980er-Jahren der Begriff des Paläokonservatismus. Figuren wie Pat Buchanan, der sich mehrfach als Präsidentschaftskandidat versuchte, wollten die Rechte zu ihrem „Ursprung“ zurückführen. Sie setzten auf stramme Abschottung der USA durch Mauern und Zölle, forderten eine Rückbesinnung auf „traditionelle Werte“. Supranationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation, den Internationalen Währungsfonds und die Vereinten Nationen lehnten sie ab. Während sich manche „Paläos“ nach dem „Vergoldeten Zeitalter“ Ende des 19. Jahrhunderts zurücksehnen, glorifizieren andere die Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Reise geht jedenfalls in eine Zeit, bevor das Civil Rights Moment und der Feminismus der zweiten Welle ihre Spuren hinterlassen konnten.
Carlson stand am Anfang seiner Karriere auf Seite der Neocons. Er glaubte an das Anrecht der USA auf die Rolle einer Weltpolizei. Seine erste Festanstellung war beim Magazin Weekly Standard, so etwas wie die neokonservative Bibel. Als die USA nach den Anschlägen am 11. September 2001 erst in Afghanistan und später in den Irak einmarschierten, war Carlson zunächst lautstark dafür. Nachdem Carlson Ende 2003 selbst in den Irak reiste, um dort US-Soldat:innen zu besuchen, wich diese Überzeugung jedoch. Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits als US-Propaganda herausgestellt.
„Ich schäme mich dafür, den Krieg im Irak unterstützt zu haben“, sagte Carlson im Sommer 2004. Schuld gab er den Neokonservativen, deren Propaganda er gefolgt sei. „Nie wieder“ werde er diesen Fehler machen. Carlson rief sogar persönlich bei Pat Buchanan an, dem paläokonservativen Chefideologen, um sich für seine früheren Angriffe auf ihn zu entschuldigen. Sukzessive wuchs bei ihm in dieser Zeit eine anti-interventionistische „America First“-Haltung. Mit anderen Worten: Carlson wurde zum Paläo. Und zwar nicht aus moralischer Ablehnung des US-Imperialismus, nicht weil er sich um die irakische Bevölkerung sorgte, die er als „halbgebildete primitive Affen“ beleidigte. Carlson erkannte in Nation Building schlichtweg keinen Nutzen für das eigene Land.
Was Carlson sagte, wiederholte Trump
Als Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, sah Carlson, der mit der Fox-News-Show Tucker Carlson Tonight eine Woche nach Trumps Wahlsieg erstmals on air ging, die historische Chance auf eine paläokonservative Wende. Trump hatte im Wahlkampf die „endlosen Kriege“ kritisiert, harten Grenzschutz und eine protektionistische Wirtschaftspolitik gefordert – allesamt Carlsons Überzeugungen. Schnell merkte Carlson, dass er die Regierungspolitik aktiv mitsteuern kann: Was er abends im Fernsehen sagte, wurde vom Präsidenten oft am nächsten Tag gegenüber der Presse wiederholt. Carlson hat seine mediale Präsenz in den vergangenen zehn Jahren vor allem für Hetze gegen Immigrant:innen und trans* Menschen genutzt. 2021 verlegte er sein Studio für eine Woche nach Budapest, um dort für Viktor Orbán Werbung zu machen. Er hat immer wieder die Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ verbreitet, wonach die weiße Bevölkerung gezielt ersetzt werde. Und er lädt gerne Holocaustleugner in seine Show ein, im vergangenen Oktober etwa den jungen Online-Agitator Nick Fuentes, der offen Adolf Hitler preist. Applaus kriegt Carlson dafür regelmäßig von rechtsextremen Medien wie The Daily Stormer und Breitbart.
Wie erklärt sich vor diesem Hintergrund, dass Carlsons Inhalte in jüngster Zeit auch von Linken geteilt werden?
Ein Faktor ist, dass Carlson seit einigen Jahren zunehmend eine Kritik an den ökonomischen Verhältnissen formuliert, die tatsächlich Spuren einer linken Analyse enthält. Carlson wirft beispielsweise der Pharmabranche vor, die Opioid-Epidemie produziert zu haben und am Leid Zehntausender Drogensüchtiger zu verdienen. Carlson verurteilt Tech-Milliardäre für ihre Gier, fordert höhere Steuern auf Kapitalerträge. Auch der Kryptowelt, vielen KI-Entwicklungen sowie der Kreditkartenindustrie gegenüber ist Carlson kritisch eingestellt.
„Wenn du reich wirst, indem du Leuten Geld zu unglaublich hohen Zinsen leihst, dann ist das etwas, worüber du mit Gott sprechen musst“, sagte Carlson bei einer Konferenz im vergangenen Jahr. Dass so viele Menschen in den USA tief verschuldet sind, sieht er als weiteren Beweis des amerikanischen Zerfalls. Kürzlich forderte er sogar einen Massenstreik aller Verschuldeten.
Manchmal, für ein paar Sätze, klingt Carlson fast wie Bernie Sanders. Bei bestimmten Fragen steht er tatsächlich links vom Establishment der Demokratischen Partei. Carlsons Populismus zielt jedoch nicht auf die nachhaltige Ermächtigung der Arbeiter:innenklasse. Eine Erhöhung des Mindestlohns, eine staatliche Krankenkasse für alle, eine Stärkung der Gewerkschaftsrechte, all das, was das Leben arbeitender Menschen besser machen würde, lehnt er ab. Carlsons Subjekt der Geschichte ist die in der Vorstadt lebende Mittelschicht, deren Mythos er kultiviert. „Wenn du einen Vorgarten mit Rasen hast, glaub mir, dann denkst du langfristig“, sagte Carlson in derselben Rede, in der er die Kreditkartenindustrie angriff.
In Carlsons reaktionärer Utopie soll der amerikanische Mann so viel Geld verdienen, dass er sich ein Haus in der Vorstadt leisten und die Frau zu Hause bleiben kann. Nicht der Kapitalismus sei das Problem, sagt Carlson, sondern seine aktuelle Ausprägung, die er als „Fake“ bezeichnet. Carlson propagiert das, was die linke Soziologin Melinda Cooper „Familien-Kapitalismus“ nennt: ein Wirtschaftssystem, das sich auf große und kleine Familienbetriebe stützt – und nicht von Aktienkonzernen bestimmt wird.
Der Hauptgrund dafür, dass Carlson zunehmende Resonanz jenseits des rechten Lagers erfährt, ist jedoch ein anderer. Es liegt an seiner kritischen Position gegenüber der israelischen Politik. An dieser Stelle wird es kompliziert. Manche der Fragen, die Carlson diesbezüglich stellt, haben nämlich zweifellos eine Berechtigung.
Woran liegt es, fragt Carlson etwa, dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu einen solchen Einfluss auf Trump zu haben scheint, dass er diesen – wie die New York Times und andere große Medien berichteten – von der Richtigkeit eines Kriegs mit dem Iran überzeugen konnte? Auch Carlsons Beschäftigung mit der israelische Lobbyorganisation AIPAC, die regelmäßig mit großen Kampagnen in US-Wahlkämpfe eingreift, um Erfolge israelkritischer Kandidat:innen zu verhindern, ist legitim. Genauso wie seine scharfe Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza.
Carlson hat in vielen dieser Kritikpunkte die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Ein Großteil der Amerikaner:innen ist der Meinung, dass Israel zu viel Einfluss auf die US-Politik hat. Ein Großteil hält das israelische Vorgehen in Gaza – wie viele Genozid-Forscher:innen auch – für einen Völkermord, und Waffenlieferungen an Israel für falsch. Ein Großteil will, dass Israel behandelt wird wie jeder andere Staat. Während der durchschnittliche Amerikaner die israelische Politik inzwischen negativ betrachtet, gibt es in vielen etablierten Medien immer noch eine Befangenheit zu Gunsten Israels. Carlson profitiert von dieser Diskrepanz, als vermeintlicher Rebell gegen den Medienmainstream.
Doch Carlson belässt es nicht bei valider Kritik. Bei ihm wird fast alles zur Verschwörung. In Bezug auf den Irankrieg etwa geht er so weit zu behaupten, dass Trump gar „gegen seinen Willen“ handle, weil die USA von zionistischen Kräften „kontrolliert“ seien. Dass die Weltmacht USA eigene geopolitische Interessen hat, wird in seiner Erzählung ignoriert. Auffällig ist zudem, wie exzessiv er sich immer wieder am Einfluss bestimmter jüdischer Menschen abarbeitet, sei es die republikanische Geldgeberin Miriam Adelson, der liberale Philanthrop George Soros oder der neokonservative Radiomoderator Mark Levin. Als Carlson im Gespräch mit seinem Bruder Buckley kürzlich sagte, dass „eine neue Gruppe“ die Herrschaftsklasse der USA übernommen habe, war jedem klar, wen er meinte. Ein paar Minuten später verteidigte Carlson die Praxis mancher Country Clubs in Florida, keine jüdischen Menschen aufzunehmen.
Dass Carlson mit antisemitischen Codes und Anspielungen arbeitet, ist längst unüberhörbar. Wenn er etwa mit Bezug auf die Situation in Gaza sagt, dass das Töten unschuldiger Menschen nicht mit der christlichen und islamischen Religion vereinbar sei, bleibt kein Zweifel daran, welcher Religion er es inhärent zutraut. Und wenn Carlson bestimmte Bankgeschäfte als Hauptübel des Kapitalismus ausmacht, klingt er wie der Schriftsteller Ezra Pound, der in einem antisemitischen Pamphlet 1939 Zinswucher als „Krebs der Welt“ bezeichnete.
Schaut man Carlson beim medialen Wirken zu, sticht noch eine andere Sache hervor. In fast jedem Interview und jeder Rede warnt er davor, „Sklave zu sein“. Zum Sklaven werde man laut Carlson etwa, indem man sich der „Meinungszensur“ füge, oder indem man sich verschuldet und dann „den Banken gehöre“. Wie könne es sein, fragt Carlson, dass sich ein Land mit 350 Millionen Menschen (USA) von einem Land mit 9 Millionen Einwohner:innen (Israel) „herumbossen“ lasse?
Wir müssten doch der Boss sein, lautet Carlsons Selbstverständnis, womit sich der Bogen zu den anfangs genannten Säulen seines Weltbildes spannt. Der America-First-Chauvinismus, das reaktionäre Geschlechterbild, die antisemitische Fixierung auf Israel, all das verweist auf einen Glauben an vermeintlich natürliche Hierarchien. Carlson wirkt wie ein Aristokrat, der seine Privilegien in Gefahr sieht; gekränkt davon, dass bestimmte Ordnungen ins Schwanken kommen. Er verteidigt, mit der Philosophin Eva von Redecker gesprochen, Phantombesitz. Je zerstörerischer diese Verteidigung ausfällt, desto faschistischer wird es laut von Redecker.
Jemand, der so denkt wie Carlson und letztlich meist aus falschen Motiven ab und zu das Richtige sagt, kann für Linke kein Partner sein.
Zugleich aber steckt im Phänomen Carlson ein Auftrag.
Zum einen sollte man Carlson als Nutznießer der Medienökonomie verstehen. Die meisten Menschen kriegen Politik über Social-Media-Schnipsel mit, und im unendlichen Stream der Schnipsel gelingt es Carlson, mit verschiedenen Inhalten verschiedene Publika anzusprechen. Nationalistische Ressentiments für die einen, pseudo-populistische Wutreden und Anti-Kriegs-Appelle für die anderen.
Zum anderen ist Carlson ein Profiteur des politischen Klimas. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 gibt es in den USA einen breiten Hass auf das Establishment. Die meisten Amerikaner:innen geben ökonomische Not als ihre größte Sorge an, die meisten fühlen sich von der Politik in Washington entfremdet. Der Fall Jeffrey Epstein hat die Vorstellung einer völlig enthemmten Elite untermauert. Für die Macht eines Elon Musk gibt es kaum einen präziseren Begriff als den der Plutokratie. Angesichts von Medicare-Kürzungen und wachsender Inflation erscheinen die Milliarden verschlingenden Kriegsmanöver der USA noch desaströser. Der tiefsitzende Frust der amerikanischen Bevölkerung wird, bis auf wenige Ausnahmen, weder von Demokraten noch von Republikanern aufgefangen.
In dieser Atmosphäre kommt Carlson zur Geltung. Er präsentiert sich als enttäuschter Patriot, als jemand, der doch nur will, dass Trump seine Versprechen erfüllt, als Anführer einer Bewegung von Betrogenen, Verbitterten, Desillusionierten. So passt es auch, dass Carlson, dessen Markenzeichen früher die Fliege war, inzwischen in Holzfällerhemden auftritt, seine Sendungen in einer umgebauten Scheune aufnimmt und Erstmilch vom Rind verkauft.
Nicht alle, die Carlsons Inhalte teilen, sind hoffnungslose Faschos. Für alle irgendwie Progressiven sollte sich daraus die Dringlichkeit einer Antwort ergeben. Carlsons Kritik an bestimmten Auswüchsen des Finanzkapitalismus müsste man Alternativen zum ökonomischen System entgegenstellen. Seiner nationalistischen Ablehnung des US-Interventionismus lässt sich mit einem stabilem Anti-Imperialismus erwidern. Und Carlsons antisemitische Kritik an der USA-Israel-Verbindung erfordert einen antirassistischen Universalismus.
Carlson ist ein Gradmesser dafür, wohin die Rechte steuert. Und er zeigt, wie man gegensteuern muss.
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