CTM-Musikfestival in Berlin: Warten auf Gott und das Ende des Krieges
In Berlin ist am Sonntag das 27. CTM-Festival zu Ende gegangen. In den Konzerten bildete sich die krisenhafte Gegenwart auf vielfache Weise ab.
Der Aulos ist ein antikes Rohrblattinstrument, eine Art Schalmei, dessen früheste Abbildungen auf bemalten Tellern aus dem 4. Jahrhundert vor Christus datieren. Er spielt die Hauptrolle im Auftragswerk „Oto Aulos“, vom polnischen Informatiker und Musiker Marcin Pietruszewski und dem belgischen Aulos-Spieler Lukas de Clerck für das diesjährige Berliner Festival für abenteuerliche Musik, CTM, komponiert.
Für das Beiheft hat Pietruszewski einen Werkstattbericht verfasst, der die Komposition theoretisch unterfüttert. Der Aulos, hergestellt aus Schilfrohr, hatte zwei zylinderförmige Melodie-Rohre. Allerdings haben sich nicht alle Bauteile des Instruments erhalten, sodass exakte Rekonstruktionen unmöglich sind. Folglich sind auch keine vollständigen Timbres überliefert. „Ear Elisions: Subtraction, Slippage, Refraction“, nennt Pietruszewski seinen Essay und sinniert über bewusste Auslassungen, Übertragungsfehler und akustische Täuschungen. „Ear Elisions“ klinge ähnlich wie „Ear Illusions“, bemerkt der polnische Künstler.
Ein schöner Ausgangspunkt für Überlegungen zum Aulos-Klangspektrum, aber auch ein Satz, der das 27. CTM-Festival charakterisiert, das allen Sparzwängen und der trüben Gesamtlage zum Trotz gelungen ist. Viele Veranstaltungen waren ausverkauft, alle Clubnächte voll, wobei speziell die Öffnung hin zu diversen Metal-Spielarten reizvoll war und neue Zielgruppen erschlossen hat. Ohne dass die diskursive Ebene deshalb zurückgefahren wurde.
„Wenn das Innenohr besonders dichte Klangfarben-Kombinationen empfängt, können Phantomfrequenzen entstehen. Das Ohr hört dann etwas, das nicht gespielt wurde“, analysiert Marcin Pietruszewski. Bei „Oto Aulos“ wird die Klangumgebung des Aulos am Computer reimaginiert und als Loop durch die digitale Sphäre gejagt. Daraus entsteht Material, das anders klingt als die eingespeiste Musik. Ein spannendes Experiment, bei dem Geschichte sperrig rauscht.
Negative Anthropologie von Geräuschen
In der DAAD-Galerie am Oranienplatz sprach die US-Klangforscherin Gascia Ouzounian (Oxford) zum Thema „Expanded Frames for Sonic Investigation: Residues, Atmospheres, Inaudibilities“. Ouzounian, die an der Schnittstelle von Klang, Architektur und Urbanistik arbeitet, wird oft als „Sound-Historikerin“ bezeichnet. Sie untersucht, auf welche Weise physische Gewalt sich in Klang niederschlägt und beschreibt so eine negative Anthropologie von Geräuschen.
Ouzounian, deren Vorfahren aus Armenien in die USA geflüchtet sind, blieb sehr anschaulich, als sie über Klangsphären des Genozids der Türken an den Armeniern (1915–1923) berichtete. Hierfür hatte die Wissenschaftlerin 350 „Sonic Memories“ von Überlebenden ausgewertet. Etwa die Geschichte eines kleinen Mädchens, das mitansehen musste, wie Eltern, Verwandte und Dorfbewohner in einem Stall zusammengetrieben wurden, der dann von Soldaten des Osmanischen Reiches angezündet wurde. Danach haben die Brandstifter ein anatolisches Kinderlied angestimmt und dazu getanzt. Das Lied sei für alle Zeit ein Klangmarker der bösen Erinnerung, ein Alptraum, ausgelöst von „sonic triumphalism“.
Mit Peter Sloterdijk argumentierte Ouzounian von einer „düsteren Meteorologie“ des Klangs und sprach angesichts vom Surren der Drones und den Detonationen nach Luftschlägen von „Airquakes“. Dann wechselte sie die Perspektive, um über „atmospheric occupation“ und „vibrational warfare“ zu sprechen. Hierfür nahm sich Ouzounian den Nahostkonflikt als Klangquelle und stellte Israel einseitig als Aggressor dar.
So zeigte sie etwa Luftbilder von Flugbewegungen israelischer Kampfbomber über Gaza. Niemand stellt die Gewalt der israelischen Armee und die von ihr begangenen Verbrechen an der palästinensischen Zivilbevölkerung in Abrede, bei diesem Teil des Vortrags wurde allerdings die andere Seite ausgeblendet.
So schwieg Ouzounian über die Kriegsführung der Hamas, die Gewalt und Bedrohung, die von der libanesischen Hisbollah (und dem Mullah-Regime im Iran, der seine Proxies in Nahost kämpfen lässt) ausgeht. Es wäre schade, wenn Ouzounians wichtige Forschungsarbeit von Ideologie vereinnahmt wird.
Ohrenstöpsel lagen bereit
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag mischten sich im ausverkauften Berghain Metalheads unter CTM-Ultras und Clubkids. Sogar Screamo-Gesichtsbemalungen wurden gesichtet. Dancefloor und Metal aufeinanderprallen zu lassen, gehört zum USP des Festivals. Auch das diesjährige Motto „dissonate < > resonate“ lässt sich so verstehen. Dieses umzusetzen gelang im Berghain dank drei parallel laufender Partys vorzüglich.
Unten, in der Säule bat das peruanische Duo Dengue Dengue Dengue mit viel Cumbia-Chu-chucu-chu zum tropischen Rave, während in der Panorama-Bar die Australierin VV Pete ihren Hot-Girl-Club-Rap zum Besten gab und im dazwischen liegenden Berghain sich Pain-Magazine-Kommandantin Louisahhh zu dröhnendem, schepperndem, hämmerndem Post-Hardcore die Seele aus dem Leib brüllte.
Wer eigenen Gehörschutz vergessen hatte, konnte am Einlass Ohrenstöpsel mitnehmen, denn laut ging es insbesondere auf dem Mainfloor zu.
Zweikampf mit einem Helikopter
Der Brite Finlay Shakespeare mischte einen Hauch New-Wave-Romantik in die Schreierei. Er klang mitunter so, als hätte sich HP Baxter in einen Zweikampf mit einem Helikopter begeben. Danach schmissen King Yosef das testosterongeladene Industrialgerät an, als wäre man in die frühen Nullerjahre zurückgebeamt worden. Auf der großen Treppe erzählte ein Besucher, er hätte gerade sein 16-jähriges Ich wiedergetroffen. Spricht nicht unbedingt für die Innovationskraft der Musik, weckt aber Gefühle.
Für die fühlt sich auch Philippino Sherwin Calumpang Tuna zuständig, DJ Love nennt er sich. Für sein Set in der Säule beförderte er 90er-Jahre-Klassiker wie Robert Miles’ „Children“ und „Better of Alone“ von Alice Deejay zu Tage. Anderes aus seinem Fundus dudelte so schrill wie die Songs, die es einst im Jamba-Spar-Abo zu erwerben gab. Den Tanzenden gefiel es.
Abgeklatscht wurde Tuna von Aunty Rayzor. Die Nigerianerin rappt auf Englisch und Yoruba, feuerte ihre rasiermesserscharfen Texte stakkatorartig über die Beats und platzierte ihre Hooks ebenso energisch, wie sie die perlengesäumten Braids fliegen ließ. Mit ihrem Charisma brachte sie ihr Publikum zum Mitsingen, das muss man in Berlin erst mal schaffen.
Eine Etage höher zuckte auch beim Auftritt des kalifornischen EBM-Duos Youth Code ziemlich viel Haupthaar, nur der Rhythmus war ein anderer. Sängerin Sara Taylor im Sinead-O’Connor-Gedächtnisshirt trieb sie mit einer Stimme an, die aus den Tiefen des Maschinenraums zu kommen schien. Ob sich jemals zuvor schon bei einer Berghain-Clubnacht ein solcher Moshpit auf der Tanzfläche gebildet hat?
Auswirkungen des russischen Angriffskrieges
Kein Moshpit am Samstag im Radialsystem. Der ausverkaufte Saal lauschte ergriffen, obwohl die Musik monströs klang. Unter dem Motto „Disturbed Ground“ und der kuratorischen Arbeit des Kyjiwer Clubs K 41 sowie der Unterstützung des Goethe-Instituts kamen ukrainische Künstler:Innen nach Berlin. Ihre Auftragskompositionen drehten sich um die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf die Natur. Teils durften die Komponist:Innen die Ukraine nicht verlassen, so blieb die Bühne bei Vartan Markarians „Horizons of Disappearance“ leer.
Während es auf der Tonspur gedämpft rumorte, war auf der Leinwand das zu sehen, was nach Kampfgeschehen von einem Wald übriggeblieben ist: verkohlte Baumstümpfe, abgestorbene Pflanzen, eine tote Landschaft. „Heavy Waters“ von undo despot, Zeynep Schilling, Alen Hast und Myk Rudik stellte den Krieg in Dauerschleife in beängstigend drastischer Soundkulisse dar. Zu sehen war nur der Umriss einer in Weiß gekleideten Künstlerin am Laptop, die einen Detonationen-Score performte.
Die Komposition, voller Aussetzer und Feedback, blieb trotz der Lautstärke frei von Pathos. Irgendwann stellte die Künstlerin das Laptop aus und begab sich an den Rand der Bühne, ging in die Hocke und spielte, begleitet vom Schein einer Taschenlampe, Flöte. „The Core“ von Khrystyna Kirik und Mark Bain exorzierte den Kriegslärm dann als brachiales Schaben, Dröhnen und Brummen. Die Holztribüne wackelte bedenklich, wobei auch hier die alte Maxime „Hören mit Schmerzen“ ohne jeden Befindlichkeitskitsch Wirklichkeit wurde.
Den gierigen Mann hoch ins Weltall holen
Noch ein Highlight ganz zum Schluss, wieder eines mit für CTM-Verhältnisse eher untypischer Klangfarbe. Als letzter Act des Abschlusskonzerts in der Volksbühne gastierte am Sonntag die kalifornische Folksängerin Emma Ruth Rundle, die, noch bevor sie überhaupt einen Ton gespielt hatte, für Applaus sorgte. Erzählt hatte sie da, dass sie Songs ihres kommenden Albums spielen werde.
Im Auftakt ging es um den „gierigen Mann“ und auch um Gott, denn sie würde immer beten, dass er hinabsteige, um den gierigen Mann hoch ins Weltall zu holen. Fast schon andächtig hörte der vollbesetzte Saal zu, wie Rundle reglos und mit schwebender Stimme sang.
Wie sie sich dazu mit wechselnden Gitarren selbst begleitete, zwischenzeitlich nur unterstützt von „John“ am Klavier. Und wie sie mit feinen Spitzen ihre Songs anmoderierte; Songs, die von Macht und Machtlosigkeit erzählten, benannt nach Folterinstrumenten, die entstanden seien, während vor einem Jahr ihr Zuhause in Flammen stand. Eigentlich, so erklärt sie, habe sie ein Set mit Hits spielen wollen, hielt es dann aber für schlauer, diese neuen, noch unbekannten Lieder zu singen. Melodiös und sehnsüchtig klangen die, tieftraurig, zornig auch, den Zeiten angemessen.
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