CSDs in Ostdeutschland: Sie machen weiter. Was sonst?
Falko Jentsch und sein Team organisieren CSDs in Sachsen-Anhalt. Dann kam der Anschlag in Berlin. Und mit ihm die Frage, was das für die Paraden bedeutet, die noch vor ihnen liegen.
Z eit finden, das schafft Falko Jentsch. Für alle Anfragen und Stichpunkte auf seiner To-do-Liste. Für Unvorhersehbares. Mit der taz spricht er via Videocall, während er zu einer Bushaltestelle in Magdeburg hastet. Sein Gesicht ist schräg von unten zu sehen, eine Haarsträhne wippt beim Gehen auf und ab. Der Hintergrund ist unscharf: das Grau von Häuserwänden, das Grün der Baumkronen.
Es ist ein Nachmittag Ende Juli. Eigentlich hätte das Gespräch vom Christopher Street Day, kurz CSD, in Köthen handeln sollen, bei dem die taz vor Ort war und das Orgateam in seinen Vorbereitungen und über den Tag der Demo hinweg begleitet hat. Ein Fazit wollte Falko Jentsch geben. Sich freuen, dass in Köthen – einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt südlich von Magdeburg – alles so gut über die Bühne gegangen ist. Stattdessen spricht er über die noch ausstehenden CSDs im Bundesland: Magdeburg, Halle, Stendal. Und darüber, wie sicher sie sind.
Am Abend des 25. Juli raste der 21-jährige Islamist Abdul B. in eine Menschenmenge beim Berliner CSD. Eine Frau wurde getötet, 31 andere verletzt, zum Teil schwer. Der Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e. V., in dem Falko Jentsch sich engagiert, hatte in diesem Jahr wieder einen Wagen auf der Prideparade in Berlin. Als der Anschlag passierte, war Jentsch gerade im Backstagebereich angekommen, neben der großen Bühne am Brandenburger Tor. Es wurde angestoßen, ganz entspannt. „Auf einmal hieß es: Alle hier raus.“ Der Platz wurde evakuiert, ein Hubschrauber kreiste über ihnen.
Als Jentsch davon erzählt, entscheidet er, doch noch nicht in den Bus zu steigen. Er setzt sich auf eine Bordsteinkante. In Interviews, sagt er, müsse er derzeit aufpassen. „Damit da nicht eine Träne kommt.“ Jentsch, 43, lebt gemeinsam mit seinem Mann in Magdeburg. Als im Dezember 2024 hier ein Attentäter einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verübte – und ebenfalls mit einem Pkw in die Menschenmenge fuhr –, stand Jentsch in unmittelbarer Nähe, hörte hinter sich Krachen, Schreie. Der CSD Sachsen-Anhalt hatte an diesem Tag einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt. „Das kommt natürlich jetzt alles wieder hoch“, sagt Jentsch. Was ihm helfe: ins Tun zu kommen. Und Gelegenheit dazu gibt es genug. Gerade jetzt.
Der islamistische Anschlag in Berlin machte erneut schmerzhaft deutlich, wie gefährdet Veranstaltungen sind, auf denen die queere Community sich feiert, sich zeigen kann. Organisator*innen von CSDs in Sachsen-Anhalt kämpfen seit jeher mit Drohungen, Angriffen, steigender Queerfeindlichkeit: Die Präsenz rechtsextremer Gruppen ist spürbar, gerade in kleineren Städten. Hinzu kommt der Aufstieg der AfD, die der Verfassungsschutz für das Bundesland als gesichert rechtsextrem einstuft. Und die aus ihrer Verachtung für LGBTQI* keinen Hehl macht. Bei der Landtagswahl am 6. September könnte die Partei auf 41 Prozent kommen. Dies hat Folgen, auch schon vor der Wahl. Rechte Störer fühlen sich ermutigt, Stadtverwaltungen sind verunsichert.
Foto: Stella Weiß
Was bedeutet diese Bedrohungslage für diejenigen, die CSDs auf die Beine stellen? Die mit Behörden verhandeln, Konzepte ausarbeiten, unzählige Stunden ehrenamtlichen Engagements investieren – und dabei selbst Gefahr laufen, Opfer von Angriffen zu werden? Was motiviert sie, trotz allem weiterzumachen?
Einige Wochen vor dem Berliner CSD, Mitte Juni, findet sich das Orgateam des CSD Köthen zusammen. Es ist das letzte Treffen, um die CSD-Aktionswoche in Köthen vorzubereiten. Die Gruppe versammelt sich in den Räumlichkeiten des SPD-Ortsvereins. Hinten gibt es ein paar Sofas, vorne nimmt ein ovaler Holztisch den gesamten Raum ein. Darauf stehen Wasser und Apfelschorle, Schalen mit Erdnussflips. Und ein Stapel Flyer liegt dort, der die Aktionswoche bewirbt. Er zeigt eine Collage aus Gesichtern, mit KI erstellt, in Pastelltönen. Darüber steht das diesjährige Motto des CSD Köthen: „Trotz Widerstand – Vielfalt gewinnt!“
Köthen liegt in Sachsen-Anhalt, knapp 24.000 Menschen leben hier. Wer sich unbeliebt machen will, spricht die Einheimischen auf „Familie Ritter“ an. Diese war Gegenstand von Reportagen auf Stern TV, die seit 1994 ausgestrahlt wurden und ein Bild von Armut, Kriminalität und rechtsextremer Gewalt zeichneten. Die Website der Stadtverwaltung präsentiert Köthen als kulturell bedeutenden Ort: als „Geburtsstadt der Homöopathie“ und Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, der hier mal Hofkapellmeister war. „Bachstadt Köthen“ steht im Bahnhofsgebäude groß an der Wand.
Bei dem Orgatreffen ist Falko Jentsch mit dabei, stellvertretend für den CSD Sachsen-Anhalt. In dem Dachverband sind Gruppen aus neun Orten im Bundesland vernetzt: von Halle bis Harz, von Salzwedel bis Sangerhausen. Neben Jentsch sitzt Julian Miethig. Er hat vor drei Jahren den CSD in Köthen ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem CSD Sachsen-Anhalt und der Partnerschaft für Demokratie Köthen.
Die Prideparaden gehen auf die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street 1969 zurück, als Schwule, Lesben, trans Personen und andere aus dem LGBTQI*-Spektrum für ihre Rechte auf die Straße gingen. Aktuelle Tendenz in Deutschland: Es gibt immer mehr CSDs. Vor allem in kleineren Orten, Kleinstädten und auf dem Land kommen jedes Jahr neue hinzu. Die Pridedemo durch Köthen fand in diesem Jahr am Samstag, dem 11. Juli, statt. Ein Datum mit Symbolkraft: Ebenfalls am 11. Juli hielt die AfD Sachsen-Anhalt ihren Landesparteitag in Magdeburg ab, etwa eine Autostunde entfernt.
Anwesend bei dem Orgatreffen sind elf Personen. Bevor die SPD hier einzog, war der Raum ein Blumenladen. Daran erinnert noch die Zimmerdecke, an der riesige weiße Teichrosen aus Plastik hängen. Heute teilt man sich die Toilette mit dem Barbershop nebenan. Hauptsache, es funktioniere, findet Julian Miethig. Das allererste Treffen zum CSD im November 2023 hatte er in einem Köthener Jugendclub angesetzt. Mittags – abends sollte die Zusammenkunft stattfinden – teilte dessen Leiter jedoch mit: Bitte nicht kommen. Die Jugendlichen seien sonst in Gefahr. In der Nacht zuvor hatten Unbekannte queerfeindliche Sprüche auf die Straße vor dem Jugendclub geschrieben. „No Homo“ oder „Defend the cross“. In der Nacht vor dem ersten CSD Köthen 2024 kippte dann jemand Buttersäure auf den Bahnhofsvorplatz und den Marktplatz. Die Stadt stank tagelang.
Miethig unterbricht das Gemurmel, hebt die Stimme. „Ihr Lieben, willkommen zum letzten offiziellen Vorbereitungstreffen.“ Die anderen klopfen mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. Manche sind wie Falko Jentsch aus umliegenden Orten angereist, um zu unterstützen. Und natürlich kommen viele aus Köthen. Miethig, 28, ist hier geboren und in einem kleinen Nachbardorf aufgewachsen. Das sei in Ordnung gewesen, sagt er. Allerdings habe er sich damals noch nicht geoutet. „Solange du so warst wie alle anderen, war alles wunderbar.“ Heute steht er mit seinem Queersein in der Öffentlichkeit. Seinen eigenen Kanal Queer4mat mit Beiträgen auf Youtube, Instagram oder Tiktok betreibt er seit sechs Jahren. Im Netz bekommt er seitdem viele Hassnachrichten. Er habe sich ein dickes Fell zugelegt, was er hilfreich finde – aber auch „traurig, dass es so ist“.
Von draußen, vor dem SPD-Büro, hört man eine Lautsprecherdurchsage, begleitet von pfeifen und trommeln, noch etwas entfernt. Es ist ein Montag, das heißt: rechte „Montagsdemo“ in Köthen. Einer der Anwesenden steht auf und dreht den Schlüssel in der Eingangstür. Die anderen blicken auf, dann wieder einander an oder auf die Laptops. Nicht irritieren lassen. Miethig reißt noch eine Tüte Chips auf.
Schräg gegenüber von ihm hat Diana Pelzer Platz genommen. Sie ist 46, ihr langes dunkles Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Auch sie ist in Köthen geboren. Zwischendurch war sie mal zwei Jahre weg, in Hannover. Da habe es ihr aber nicht gefallen, zu unpersönlich, zu kalt irgendwie. Hier kenne sie jeden Zweiten auf der Straße. Neben Julian Miethig gehört sie zum langjährigen Kernteam und ist seit dem ersten Treffen mit dabei.
Miethig startet mit der wichtigsten Nachricht: Es gibt Post vom Amt. Pelzer und andere verdrehen die Augen, halb genervt, halb erleichtert. Von Beginn an hatte der CSD Köthen mit Angriffen von rechts zu tun. Außerdem, vor allem ab dem zweiten Jahr, mit den Behörden. Oberbürgermeisterin in Köthen ist Christina Buchheim – eine Politikerin der Linken. Ausgerechnet mit ihr geriet das CSD-Köthen-Team in einen langwierigen Konflikt wegen Auflagen der Stadt. Die Versammlungsbehörde beim Kreis Anhalt-Bitterfeld hatte damals entschieden, dass die CSD-Demo und das dazugehörige Fest am Köthener Marktplatz unterschiedlich zu behandeln seien. Die „Versorgung“ der Teilnehmer*innen, das heißt alles von Toiletten über Strom bis Essen, gehöre nicht zur Demo und müsse als „Sondernutzung“ beantragt werden. Eine große bürokratische Hürde, die zu Auseinandersetzungen mit dem Stadtordnungsamt Köthen führte.
Die Frage, was CSDs eigentlich sind, wird weit über Köthen hinaus gestellt. In Dresden unternahm die Landesdirektion Sachsen im Frühjahr den Versuch, dem zum CSD gehörenden dreitägigen Straßenfest die Eigenschaft als Versammlung zu entziehen. Das Fest sei nicht politisch, sondern eine „kommerzielle Veranstaltung mit Unterhaltungscharakter“. Dagegen wehrte sich der CSD Dresden e. V. erfolgreich vor Gericht. Die Sorge: Ein Großteil des Programms hätte nicht oder nicht wie geplant stattfinden können. Relevant ist die Einstufung auch in puncto Sicherheit – etwa dahin gehend, ob die Polizei Kräfte bereitstellt oder ob private Securitys bezahlt werden müssen.
Im SPD-Büro in Köthen wird noch die Aktionswoche durchgesprochen, die pickepackevoll ist, vom Flaggenhissen am Montag über Minigolf und Pubquiz bis zum Straßenfest und der Demo am Samstag. Und am Sonntag der queere Gottesdienst. Diana Pelzer organisiert den mit, obwohl sie persönlich mit Kirche nichts am Hut hat. Der Vorschlag, Kerzen für queere Menschen anzuzünden, kam in diesem Jahr von ihr. Für jene, die Suizid begangen haben, die Angst haben, sich zu outen, oder die verfolgt werden. Auch ein Lied soll gemeinsam gesungen werden. Kerstin Ott? Pelzer hebt die Brauen. Lieber Lady Gaga! Julian Miethig macht Notizen auf dem Laptop, wer wann wo sein kann. Bänke aufbauen, Zelte, Deko. „Buttersäure wegspritzen“, ergänzt jemand. „Was man in Köthen halt so macht.“ Viele lachen. Ein Schuldiger für den Anschlag damals wurde nicht gefunden, die Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Dessau eingestellt.
Der erste CSD in Sachsen-Anhalt fand vor dreißig Jahren statt: am 8. Juni 1996, in der Landeshauptstadt Magdeburg. Lange blieb es bei diesem einen und einem weiteren in der zweitgrößten Stadt, in Halle. Ab 2021 folgten Schönebeck, Stendal, Salzwedel und viele andere. Obwohl die Zahl der CSDs steige, sei die Zahl der Teilnehmer*innen in den letzten Jahren zurückgegangen, sagt Falko Jentsch. Er vermutet als Grund erhöhte Vorsicht. „Wir bekommen Mails von Jugendlichen, die sagen: Meine Eltern erlauben mir nicht mehr, auf den CSD zu gehen.“
Feindbild CSD: Der tödliche Angriff in Berlin reihe sich ein in eine Kontinuität islamistischer Anschläge auf queeres Leben weltweit, schreibt die Berliner Amadeu Antonio Stiftung. 2016 ermordete ein Attentäter im queeren Club Pulse in Orlando 49 Menschen, am Vorabend der Pride 2022 in Oslo schoss ein Islamist in einem Pub um sich und tötete zwei Menschen, weitere geplante Anschläge auf Paraden in London und Wien wurden vereitelt.
In Deutschland gehen die meisten Angriffe auf CSDs aktuell auf das Konto rechtsextremer Gruppen. In ihrem Sicherheitsreport „Queerfeindlichkeit sichtbar machen“, der 2025 erschien, dokumentiert die Amadeu Antonio Stiftung erstmals systematisch rechtsextreme Übergriffe auf Prideveranstaltungen. Ergebnis für 2025: Von den 245 bundesweit geplanten CSDs wurden mindestens 110 angegriffen oder gestört. In mindestens 53 Fällen standen dahinter keine Einzelpersonen, sondern rechtsextreme Gruppen oder Parteien. In ostdeutschen Bundesländern fanden mehr Angriffe statt als in Westdeutschland – wo es diese aber ebenso gab. Für Sachsen-Anhalt registrierte die Polizei im Jahr 2023 noch 18 Straftaten im Zusammenhang mit CSD-Veranstaltungen. 2025 waren es 51.
Dass die Lage angespannter ist, spüren auch die Veranstalter:innen von CSDs im Bundesland, die sich, wie Jentsch und Miethig, Gedanken darüber machen müssen, wer ihr Gesicht oder ihre Adresse kennt. Falko Jentsch arbeitet in einem kleinen Unternehmen, vertreibt Mess- und Regeltechnik. Die Wochenstunden, die er daneben in sein Engagement stecke, könne er kaum zählen, sagt er. Wie die meisten CSD-Organisator:innen arbeiten er, Miethig, Pelzer und die anderen ehrenamtlich.
Den ersten Köthener CSD hatte Satiriker Jan Böhmermann noch mit einer Spendenaktion unterstützt. Der Geldsegen war eine Ausnahme, in den Folgejahren stand dem Team in Köthen nur ein geringes Budget zur Verfügung – wie den meisten anderen kleineren CSDs in Deutschland. Über Sponsoren kommen keine großen Summen herein. Unterstützt wird aber dennoch, im Kleinen und jeder, wie er kann. In Schönebeck servierte die freiwillige Feuerwehr in diesem Sommer Würstchen an einem Grillstand. Auf dem ersten CSD in Sangerhausen im Juni, bei 38 Grad Außentemperatur, verteilten Frauen des interkulturellen Zentrums Oase Baklava. Und in Köthen? Hier hilft zum Beispiel der lokale Irish Pub, The Shamrock, wo die CSD-Abschlussparty steigen kann.
Diana Pelzer kennt den Pub als inoffiziellen Treffpunkt für die Community. Hier fand sie Anschluss, nachdem sie sich, mit achtzehn, als bisexuell geoutet hatte. „Das war gar nicht so spektakulär“, erinnert sie sich. Ihre damalige Freundin kam mit zu ihr nach Hause, überreichte den Eltern einen Blumenstrauß. Seit zehn Jahren hat Diana nun einen Freund. Sie arbeitet in einem Seniorenpflegeheim, spricht gerne mit Menschen, kann Russisch noch aus der Schule in der DDR, und durch ihren Freund hat sie etwas Arabisch gelernt. Für die CSD-Aktionswoche hat sie sich extra Urlaub genommen.
Der Morgen des 11. Juli, Samstag, Tag der CSD-Demo in Köthen. Rund um den Marktplatz in der Altstadt stehen die Absperrgitter bereit, im Hintergrund erhebt sich die Kirche St. Jakob mit ihren spätgotischen Türmen. Bereits ein paar Stände sind aufgebaut, auch die Bühne steht schon da wie ein schwarzes Raumschiff. Eine aus dem Orgateam geht zu den Wasserfontänen am Platz, taucht die Hände hinein und bespritzt ihr Gesicht.
Eine ältere Dame und ein Herr sitzen auf einer Bank vor der Bäckerei, beobachten das Treiben. Sie sind aus Köthen, waren letztes Jahr schon da. Da habe man sein eigenes Wort nicht verstanden, sagt die Frau und zeigt in Richtung der Bühne. Aber dass es notwendig ist, dass die Polizei alles absperren muss, das sei „schon traurig“. Am Wochenende zuvor hatte die neonazistische Kleinpartei Der III. Weg einen Stand auf dem Marktplatz und verteilte Flyer, auf denen „Familien schützen! Homo-Propaganda stoppen!“ stand. Am Montag wurden Mitglieder der CSD-Orgagruppe auf ihrem Nachhauseweg beleidigt und bespuckt.
Auch Miethig, Jentsch und Pelzer sind seit frühmorgens vor Ort. Sie sei aufgeregt jetzt, sagt Pelzer, während sie eine Regenbogenfahne mit dem Europastern darauf an einem Metallzaun befestigt. Die Fahne schwankt. „Bitte noch einen Kabelbilder.“
Eine Stunde später, um 12 Uhr, ist der Aufbau komplett. Pelzer rückt noch schnell die Liegestühle vor der Bühne zurecht. Sie hat sich umgezogen, trägt ihr Haar nun in zwei Zöpfen, in die sie Schnürsenkel in Regenbogenfarben eingeflochten hat. Dazu große, herzförmige Ohrringe. Pelzer liebt bunte Sachen. In der DDR, so erinnert sie es, sei alles grau gewesen. Graue Häuser, graue Schuluniform. Hier auf den CSD kommt sie genau so, wie es ihr gefällt. Miethig trägt eine Sporthose, dazu eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die er in den Nacken geschoben hat – als wollte er nach vorne und hinten zugleich blicken. Er hastet hin und her über den Platz, mal mit Handy am Ohr, mal ohne. Fernsehteams stehen bereit und warten auf einen Moment seiner Zeit.
Am Köthener Marktplatz tritt Sabrina Repp ans Mikrofon – SPD-Europaabgeordnete und diesjährige Schirmherrin des CSD Köthen. Sie wisse, dass die Umfragewerte zur Landtagswahl „total hart“ seien, sagt sie auf der Bühne. Man dürfe nicht ohnmächtig sein. Sondern müsse zusammenstehen, weiterkämpfen.
Pelzer, die sich in die Menge gestellt hat, vorne bei den bunten Liegestühlen, nickt. Was es bedeuten würde, falls die AfD ab September wirklich die Landesregierung stellt – das hat sie deutlich vor Augen. Die Partei lehnt Gleichstellung und Queerpolitik klar ab und wandte sich im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 beispielsweise gegen Genderforschung, Antidiskriminierung oder medizinische Hilfe für trans Personen. Sexualität, die nicht der Heteronorm entspricht, nennt die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Programm „abseitig“ und „deviant“, wettert gegen eine angebliche „Translobby“ und „Regenbogenideologie“. Würde die Polizei weiterhin am CSD-Tag anrücken, die Straßen rund um den Marktplatz absperren?
Seit 2024 gilt in Sachsen-Anhalt ein Beschluss, der CSDs und CSD-ähnliche Veranstaltungen unter besonderen Schutz stellt. Schon lange vor dem Anschlag in Berlin seien die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden, sagt Grit Merker. Sie ist „Ansprechperson für die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und intergeschlechtlichen Menschen LSBTTI“ bei der Polizei in Sachsen-Anhalt. Eine Stelle, die sie selbst mit aufgebaut hat. Bei den Polizeibehörden der meisten Bundesländer gibt es solche Ansprechpersonen, die eine Brücke zwischen Polizei und queeren Communitys bilden sollen. Die Beamt:innen, die diese Rolle übernehmen, sind oft selbst LGBTQI*. Und wissen zum Beispiel, dass sich viele queere Menschen, die zum CSD kommen, nicht einfach so „tarnen“ können, um nicht angegriffen zu werden – weil sie auch ohne Regenbogenfahne am Rucksack als queer zu erkennen sind.
Bei größeren CSDs wie in Halle oder Magdeburg sichert mittlerweile mehr als eine Hundertschaft die Demo. Vor ein paar Jahren, erinnert sich Falko Jentsch, war das noch nicht nötig. Beim CSD in Magdeburg fuhr vorne ein Polizeiwagen, einer hinten. Nicht mehr. „Da ist schon gewaltig etwas ins Rutschen gekommen“, sagt Jentsch.
Seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt greift die Polizei auch bei CSDs mehr auf Zufahrtssperren zurück. Anders als einfache Absperrgitter können sie Autos aufhalten. Sie sind aber teuer, und so viele hat das Bundesland gar nicht. Zum Teil müssen sie von den Polizeien anderer Länder ausgeliehen werden.
Zentral wichtig, findet Julian Miethig, dass es Verständnis bei Polizei und Behörden für die speziellen Belange der queeren Community gibt. „Wir sind total froh, dass wir unsere Ansprechpersonen haben“, sagt Miethig. Dies könnte sich aber ändern, käme die AfD in die Regierung. LGBTQI* und deren Schutz könnten dann kein eigenes Themenfeld in der Polizei mehr sein.
Egal wie die Wahl ausgeht – umziehen wolle sie nicht, betont Diana Pelzer. „Ich bin nicht der Mensch, der wegläuft.“ Seit vielen Jahren engagiert sie sich in Köthen im sozialen Bereich, versucht die Stadt besser zu machen. In der Flüchtlingshilfe oder eben jetzt beim CSD. Einmal war ihr Gesicht schon in der Zeitung, als über den CSD berichtet wurde. Ihre Mutter schnitt den Artikel aus und hob ihn auf.
Auch Julian Miethig beschäftigt die Wahl. Bald wird er seinen Master in Unternehmensführung machen, im September fängt er einen Job bei der Jugendweihe in Dessau an. Im letzten Winter, als die Umfragen mehr und mehr Besorgnis erregten, habe er mit dem Gedanken gespielt, aus Köthen wegzuziehen. Bei den Europawahlen 2024 holte die AfD hier 30,7 Prozent, bei der Bundestagswahl 2025 37,8 Prozent der Zweitstimmen. Dann aber war Miethig auf den ersten CSDs in diesem Jahr, in Schönebeck, Wernigerode. Auf denen gesagt wurde: „Genau das wollen die doch, dass wir alle abhauen.“ Da habe er sich entschieden zu bleiben. Erst mal. Köthen sei seine Heimatstadt und der CSD sein Herzensprojekt.
Langsam versammeln sich Leute mit dem Frontbanner des CSD Köthen vor dem Truck. Dahinter sammelt sich der Rest des Demozugs. Viele junge Gesichter, viele Fahnen und selbst gemalte Banner. „Schlecht angebunden – trotzdem da. Provinzielle Antifa“, steht auf einem. Jetzt stelle sich Euphorie ein, sagt Diana Pelzer. Auf diesen Moment hat sie gemeinsam mit den anderen das ganze Jahr lang hingearbeitet. Sie springt über die Rampe auf die Ladefläche des Trucks. Dann beginnt sie zu tanzen. „Sexy and I know It“ von LMFAO erklingt aus den Boxen, als sich der Lautsprecherwagen in Bewegung setzt. Es riecht nach Benzin, der Bass dröhnt über die Pflasterstraße. Der Zug führt am Halleschen Turm vorbei und von dort in einem Kreis durch die Altstadt. Ein Mann schaut oben aus einer Dachluke, reckt beide Daumen nach oben, als wolle er sagen: Weiter so!
Diese Momente seien es, sagt Diana Pelzer, die sie motivierten weiterzumachen. „Wir müssen uns zeigen!“
Selbst zu sehen und anderen zu zeigen, wie viele queere Menschen es „hier gibt“, sagt Julian Miethig, das sei, was ihn bei der Stange halte. „Wenn Menschen zu mir sagen, es habe sie befreit, beim CSD mit dabei sein zu können – dann ist das eine Wiedergutmachung für den Stress, den ich das ganze Jahr lang hatte.“ Falko Jentsch kann sich ein Leben ohne sein Engagement gar nicht mehr vorstellen. Früher war er Einzelgänger, fuhr gerne allein mit dem Fahrrad, wenn er sich entspannen wollte. Heute gelinge ihm das am besten „unter Menschen“. Was ihm Kraft gebe: nach einem erfolgreichen CSD mit dem Team zusammenzusitzen wie zum Beispiel in Köthen am Abend des 11. Juli im The Shamrock. „Was mir immer mehr auffällt, ist dieser überbordende Hass“, sagt Jentsch. „Dem möchte ich mich nicht beugen.“
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.
Nach dem 25. Juli 2026, dem Anschlag auf den Berliner CSD, sagen Jentsch und Miethig, dass ihre größte Sorge bisher gewesen sei, die Menschen sicher zur Demo und zum Straßenfest zu bringen und wieder zurück. In Köthen hatten sie noch spontan einen Abholservice vom Bahnhof organisiert. Jemand stand mit einem Schild am Bahnsteig und versammelte die CSD-Teilnehmer*innen, die mit dem Zug aus Halle, Leipzig oder anderen Orten kamen. Sobald die Veranstaltung losging – vor allem, sobald sich die Pridedemo in Bewegung setzte, sich laut und selbstbewusst die Straße nahm –, war die Stimmung anders. Das Gefühl: Sobald wir viele sind, kann uns niemand mehr was. Seit Berlin, sagt Falko Jentsch, habe sich das leider etwas verändert. „Ich habe immer gesagt: Passt auf dem Hin- und Rückweg auf. Aber auf dem CSD seid ihr sicher.“ Diesen Satz bringe er nicht mehr so leicht über die Lippen wie früher.
Sowohl Jentsch als auch Miethig organisieren den CSD in Magdeburg mit. Beim Alten Markt, wo dieser bisher stattfand, gibt es eine vierspurige Straße. Bereits vor dem Anschlag in Berlin verlegte das Team ihn deshalb auf den Domplatz.
Diana Pelzer, eine der Organisator*innen vom CSD in Köthen
Nach einem guten Gespräch mit den beteiligten Behörden ergäben sich nun für das Orgateam einige Hausaufgaben: „Wir müssen sehr detailliert planen, wann welches Fahrzeug auf dem Platz benötigt wird, welche Zufahrten möglich sein müssen und welche Bereiche des Domplatzes wir überhaupt nutzen können“, sagt Jentsch. Durch die notwendigen Sicherheitsabstände und die Sperren rund um den Platz können nicht alle Flächen so genutzt werden, wie sie es ursprünglich vielleicht vorgesehen hatten. Das koste aktuell zusätzliche Kraft, aber die Zusammenarbeit mit den Behörden erlebe er als sehr konstruktiv.
Mehr Sicherheit dürfe nicht bedeuten, dass die CSDs immer weniger Spielraum hätten, betont Falko Jentsch. „Ich möchte keinen CSD einmauern.“
Der nächste CSD in Sachsen-Anhalt, nach dem in Magdeburg, wird der in Halle sein. Besonders brisant: Er findet am 12. September statt, nur eine Woche nach der Landtagswahl. Martin Thiele arbeitet bei der AIDS-Hilfe Halle/Sachsen-Anhalt Süd, die den CSD Halle gemeinsam mit dem BBZ Lebensart und dem Jugendnetzwerk Lambda Mitteldeutschland organisiert. Im Team hätten sie lange über das Datum diskutiert, erzählt er der taz. Und sich dann entschieden, trotz allem an ihm festzuhalten. „Als ein kleiner Hoffnungsschimmer nach der Wahl.“
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Die Sicherheitsmaßnahmen habe die Polizei bereits im vergangenen Jahr erhöht, als Folge der Attacke auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Die Demoroute war weiträumig abgeriegelt. Beklemmend, fand Thiele damals. „Erst mal fühlt man sich gar nicht sicherer, weil einem bewusst wird, was alles passieren könnte.“ Nach den jüngsten Ereignissen in Berlin sei er aber froh, dass klar ist: Soundso wird abgesperrt. Die Polizei habe zudem versprochen, mit noch mehr Einsatzkräften vor Ort zu sein als in den vergangenen Jahren. „Wir sind gut aufgestellt und guter Dinge, dass unser CSD wie geplant und sicher wird ablaufen können.“
Nichtsdestotrotz befürchtet Julian Miethig kurz nach dem Anschlag in Berlin, dass zu den noch ausstehenden Prideparaden „weniger Menschen kommen, weil sie Angst haben“. Wenige Wochen später zeichnet sich ab, dass seine Sorge unbegründet sein könnte: Am 1. August, zum CSD in Naumburg in Sachsen-Anhalt, kamen laut Polizei etwa 700 Menschen – nicht weniger als im Vorjahr. Sieben Tage später, zum CSD in Braunschweig, erschienen sogar mit um die 6.000 Besucher:innen deutlich mehr als sonst. Viele auch nichtqueere Unterstützer:innen waren gekommen. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Und an den CSDs am 15. August in Peine, Plauen, Leer nahmen jeweils mehrere Hundert Personen teil.
Für den CSD in Magdeburg erwartet Falko Jentsch um die 10.000 Menschen – mehr als in den vergangenen Jahren. Er, der ja immer wieder Mails von Jugendlichen bekommt, die darüber klagen, dass ihre Eltern ihnen aus Sicherheitsgründen die Teilnahme an CSDs verweigern, nimmt aktuell eher einen gegenläufigen Trend wahr: Familien, die zwar eine gewisse Verunsicherung spürten, aber auch bewusster Haltung zeigen wollen. Und die sagen: „Dann gehen wir eben gemeinsam hin.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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