CDU Schleswig-Holstein ist gegen Gendern: Sternchenkrieg in Kiel

Staatliche Einrichtungen sollen keine Gendersternchen benutzen, findet die CDU – auch nicht der NDR. Der will aber niemanden diskriminieren.

Eine tätowierte Hand hält ein gelbes Sternchen

Umkämpft: das Sternchen Foto: Rawpixel Ltd.

HAMBURG taz | „Gendern an sich hat durchaus seine Berechtigung, es sensibilisiert.“ Wenn ein ranghoher CDU-Vertreter so spricht, und das im späten Bundestagswahlkampf, dann ist das beinahe schon eine Nachricht. Denn die in Umfragen schwächelnden Unionsparteien haben ein Aufregerthema entdeckt in der Frage, wie sehr Sprache die geschlechtliche Vielfalt abbilden soll und darf. Gerade erst, Anfang der Woche, hat Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, eine Christdemokratin, bestimmte Schreibweisen an den Schulen im Land verboten, nämlich solche mit „Sonderzeichen, Auslassungen, Unterstrichen oder Sternchen“.

Auch der eingangs zitierte Tobias Koch, Chef der Kieler CDU-Landtagsfraktion, blieb nicht so milde, als er den Kieler Nachrichten (Mittwochsausgabe) ein Interview zum Thema gab: Privatleute sollen es mit dem Gendern halten, wie sie mögen, sagte er sinngemäß. Nicht so aber die Verwaltung, das staatliche Bildungswesen oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk: Als „Institutionen, die in unserer Demokratie eigentlich der Mehrheit verpflichtet sind“, dürften sie eben nicht „eine andere Sprache und eine andere Rechtschreibung“ verwenden, ohne rechtliche Grundlage oder Akzeptanz.

„Permanenter Wandel“

Sie sollten sich vielmehr „der einheitlichen Linie verbunden fühlen“, für die sich die Mehrheit der Menschen ausspreche. Ermitteln soll diesen Mehrheitswillen ein Volksentscheid nach dem Vorbild eines anderen durchaus kontrovers verhandelten Sprachthemas: „In den 1990er-Jahren gab es einen Volksentscheid in Schleswig-Holstein zur Rechtschreibreform“, so Koch. „Zumindest von der politischen Debattenkultur her war das mustergültig.“

Nicht nur, dass es logisch knirscht zwischen dem Anspruch des Gendern, ja gerade Minderheiten zu ihren Rechten kommen zu lassen – und dem Mehrheitsprinzip so einer Abstimmung. Aufmerken lässt auch der Ruf nach Sprech- und Schreibregeln für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Knatsch in der Koalition

In Schleswig-Holstein ist das der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Anders als etwa der Bayerische Rundfunk hat der Vier-Länder-Sender NDR bislang keine Sonderzeichen-Verbote erlassen. Auf taz-Anfrage teilt die Intendanz mit: „Sprache unterliegt einem permanenten Wandel.“ Man beobachte daher, „wie sich die Diskussion um genderneutrale Sprache entwickelt“. Für die eigenen Programme „gibt es Empfehlungen, aber keine Vorgaben. Die Redaktionen befinden sich dazu in einem konstruktiven Austausch. Konsens ist, niemanden zu diskriminieren oder zu benachteiligen und gleichzeitig eine für alle verständliche Sprache anzubieten.“

Formuliert sind die internen „Anregungen für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ in einer Acht-Seiten-Handreichung aus dem Jahr 2019. Darin schreibt die NDR-Gleichstellungsbeauftragte Nicole Schmutte, durch eine solche Sprache könnten die „Kolleg*innen“ (!) dazu beitragen, „dass der NDR sich als modernes Medienunternehmen präsentiert, das auf gesellschaftliche Veränderungen angemessen reagiert“. Vorgeschlagen werden darin etwa neutrale Begriffe wie „Teilnehmende“ oder „Auszubildende“, an denen sich auch die Kieler Kultusministerin nicht stoßen dürfte.

Aber es gibt eben auch den Punkt „Genderstern*“, bezeichnet als „integrierendes sprachliches Element“ im Zusammenhang mit der „Anerkennung des dritten Geschlechts“.In der Kieler Regierungskoalition haben die Gender-Ideen für Missstimmung gesorgt, wusste am Donnerstag der NDR zu berichten: Grünen-Fraktionsvize Lasse Petersdotter attestierte dem Koalitionspartner in den Sozialen Medien, „sich völlig im realitätsfernen Populismusbingo“ zu verlieren. Und Kultusministerin Prien, berufe sich zwar auf die Bedürfnisse lernender Kinder, verbiete aber „12-Klässler*innen“, mit Sternchen zu schreiben.

Der Volksentscheid zur Rechtschreibreform, auf den CDU-Fraktionschef Koch als Vorbild verwiesen hatte, blieb übrigens seinen eigenen Worten nach ohne Folgen: weil „Schleswig-Holstein sonst einen Sonderweg gegangen wäre“.

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