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Buckelwal in der OstseeDer übergriffige Mensch

Kommentar von

Gunnar Hinck

Penetrant wird dem Wal hinterhergestiegen. Wenn es um Empathie für leidende Tiere geht, wäre ein Besuch in einem Schlachthof empfehlenswerter.

Empathie für leidende Tiere endet im Schlachthof: Dort fragt niemand „Wie geht es Friederike, der Kuh?“ Foto: Norman Krauß/picture alliance

W ie geht es Timmy?, fragen die TV-Morgenmagazine seit Tagen und schalten live an die Ostseeküste. Er atme, zeige aber ansonsten wenig Reaktionen, sagt im Ton einer Notärztin der Humanmedizin die Greenpeace-Expertin. Schwerins SPD-Umweltminister Till Backhaus verkündet großzügig, dass man den Buckelwal – dem irgendeiner einen Namen gab, damit es mit der Emotionalisierung auch ganz bestimmt klappt – jetzt in Ruhe lasse, damit „er Kraft tankt“.

Am „Wal-Drama“ lässt sich das übergriffige Wesen des Menschen gegenüber Tieren eindrucksvoll studieren: Der Mensch weiß angeblich am besten, was für ein (Säuge)-Tier gut ist, das keinem gehört, sondern in der Natur lebt. Ein kranker Wal liegt auf einer Sandbank, dann kommen selbsternannte menschliche Retter mit Helfersyndrom mit einem Bagger an, um ihm den Weg in die Freiheit zu ebnen. Eine Nacht später liegt der Wal wieder auf einer Sandbank. Kann es sein, dass sich der kranke Wal zum Sterben zurückzieht – und mit einem offensichtlich nicht mehr funktionierenden Navigationssystem ohnehin keine Überlebenschance hat? Oder, abstrakter formuliert, ist es nicht einfach der Kreislauf der Natur? Gestorben wird in der Tierwelt ständig, ohne dass der Mensch Notiz davon nimmt.

Apropos Sterben: Wenn der Mensch seine Empathie für Tiere trainieren möchte, sei ihm der Besuch deutscher Schlachthöfe empfohlen, wo täglich knapp 2 Millionen Hühner, Puten und anderes Federvieh, 120.000 Schweine und 8.000 Rinder getötet werden. Der Anblick weit aufgerissener, angsterfüllter Kuhaugen beim Hineintreiben in die Schlachthalle oder die Schmerzensschreie der Schweine beim Bolzenschuss, wenn das mit der Betäubung mal wieder nicht geklappt hat, dürften auch dem vernageltsten Menschen klarmachen, dass Tiere fühlende Lebewesen sind. Auch Live-Schalten aus einem Schlachthof fürs Morgenmagazin hätten einen heilsamen pädagogischen Effekt, dann aber bitte mit der Moderatorenfrage: Wie geht es Friederike, der Kuh?

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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4 Kommentare

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  • Danke für den ehrlichen und treffenden Kommentar.

  • "Gestorben wird in der Tierwelt ständig, ohne dass der Mensch Notiz davon nimmt."



    Der Vergleich hinkt gewaltig, aber trotzdem ist die Schlussfolgerung zutreffend und auch der Inhalt der Beobachtung einer Diskussion wert.



    Wer jemals einen Begleiter als Haustier verloren hat, der mehr Empathie empfand als die meisten Menschen, weiß wovon die Rede ist. Hier kristallisiert sich beim Wal seine Funktion als Signal und Fanal heraus, final vielleicht fatal.



    Es kommen Menschen ins Machen, nachdem sie ins Nachdenken kamen.



    Das ist die eigentliche "Funktion" dieses Schicksals, womöglich der aktuellste Präzedenzfall eines Menetekels.



    Für alle, die es aushalten, gibt es bewegende Bilder aus Schlachthäusern.



    Ein Lied reicht auch:



    youtu.be/WtcWick5i...s=UYZJ5XckEGnWro-C



    Der Titel als Motto: Erbarme dich!



    Es wird keine Katharsis geben, aber vielleicht mehr Teilnehmende bei den NGOs.

  • Die heutigen Verbraucher haben keine Ahnung wie es auf einem landwirtschaftlichen Betrieb wirklich aussieht und natürlich nicht wie auf einem Schlachthof. Interessiert die überhaupt nicht. Einfachste Kochkenntnisse fehlen, es gibt ja Fertigessen in jedem Supermarkt, haufenweise Dönerbuden und Lieferdienste. Der Zug ist einfach abgefahren. Katzenvideos, Videos von irgendwelchen putzigen Tieren im Zoo und natürlich Walbilder werden in Massen konsumiert. Je dem neusten Trend wird penetrant hinterhergejagt, die Menschen verblöden komplett.

    • @KLaus Hartmann:

      Etwas weniger herablassend wäre besser.

      Und warum glauben Sie eigentlich, dass Sie so viel schlauer sind als der Durchschnittsverbraucher?