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Buch von queerer IranerinLeben im Konjunktiv II

Sayan Kouhzad hat im deutschen Exil ein Buch geschrieben: Über das Leben, das ihr der Iran als queere Frau verwehrte. Eine persönliche Begegnung im Park.

Wenn Sayan Kouhzad nicht im Iran geboren worden wäre, hätte sie dieses Buch nie schreiben müssen. Wahrscheinlich hätte sie sich trotzdem in ihre beste Freundin verliebt, hätte es ihren Eltern erzählt und wäre zum Studium aufgebrochen. Vielleicht würde sie schreiben, ihre klugen Gedanken und Beobachtungen zu Papier bringen, sicher hätte sie Themen, die sie bewegten und für die sie kämpfen würde. Höchstwahrscheinlich wäre sie trotzdem Feministin – nur wäre da nicht immer diese Angst.

Aber Sayan ist im Iran geboren und aufgewachsen, in einer kleinen Stadt am Rande der Berge. Und so hat sie unter einem Pseudonym für den Querverlag ein kleines, sehr persönliches Buch geschrieben, das einen tiefen Einblick in das Leben von Frauen und Queers im Iran gibt. Denn obwohl sie Deutsch erst während der Coronapandemie als Fremdsprache erlernte, entschied sie sich bei dem Essay „Wenn ich nicht im Iran geboren worden wäre“ für die komplizierte grammatikalische Form des Konjunktiv II. Und genau dieser Konjunktiv ist es, der ihrer Geschichte Tiefe und Hoffnung gibt. Er dreht sich um die Frage: Was wäre (gewesen) wenn? Wer wäre diese rebellische Frau in einer Parallelwelt, ohne die starren Regeln der Islamischen Republik?

„Dies ist keine helle, strahlende, heroische Geschichte“, schreibt die Anfang-Zwanzigjährige gleich zum Auftakt. „Es ist eine Geschichte des Überlebens, des Versuchs, aufrecht und authentisch zu bleiben, während man unter der Last des Schmerzes zerbricht.“

Ich möchte wissen: Wer ist diese Autorin, die so berührend, mutig und nahbar über ihre persönlichen Erlebnisse schreibt? Sie blickt in dem Band auf ihr Leben als lesbische Frau in einem Land, in dem die Scharia über allem steht. Sie ordnet Geschehnisse ein, schreibt über Coming-out, Glauben, Depression und Angststörung. Ich treffe sie schließlich, nach einer langen vorsichtigen Kontaktaufnahme, in einem kleinen Park. Sie lebt seit einigen Jahren in dieser deutschen Stadt, deren Name hier nicht genannt werden darf. Trotz der großen Entfernung zu ihrem Herkunftsland ist sie vorsichtig: „Ich weiß nicht, wie viel sie wissen können. Es kann immer sein, dass sie herausfinden, dass ich hinter diesem Buch stehe.“ Deshalb traut sie sich nicht mehr, ihre Familie im Iran zu besuchen.

Die alltägliche Freiheit

Sayan Kouhzad ist zum Studium nach Deutschland gekommen und fühlt sich hier wohl. „Ich mag es hier, deswegen bin ich geblieben“, lacht sie, während die Sonne durch die Bäume in dem stillen Park bricht. Der schmale Grünstreifen zwischen den Plattenbauwohnungen ist einer ihrer Lieblingsorte. Oft wird sie gefragt, warum sie nach Deutschland gekommen ist. Dann antwortet sie: „Weil ich mir keine Zukunft im Iran vorstellen konnte. Aber die Wahrheit ist, ich hatte dort auch keine Gegenwart, kein normales Leben und ich wollte normal leben.“

Das Buch

Sayan Kouhzad: „Wenn ich nicht im Iran geboren worden wäre. Ein anderes Leben in einer anderen Welt“. Querverlag, Berlin 2026, 64 Seiten, 8 Euro

Es sei ihr Freiheitsdrang gewesen, der sie in die Ferne trieb. Damit meint sie nicht nur die großen politischen Schlagworte – wie Meinungsfreiheit oder Religionsfreiheit – sondern vor allem die kleinen Dinge. „Was uns viel mehr einschränkt und zu dem Punkt bringt, an dem wir unser ganzes Leben, unsere Familie, alles verlassen oder manchmal alles gefährden, sind die alltäglichen Freiheiten, wie zum Beispiel auf dem Gras zu liegen“, sagt sie, während sie mit glänzenden Augen im Schneidersitz auf der karierten Picknickdecke sitzt, die sie auf der Wiese ausgebreitet hat. Auch wenn das Picknicken im Grünen in der Islamischen Republik nicht direkt verboten ist, hatte sie dort stets Angst vor den Blicken. „Wenn man unter so einem autoritären und ideologischen Regime lebt, ist es, als ob man immer gefangen ist.“

Dieser permanente Druck war es, der sie forttrieb. Für Kouhzad steht fest: Auch wenn nicht alle Frauen, die in religiös autoritären Systemen (wie der Iran) geboren wurden, die Theorien oder Begriffe kennen, sind sie zwangsläufig Feministinnen: „Wir werden gezwungen, Feministin und Aktivistin zu sein, weil jede Kleinigkeit, die wir machen möchten, ein Kampf ist.“ Im Buch spricht sie von Trauma und Schmerz. Sie beobachtete bei einer Tante, dass Frauen bei einer Scheidung keine Rechte haben, bis hin zum Sorgerechtsentzug für Kinder. Ihre Großmutter musste nach dem Tod ihres Mannes ihren Schwager heiraten. Und als Kouhzad selbst einen Reisepass beantragen wollte, musste das ihr Vater erlauben. „Das war immer ein Thema für mich. Ich wusste, ich muss um alles kämpfen.“

Die Sache mit der Religion

Heute bezeichnet sie sich als „Ex-Muslima“, aber wenn sie verreist und ihren Reisepass aufschlägt, ist da noch das Foto mit dem Kopftuch. Dabei trägt sie seit Jahren ihr langes, dunkles Haar unverhüllt. Für sie steht es für alles, was sie an dem totalitären Staat ablehnt. Schon mit sieben Jahren musste sie in der Schule Hidschab tragen. Ab dem „religiösen Verantwortungsalter“ von neun trug sie immer Hidschab, außer im engsten Familienkreis. Bis zur Pubertät hielt sie sich an die Regeln, eine Zeitlang griff sie sogar zu dem im Iran verbreiteten Tschador – ein langes dunkles Tuch, das Kopf und Körper verhüllt. „Weil ich so viel Angst hatte, wollte ich mich so gut wie möglich verstecken.“

Und dann, ab 13, verlor sie den letzten Bezug zum Glauben. „Ich glaube, als ich Muslimin war, kam das niemals aus Überzeugung, sondern immer aus Angst. Trotzdem kann ich sagen, dass ich nicht gezwungen wurde, sondern gehirngewaschen, durch ein System, durch meine Tante und durch die vielen Sünden, die drohten.“ Sie spricht von „Rape-Culture“ und „Victim-Blaming-Culture“, davon, dass Frauen für ihre eigene Sicherheit verantwortlich gemacht werden. Hier auf der Wiese und in ihrem Buch benutzt sie klare Worte der Abgrenzung. Mit 16 legte sie schließlich in ihrer kleinen Stadt im Iran das Kopftuch ab. Nur bei ihrer religiösen Verwandtschaft trug sie es noch – nicht aber auf der Straße. Damals gab es dort keine Sittenpolizei, es blieb die Gefahr der Nachbarschaft.

Heute ist Kouhzads Verhältnis zu Religion kompliziert: „Einerseits möchte ich über meine Erfahrungen sprechen, über alles, was passiert ist, über reale Konsequenzen.“ Welche Folgen hat systematische religiöse Kontrolle für ein Kind? Inwieweit prägt sie bis heute ihr alltägliches Leben? Eindrücklich hat sie das mit dem Konjunktiv zu Papier gebracht. „Aber“, sagt sie leise, „ich will nicht zum antimuslimischen Rassismus beitragen.“ Mitunter wird ihr das vorgeworfen. In Deutschland erlebt sie als (obwohl nicht mehr gläubige) Muslima Diskriminierung, gleichzeitig wird ihr vorgeworfen, diese mit ihren Äußerungen zu verstärken. „Ich versuche immer, diese Differenz deutlich zu machen, wenn ich über meine Erfahrungen spreche.“ Trotzdem spürt sie den Druck aus der deutschen muslimischen Community, lieber zu schweigen.

Coming-out unter unmöglichen Bedingungen

Aber Sayan Kouhzad kann nicht schweigen. Kann sich nicht verstecken. Und so verliebte sie sich in eine Freundin, in einem Land, in dem Peitschenhiebe und Todesstrafe auf Homosexualität stehen. Sie alberten mitten in der Schule rum, lachten und plötzlich war da dieser Moment. „Das war das erste Mal, dass ich jemanden küssen wollte“, schwärmt sie. Es war schön und bedrohlich zugleich. Als sie mit 15 Jahren einen eigenen Internetzugang hatte und Filme, Serien und Webseiten aus aller Welt sehen konnte, verstand sie allmählich. Heute erinnert sie sich strahlend an die romantische Kinokomödie „Love, Simon“ von 2018.

Was unter den vielen Konjunktiven im Essay klar wird, sind Angst und Panikattacken als ständige Begleiter in ihrem Leben. „Ich habe wirklich sehr viel Angst, dass ich verhaftet werde und was danach passiert.“ Mehr als den Tod fürchtet sie Folter und sexuelle Gewalt. Sie kann es kaum aussprechen, so real ist die Furcht auch hier im sonnigen Park: „Ich weiß, dass ich mich nicht an die Regeln halten kann.“

Das Verhältnis zu ihren Eltern ist liebevoll, aber kompliziert. Ihr Vater – selbst nicht religiös – pflanzte ihr früh Angst ein, aus Sorge um sie. Wider all ihre Erfahrungen hat sie sich vor ihnen geoutet. „Ich verstehe, aus welchen Hintergründen sie mich, wie ich bin, nicht akzeptieren können, aber es tut trotzdem weh.“ Heute haben sie regelmäßig Kontakt. Als letztes Jahr der Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran wütete, studierte sie bereits in Deutschland. „Und, weil Krieg war und ich nicht wusste, wann wir uns das nächste Mal sprechen können, ob sie am Leben bleiben, habe ich das Thema wieder geöffnet“, erzählt sie stockend. Sie wollte wissen, ob sie sie trotzdem lieben können. Im Buch analysiert Kouhzad die Lebensgeschichten ihrer Eltern und versteht ihre Perspektiven: „Auch sie sind unter diesem krassen ideologischen Regime geboren und aufgewachsen.“

Die Auswirkungen von Unterdrückung und stetiger Angst ziehen sich durch ihr Buch, dabei wirkt sie auf der Wiese so fröhlich und selbstbewusst. „Vielleicht hätte ich in einem anderen Leben einfach ich selbst sein dürfen. Stattdessen wurde ich Zeugin einer Welt, die niemand jemals sehen sollte“, schreibt sie. Am Ende lässt einen die Lektüre von „Wenn ich nicht im Iran geboren worden wäre“ sprachlos zurück. Und während die Sonne langsam hinter den grünen Bäumen verschwindet, rollt sie die Picknickdecke wieder ein. Wenn Sayan Kouhzad nicht im Iran geboren worden wäre, hätte es diese Begegnung sicher nicht gegeben und so würde dieser Welt eine wichtige Stimme für Frauen und Queers aus dem Iran fehlen.

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1 Kommentar

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  • Desdur Nahe

    Ein ergreifender Bericht. Und vielleicht auch ein Denkanstoß an viele, die den Eindruck haben, als wäre Deutschland eines der schlimmsten Länder auf der Erde. Ist jetzt vielleicht ein wenig drastisch ausgedrückt und auch subjektiv, aber einen solchen Eindruck vermitteln mir manchmal verschiedenste GesprächspartnerInnen.



    Da ist es wichtig zu realisieren, dass es Menschen gibt, die Deutschland bewusst als besten Zufluchtsort und sicheren Lebensort gewählt haben.



    Und es sollte viel stärker in den Blick genommen werden, Deutschland als einen solchen Ort auch zu bewahren. Habe letztens einen Artikel zu "Der Lange Arm der Mullahs" gelesen, und Anmerkungen in diese Richtung hat ja auch Sayan Kouhzad geäussert.