Buch über mexikanische Kartelle: Blutige Zustände

Timo Dorsch beschreibt, wie sich die mexikanischen Kartelle im Bundesstaat Michoacán inszenieren. Mit der Theorie hapert es ein wenig.

Eine Frau und ein Kind gehen an einer Hauswand mit Einschusslöchern vorbei.

In Mexiko gehören Anblicke wie diese durchsiebte Hausfassade in El Aguaje zum Alltag Foto: Alan Ortega/reuters

Sechs der zehn weltweit gefährlichsten Städte liegen in Mexiko. Eine von ihnen befindet sich im Bundesstaat Michoa­cán. In dieser Region liefern sich derzeit Kriminelle zweier Kartelle blutige Kämpfe um die Vorherrschaft. Der Gouverneur schaut zu, die Bundesregierung schickt Truppen, um die Lage zu beruhigen.

Allerdings ist ihr Erfolg begrenzt: Videos in sozialen Medien zeigen, wie gepanzerte Fahrzeuge der Armee und der Nationalgarde Anfang April fluchtartig die Kleinstadt Aguililla verlassen, Mitglieder des Jalisco-Kartells greifen Soldaten mit sprengstoffbeladenen Drohnen an. Wer in der Gemeinde wen unterstützt, lässt sich nur schwer beantworten.

Zweifellos hat Autor Timo Dorsch mit Michoacán den richtigen Bundesstaat ins Visier genommen, um für sein Buch „Nekropolitik. Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko“ die komplizierten Gewaltstrukturen im Land zu beschreiben.

Zwar herrschen in einigen Regionen ähnliche Verhältnisse, aber hier treffen viele Faktoren aufeinander, durch die die Lage besonders eskaliert: Mehrere große Mafia­organisationen, eine traditionell korrupte politische Klasse, starke ökonomische Interessen auf lokaler bis internationaler Ebene und nicht zuletzt viele Bürgerinnen und Bürger, die sich bewaffnen, um diesem Wahnsinn nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Kartelle als selbsternannte Beschützer der Einheimischen

Zu Recht schreibt der Autor, dass es Recherchen vor Ort bedürfe, „um die Verhältnisse zu begreifen, denen so viele Menschen unterworfen sind“. Denn auch wenn die groben Linien ähnlich erscheinen, rühren Gewaltausbrüche oft aus einer Mischung aktueller wirtschaftlicher Interessen und langjährig in die Gesellschaft eingeschriebener Machtstrukturen.

Dorsch trifft in Michoacán einen Avocado-Produzenten, der ihm berichtet, wie eine kriminelle Organisation zunehmend die Kontrolle des Geschäfts übernahm und eine Firma abgefackelt wurde, weil sie kein Schutzgeld zahlte. Er erklärt, wie sich die „Familia Michoacana“ als Beschützer der Einheimischen gegen die Eindringlinge der konkurrierenden „Zetas“ inszeniert. Und wie die „Tempelritter“, eine Abspaltung der „Familie“, durch exzessive Gewalt die Bevölkerung dazu brachten, die korrupte Partei PRI zu wählen, um dann nach den Wahlen von den PRI-Bürgermeistern eine Quote des öffentlichen Haushalts einzufordern.

Detailliert beschreibt der Autor, wie Kartelle internationale Unternehmen erpressen, den Bergbau kontrollieren und über den Pazifikhafen Lázaro Cárdenas Eisenerz nach China verschicken. Nicht selten mit tätiger Unterstützung des Militärs oder hochrangiger Politiker. Solche Partner halfen auch dabei, dass die Region dank der über den Hafen aus China angelieferten Zutaten in den 2000ern zur weltweit größten Amphetaminküche wurde.

Auch Gouverneure kooperieren mit den Kartellen

Aber nicht nur Politikerinnen und Politiker, unter ihnen auch Gouverneure, kooperieren mit den Kartellen. Auch führende Mitglieder sogenannter Selbstverteidigungsgruppen arbeiten mit der Mafia zusammen, obwohl die Gruppen entstanden sind, um die Gewalt abzuwehren. Das ist nicht verwunderlich: Wer seine Gemeinde in einer Gesellschaft verteidigen will, in der legale und illegale Ökonomien eng verwoben sind und Rechtsstaatlichkeit ein Fremdwort ist, muss angesichts des Kräfteverhältnisses mit diesen Strukturen leben.

Wer ein Dorf schützen will, das vom Schlafmohnanbau für die Opiumproduktion lebt, kommt nicht darum herum, mit der Mafia zu dealen. Immer wieder haben in Mexiko selbstorganisierte bewaffnete Gruppen, die sich erfolgreich gegen ein Kartell wehrten, im Auftrag eines anderen agiert. „In Kontexten der Hybris“, wie Dorsch das komplexe Geflecht nennt, „sind die Linien zwischen Gut und Böse verschwommen“.

Wie der Titel des Buchs nahelegt, fasst der Autor diese Zustände unter dem von dem postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe geprägten Begriff „Nekropolitik“ zusammen. Er macht in Mexiko neue Techniken und Mechanismen der Herrschaftsausübung aus, „die im 21. Jahrhundert verstärkt den Körper als Territorium des Krieges begreifen“.

Das Geflecht aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, die entgrenzte Gewalt, die fehlende Rechtsstaatlichkeit, diese „Hybris“, sei Ausdruck der Nekropolitik, die, Mbembe zitierend, „die gegenwärtige Form der Unterwerfung des Lebens unter die Macht des Todes“ sei.

Ausnahmezustand seit Beginn des 21. Jahrhunderts

Das straffreie Töten, das Recht des Stärkeren „auf der Suche nach der bestmöglichen kapitalistischen Akkumulation“ oder die Gewaltanwendung zur Markierung territorialer Machtansprüche – für den Autor charakterisieren diese Umstände, dass in Mexiko seit Beginn des 21. Jahrhunderts ein Ausnahmezustand herrsche. Dieser Ausprägung des globalen Neoliberalismus, so Dorsch, „konnte endlich ein Name und eine Erklärung gegeben werden“: Nekropolitik.

Sicher lassen sich einige Phänomene unter Mbembes Blickwinkel der Souveränität über das Leben oder das Sterben betrachten. Und ja, Kartelle setzen tote, entstellte Körper – dem Vorgehen des „Islamischen Staates“ ähnlich – brutal öffentlich in Szene, um ihre Macht zu symbolisieren und Territorien abzustecken. Warum sie deshalb, wie der Autor schreibt, zur Ware, zur „Quelle der Kapitalakkumulation“ werden sollen, ist jedoch schwer nachzuvollziehen.

Timo Dorsch: „Nekropolitik. Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko“. Mandelbaum Verlag, Wien, 286 Seiten, 19 Euro

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob Mexiko tatsächlich im 21. Jahrhundert eine so grundlegend neue Epoche erlebt und ob eine Untersuchung unter der Vorgabe „Nekropolitik“ genügend neue analytische Erkenntnisse liefert, um eine solche Zeitenwende zu bestätigen.

Weder die Gewalt an sich noch das Verschwimmen der Grenzen zwischen legaler und illegaler Ökonomie und korrupten Politikern sind historisch neue Phänomene. Räume des Ausnahme- und des Normalzustands, die parallel existieren und sich gegenseitig bedingen, ziehen sich durch die gesamte neue Geschichte Mexikos. Der Autor beschreibt selbst ausführlich die Entwicklung der PRI, die nach der Revolution über 70 Jahre lang das Land regierte. Kriminelle, Gewerkschaften, Unternehmer, Militärs und Regierung zogen an einem Strang, ganz oben stand die Partei.

Tief in die Gesellschaft eingeschriebene Korruption

Wer sich diesem Konglomerat widersetzte, wie etwa radikale Linke in den 1970er Jahren, wurde verfolgt und ermordet. Wie auch indigene Gemeinden befanden sie sich im rechtlosen Ausnahmezustand. Mit der wirtschaftlichen Liberalisierung, die in den 1980er Jahren ihren Anfang nahm, entstand in der legalen und illegalen Wirtschaft jene Konkurrenz, die zusammen mit der tief in die Gesellschaft eingeschriebenen Korruption den Hintergrund für die heutigen blutigen Zustände bildet.

Es gelte auch zu fragen, welche positive Funktionalität die Gewalt in Hinblick auf soziale Kontrolle und Reproduktion von Herrschaft ausübe, schreibt der Autor. Er beruft sich dabei auf den mexikanischen postkolonialen Theoretiker Mario Rufer. Ob diese neoliberale Dynamik tatsächlich Verhältnisse geschaffen hat, die der Kapitalakkumulation dienlich sind, ist zweifelhaft. Sicher, für die korrupte politische Klasse, einige Firmen und Kartelle mag das zutreffen.

Für Konzerne, die Jeans produzieren, Tomaten anbauen oder Volkswagen herstellen, ist die „Hybridisierung staatlich-krimineller Strukturen“ jedoch ein Hindernis. Sie wollen weder Schutzgeld zahlen noch ständig einkalkulieren, dass ihre Ware auf dem Weg zum nächsten Hafen gestohlen wird. Auch für den Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen Mexikos, werden die brutalen Verhältnisse zum Hemmschuh, wenn das Morden an die Strände vordringt.

Ob die mexikanische Wirklichkeit eine dauerhaft funktio­nierende Symbiose zwischen einem modernen kapitalistischen Produktionszentrum und den „Räumen des Ausnahmezustands“ darstellt, ist nicht ausgemacht. Ebenso wenig, ob die gewalttätigen Verhältnisse, wie Mbembe schreibt, „die letzte Ausprägung der Souveränität“ zum Ausdruck bringen. Dorschs Buch ist aber auf jeden Fall eine lesenswerte Grundlage, um diese Fragen zu diskutieren.

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