Buch über deutsche Wirtschaftsgeschichte: Helden des nahtlosen Stahlrohrs
Es heißt, 300 Männer könnten das Schicksal einer Nation verändern. Konstantin Richter erzählt anhand dieser These von Deutschlands wirtschaftlichem Aufstieg.
Eine beliebte Graphic-Novel-Serie von Frank Miller trägt den Titel „300“. Leonidas I., König der Spartaner, soll mit 299 weiteren gestählten Spartiaten das Abendland vor den einfallenden Persern verteidigt haben. Die Vorstellung, dass 300 Männer genügen, um das Schicksal großer Nationen zu verändern, fasziniert.
Mehr als zwei Jahrtausende nach der Schlacht bei den Thermopylen kamen angeblich wieder 300 Männer zusammen, um Großes zu vollbringen: Deutschland zu einer Industriemacht zu formen. Diesmal war es nicht Herodot, der von den Heldentaten berichtete, sondern Walther Rathenau, der 1909 in einem Aufsatz allerdings vor den Männern warnte, „von denen jeder jeden kennt“ und die „die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents“ leiten. Sie begründeten nicht nur Konzerne, die heute noch auf den Weltmärkten bestehen, sondern auch den Mythos der „Deutschland AG“.
Konstantin Richter, Autor und Journalist, nimmt Rathenaus Beschreibung auf und schreibt sie weiter zu einer Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Diese beginnt im aufsteigenden Dampf: Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs entfaltet auch hier die industrielle Revolution ihre Dynamik. Angetrieben wird sie nicht nur durch Dampfmaschinen, sondern auch vom technischen Innovationsgeist kluger Köpfe: Es sind Jahre, in denen in schwäbischer Idylle Menschen wie Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach Motoren erfinden oder in lärmerfülten Städten wie Remscheid die Brüder Mannesmann ein Verfahren für nahtlose Stahlrohre entwickeln: Jahre, in denen sich Deutschland den Ruf des „Erfinderlands“ erarbeitet.
Aus kleinen Erfinderklitschen, heute würde man sagen: Start-ups, entwickelten sich in der Folge Konzerne. Es entstanden Firmen wie Daimler, Krupp oder die Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske in Berlin. Eine zentrale Rolle nahm Konstantin Richter zufolge die Deutsche Bank ein. Die gemeinsame Schöpfung von Georg Siemens und Hermann Wallich überstand den Gründerkrach besser als andere Banken und wurde am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Fixpunkt der deutschen Wirtschaft. Sie erwarb Anteile an großen Industrieunternehmen, entsandte Vertreter in die Aufsichtsräte, organisierte Börsengänge: die Bank als zentrale Organisiermaschine.
Richters deutsche Wirtschaftssaga erzählt sich im Folgenden als eine Geschichte des Zusammenrückens: Die Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs brachte eine bislang ungekannte Verzahnung zwischen Staat und Wirtschaft hervor. Nachdem der Traum der deutschen Hegemonie in den Schützengräben zu Ende ging, arrangierte man sich sogar mit der Demokratie der Weimarer Republik – bis man erneut ideologische Flexibilität den neuen nationalsozialistischen Herrschern gegenüber bewies und schließlich Teil des Vernichtungsregimes wurde. Der Autor nimmt sich Zeit, die verschiedenen Verstricktheiten differenziert zu erzählen.
Die Wirtschaftswunder-Bundesrepublik brachte die Vorstellung der „Deutschland AG“ hervor, das herrschende Prinzip dahinter war aber eines, das seit dem Kaiserreich wirkte: Die großen Unternehmen waren untereinander beteiligt, sie bildeten Kartelle und strebten nach einer Monopolstellung. Entstand auch nur der Eindruck von Konkurrenz, einigte man sich und absorbierte kleinere Unternehmen. „Organisierter Kapitalismus“ nennt Richter das in Anlehnung an den sozialdemokratischen Theoretiker Rudolf Hilferding. Das Ende dieses Prinzips kam schleichend, vom Abstieg der Montanindustrie über die Abkehr von der internationalen Währungsordnung des Bretton-Woods-Systems bis zur Internationalisierung des Finanzmarkts. Den Todesstoß macht Richter ausgerechnet bei Schröders rot-grüner Regierung aus: Die verkündete 1999 eine Steuerreform, in der der Verkauf von Unternehmensbeteiligungen steuerfrei wurde. Der Geist war aus der Flasche, deutsche Unternehmen lösten die jahrzehntealten Verbindungen untereinander.
Konstantin Richter: „Dreihundert Männer. Aufstieg
und Fall der Deutschland AG“. Suhrkamp, Berlin 2025, 543 Seiten,
30 Euro
Was mit Daimler, Siemens, Maybach und den Brüdern Mannesmann anfing, endet nun also mit Hans Eichel? Es ist das ernüchternde Ende eines Mythos. Der Autor weiß mit „Dreihundert Männer“ eine gute Geschichte zu erzählen, sie ist voller großer und kleiner Anekdoten, ist kulturhistorisch angereichert und entwickelt einen Sog, der einen durch 150 Jahre deutscher Wirtschaftsgeschichte zieht. Das Problem mit Richters Buch ist jedoch, dass er nicht deutlich genug markiert, dass wir hier einen halbmythischen Raum betreten, in dem die deutsche Geschichte tatsächlich dem Gestaltungswillen von einigen wenigen Männern folgt. Richter betreibt somit eine Florian-Illisierung der Geschichtsschreibung: Storytelling schlägt Komplexität. Aber Frank Miller hat seine Graphic Novel ja auch nicht „300, plus einige Tausende griechische Hilfstruppen“ genannt.
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