Buch über Louis Althussers Femizid: Antifeminismus in Aktion
Faszination und Vergessen: Das Buch von Francis Dupuis-Déri über den Mord von Louis Althusser an seiner Frau, der Soziologin Hélène Legotien Rytmann.
Foto: dpa/Ullstein Bild
Wenn Männer ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen umbringen, laufen mediale Berichterstattung und soziale Wahrnehmung häufig nach einem klaren Schema ab: Der Täter wird psychologisiert und erscheint als armer Mann, der irgendwie nicht anders konnte, weil sie drohte, ihn zu verlassen. Überhaupt steht vor allem der Täter im Vordergrund, während über das Opfer wenig gesprochen wird, das damit einer zweiten Auslöschung anheimfällt. Immer noch wird der Mord an Frauen als Beziehungstat verharmlost, statt seinen sozialen, patriarchalen und misogynen Kontext zu analysieren. Ist der Täter weiß und gutbürgerlich situiert, wird psychologisiert, hat er Migrationshintergrund oder ist arm, wird kulturalisiert.
All das geschah auch nach dem Mord, den der marxistische Philosoph Louis Althusser an seiner Ehefrau und langjährigen Partnerin, der Soziologin Hélène Legotien Rytmann, 1980 beging. „Alle waren sich einig darüber, dass der Wahnsinn die Ursache des Dramas sei“, schreibt der Politikwissenschaftler Francis Dupuis-Déri in seinem Buch „Althussers Femizid“. Darin zitiert er nicht nur Weggefährten und Althusser selbst, sondern unterzieht den gesamten Prozess der Rechtfertigung einer feministischen Analyse. Althussers akademisches Netzwerk hatte dafür gesorgt, dass der berühmte Professor von der Strafverfolgung verschont blieb.
Unzählige Artikel in der Presse wie auch in Fachzeitschriften rechtfertigten den Mord oder spielten ihn herunter. Das Ausblenden sozialer Phänomene in der Rezeption des Mordes sei gerade angesichts dessen frappant, dass Althusser einer „der bedeutendsten marxistischen Theoretiker seiner Zeit war“. Dupuis-Déri fördert auch intellektuelle und journalistische Rechtfertigungen zutage, die einem angesichts des pseudophilosophischen Geblubbers die Fremdschamesröte ins Gesicht treiben. Selbst feministische Texte, die mit Althussers Theorie arbeiten, erwähnen häufig weder den Mord noch Legotien Rytmann.
Es gelingt Dupuis-Déri sehr gut, demgegenüber das Gewöhnliche der Tat herauszuarbeiten. Althusser selbst hatte geschrieben, dass Hélène Legotien Rytmann ihm einige Tage vor dem Mord mitgeteilt hatte, ihn verlassen zu wollen. Das sei nicht überraschend gewesen, schreibt Dupuis-Déri, denn die Beziehung war nicht nur von Althussers psychischen Problemen überschattet. Der große Philosoph muss auch ein ziemlich kleinkarierter Kontrollfreak gewesen sein, der seiner Partnerin hinterhertelefonierte, wenn sie auf Forschungsreisen war. Wenig überraschend war also auch, dass er schlecht auf „ihren Wunsch, sich zu emanzipieren, reagierte“.
Francis Dupuis-Déri: „Althussers Femizid“. Aus dem Französischen von Teresa Awa. Passagen Verlag, Wien 2026. 96 Seiten, 15 Euro
Althusser gegen die königliche Rolle der Frau
Diese Haltung war weit mehr als Althussers Privatsache. Sie passt gut in das Bild des Mannes, der die Bedeutung feministischer Theorie nicht zur Kenntnis nahm, obwohl er sich der Frage der Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse verschrieben hatte. Zur Reproduktionsfrage hatte der Feminismus der 1970er Jahre bahnbrechende Erkenntnisse auch zur marxistischen Theorie beigetragen. Wenn er allerdings den Feminismus erwähnte, dann nicht als positive Referenz. Am Ende des Buches wird ein Text aus dem Nachlass Althussers zitiert, der sich liest sich wie ein maskulinistisches Manifest, das sich gegen die „Unterdrückung des Mannes“ durch die „königliche Rolle der Frau“ stark macht.
Nach Dupuis-Déris Buch, in dem auch Legotien Rytmann nicht nur als ermordete Ehefrau, sondern als Soziologin mit Werkliste vorkommt, lassen sich Althussers Schriften nicht mehr so lesen wie zuvor. Dennoch ist die wichtige Frage, ob sich das Werk von den Taten des Autors trennen lässt, schwer zu beantworten. Dafür müsste aufgezeigt werden, dass sich in den Texten Spuren dessen finden, was die schreibende Person sonst so gemacht und gedacht hat.
Diese Mühe macht sich Dupuis-Déri mit Althussers bis heute wirkmächtigen Büchern „Für Marx“, „Das Kapital lesen“ und „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ ausdrücklich nicht. Das sei „zu viel der Ehre“, und er schließt das Kapitel nach knapp drei Seiten ab. Diese Schlüsselfrage im Umgang mit Autoren und Künstlern, die sich sexistischer Taten zu verantworten haben, nicht vertieft zu haben, ist das einzige große Manko des Buches.
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