Buch über Lobotomie in der NS-Zeit: Die ruhiggestellte Tante
Ina Boesch rekonstruiert in „Marleen“ das Leben ihrer schizophrenen Tante im NS-besetzten Holland.
Afwezig (abwesend) sei sie gewesen, vorwiegend inactief und negativistisch, dazu snibbig (schnippisch), kribbig (mürrisch) und vreemd (seltsam). So stehen die Zuschreibungen in einer Akte aus den Niederlanden, auf die die Schweizer Kulturwissenschaftlerin Ina Boesch durch Zufall stößt: die Akte ihrer holländischen Tante Marleen, deren Jugend in die Zeit der deutschen Besatzung fällt. Schon das kleine Marleentje habe sich stets minderwaardig (minderwertig) gefühlt, sei viel krank und boos zu anderen gewesen. Auch die Zuschreibungen der Teenagerin fallen nicht positiver aus. Marleen beginnt zu halluzinieren und mit imaginierten Personen zu sprechen.
Boesch erzählt das alles im Du, spricht ihre Tante Seite für Seite direkt an und lässt damit auch die Lesenden nicht davonkommen: Man steht selbst mit im Raum, wenn die Ärzte Marleen Etiketten anheften, die in der Akte stehen bleiben. Die Diagnose lautet schließlich Schizophrenie. Als nichts zu helfen scheint, greifen die Ärzte 1947 zu einem damals als modern geltenden Eingriff: der Lobotomie. Dabei durchtrennen Chirurgen Nervenbahnen im Frontallappen des Gehirns, um unruhige PatientInnen ruhigzustellen. Marleen wird durch den Eingriff still, aber nicht gesund; den Rest ihres Lebens verbringt sie in Anstalten. Sie war eine von Zehntausenden, vor allem Frauen, die Mitte des 20. Jahrhunderts Opfer dieser zweifelhaften medizinischen Praxis wurden, deren Ergebnis meist eine Ruhigstellung ohne Heilung blieb. Eingestellt wurde die Lobotomie erst allmählich in den 1950er Jahren.
Aus dem Schweigen der Familie und den knappen, oft entwürdigenden Akteneinträgen über ihre Tante setzt Boesch nach und nach ein Leben zusammen, das sonst verschwunden wäre, und erzählt nebenbei ein Stück niederländischer Zeitgeschichte.
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
„Marleen. Von der Chirurgie des Wahns“ ist ein Buch ohne Abstand: Wer im Du liest, kann sich nicht hinter der Geschichte verstecken. Dieser erzählerische Ansatz Ina Boeschs gibt der Tante im Buch die Stimme zurück, die ihr zu Lebzeiten genommen wurde. Beklemmend und berührend zugleich.
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