Bremer Subkultur mit Zukunftsperspektive: Irgendwo angekommen

Dank eines Deals zwischen Bau- und Wirtschaftsressort darf das Clubprojekt Irgendwo in der Neustadt bleiben. Der Konflikt um Flächen aber geht weiter.

Party im Irgendwo in Corona-Zeiten: Draußen auf einzelnen Holzpaletten mit Abstand zueinander stehen jeweils einzelne Kleingruppen zum Tanzen. Im Vordergrund sieht man eine Hütte aus Holz und Laub von Sträuchern zu sehen

Tanz mit Distanz im Irgendwo: Das Kulturprojekt darf bleiben Foto: Gianna König

BREMEN taz | Das „Irgendwo“ darf bleiben – nicht irgendwo, sondern an seinem jetzigen Standort, an der Amelie-Beese-Straße in der Neustadt. Und nicht bis zur nächsten Entscheidung, für ein oder zwei Jahre, sondern dauerhaft.

Die Nachricht kam überraschend; während der Beirat Neustadt am Donnerstagabend noch über eine mögliche Zukunft für das Club- und Kulturprojekt diskutierte, wurde öffentlich, dass es eine Einigung zwischen Stadt und Verein gibt. „Das Ergebnis ist druckfrisch“, so teilte Staatsrätin Gabriele ­Nießen die Kunde den erfreuten Beiratsmitgliedern mit.

Der Verein Kulturbeutel, der hinter dem Irgendwo steckt, und das Ressort für Stadtentwicklung unter Bau- und Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) waren sich schon vorher einig: Bereits Anfang November hatte sich Schaefer für den Kulturverein stark gemacht und gemeldet, dass nach Prüfung ihres Ressorts keine Fläche besser geeignet sei als die aktuelle.

Aus dem Weg geräumt werden musste der Widerstand des links geführten Wirtschaftsressorts: Die Fläche, die das Irgendwo für seine Partys, Kinoabende und Lesungen nutzt, ist eines der letzten freien Grundstücke im Gewerbegebiet Airport-Stadt, vier Millionen Euro wäre es wert. Investoren hatten bereits grundsätzliches Interesse bekundet. Eine letzte befristete Zwischennutzung hatte die Wirtschaftsförderung dem Kulturbeutel-Verein deshalb Ende Oktober angeboten – dann aber, so hieß es, müsse das Projekt eine andere Heimat finden.

Kultur-Grundstück gegen Gewerbefläche

Die Einigung jetzt ist einem Deal innerhalb der Landesregierung zu verdanken: Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) gibt die Fläche ab, Bausenatorin Schaefer verspricht dafür, ein Grundstück in gleicher Größe, etwa einen Hektar, zusätzlich als Gewerbefläche auszuzeichnen. „Ich bin froh, dass wir eine Lösung gefunden haben“, sagt Schaefer, „es braucht solche Kulturangebote, die zum Flair in Bremen beitragen.“

Ein Argument, das auch die Kulturbeutel-Vertreter*innen immer wieder betont hatten: Ohne junge Subkultur werde Bremen langweilig, Fachkräfte wanderten ab.

Im Wirtschaftsressort hat man diese Argumentation gehört: „Ein Innovations­standort braucht ein innovatives und lebendiges Flair“, so Kristin Viezens, Sprecherin der Behörde. Uneingeschränkt glücklich ist man im Ressort trotzdem nicht mit der Entscheidung: Die Ersatzgewerbefläche wird nicht am begehrten Flughafen entstehen, dort ist kein Platz mehr. „Bedauerlich“, so Viezens.

Ausgewiesene Kulturflächen gibt es nicht

Der Konflikt war nicht der einzige seiner Art. „Für alle Kulturprojekte gibt es immer wieder das gleiche Problem“, sagt Kai Wargalla, kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, in der Beiratssitzung. „Im Bebauungsplan werden keine Kulturflächen ausgewiesen. Man muss sie immer irgendwo anders wegnehmen.“

Melanie Morawietz, im Beirat der Neustadt und Mitglied der Kulturdeputation für die CDU, plädiert dafür, genau das zu ändern und Kulturflächen bei der Stadtentwicklung künftig mitzudenken. Konkret wird man im Bauressort zu dieser Idee noch nicht. „Aber klar“, so Linda Neddermann, stellvertretende Sprecherin der Behörde, „so eine Lösung wirft auch neue Fragen für die Zukunft auf.“

Und der Kulturbeutel? Der freut sich. „Uns hat aber erschrocken, wie schwer das war“, sagt Felix Graßhoff aus dem Vorstand des Vereins bei der Beiratssitzung. „Wir dachten, in einer rot-grün-roten Landesregierung wäre Kulturförderung selbstverständlicher.“

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