Bremer Antidiskriminierungsbeauftragte: Erste Wahl im zweiten Durchgang
Bald wird Devrimsel Deniz Nergiz ihre Stelle als bremische Antidiskriminierungsbeauftragte antreten. Dass der Start holprig war, hat sie abgehakt.
Foto: privat
Anfang November darf Devrimsel Deniz Nergiz in Bremen ihre neue Stelle antreten. Endlich. Die Soziologin übernimmt als deren Leiterin den Aufbau der neuen Landesantidiskriminierungsstelle (Lads). Nergiz, Anfang 40, ist in der Türkei geboren. Beim Umzug nach Deutschland Anfang der 1990er war sie acht Jahre alt. Bis zum Abschluss der sechsten Gymnasialklasse ging sie in Mannheim zur Schule, dann zog die Familie zurück in die Türkei.
Dass sie später an der renommierten Bilgi-Universität und der schon recht elitären privaten Koç Üniversitesi hat studieren können, verdankt sie Stipendien. „Wir waren ja Mittelstand“, sagt Nergiz. Ihre preisgekrönte Dissertation an der Uni Bielefeld hat dann die Exzellenzförderung der Deutschen Forschungsgesellschaft gesponsert. Thema: Migrantische Politiker*innen in Deutschland.
Zur Antidiskriminierungsbeauftragten gewählt worden ist sie von der Bremischen Bürgerschaft am 23. September. Allerdings erst im zweiten Anlauf: Einen Monat zuvor hatten vier Abweichler*innen ausgerechnet die Abstimmung über sie genutzt, um ihren Koalitionsfrust auszuleben.
Statt der sicher geglaubten rot-grün-roten Mehrheit gab es also ein Patt von 40 zu 40 plus eine Enthaltung. „Ich stelle fest, dass Frau Dr. Nergiz nicht gewählt ist“, gab Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer (SPD) am 26. August als Ergebnis zu Protokoll. Klingt unspektakulär, muss aber als gar nicht so kleine Regierungskrise gelten.
Dass ausgerechnet diese Personalie zu einem solchen Politikum geraten konnte, macht dabei ein wenig ratlos. Denn nicht nur hatte die Kandidatin betont, ihr Amt als „überparteiliche Aufgabe“ und sich selbst als „Fachexpertin“ zu verstehen. Auch Nergiz’ Lebenslauf verdeutlicht, dass das bei ihr eben nicht nur so ein Spruch ist.
Nergiz gehört keiner Partei an. Sie ist weder Linke, Grüne noch – na, vielleicht war das ja das Problem – Sozialdemokratin. „Ich stehe auf der Seite der Personen, die von Diskriminierung betroffen sind“, sagt sie. Also im Zweifel zwischen allen Lagern.
Devrimsel Deniz Nergiz, Antidiskriminierungsbeauftragte
So hatte sie auch im Bundestag zuerst für den Grünen Memet Kılıç aus Heidelberg (Wahlkreis Pforzheim) gearbeitet und war dann später ins Team von Cemile Giousouf aus Hagen (Westfalen) gewechselt, die seit Juni Vizepräsidentin der deutschen Unesco-Kommission ist. Im Bundestag war Giousouf die erste muslimische Abgeordnete der CDU.
Später hatte Nergiz als erste hauptamtliche Geschäftsführerin in der Geschichte des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats dessen Geschäftsstelle aufgebaut. Auch eine berufliche Erfahrung, die sie ganz objektiv für den Bremer Job qualifiziert.
Andere hätten sich von so einem Holperstart ins Bockshorn jagen lassen. Nergiz nicht. „Ich habe das nicht als persönliche Niederlage empfunden“, sagt sie der taz. Haken drunter. Gut ist. Offenkundig beherrscht sie die Kunst, negative Erfahrungen in Kompetenz umzuwandeln.
Sie war ja auch früh genug, schon als Kind in Mannheim, mit der Notwendigkeit konfrontiert, Zurückweisungen nicht einfach hinzunehmen: „Allein die Einschulung in eine Regelklasse als Kind mit körperlicher Behinderung war ein langer Kampf mit dem Schulamt“, so Nergiz. Hätten ihre Eltern den nicht geführt, wäre diese Frau von geradezu funkelnder Intelligenz auf die Sonderschule geschickt worden. „Antidiskriminierungsrecht ist für mich kein abstrakter Normentext“, sagt sie. Umso wichtiger „dass die Lads endlich ihre Arbeit aufnimmt“.
Schon den ganzen Oktober über bereitet sie vor, knüpft Kontakte in existierende Netzwerke im Land Bremen, führt in den beiden Städten Gespräche, hört zu. Wichtig sei ihr, das Recht auf Diskriminierungsschutz bekannt zu machen: „Gerade die am stärksten Betroffenen wissen oft genug nicht, wie sie sich gegen unfaire staatliche Behandlung wehren und an wen sie sich dafür wenden können.“
Dabei sei Diskriminierung „etwas, was wir in unserem allgemeinen Alltag alle erleben können“. Geschlecht, Krankheiten, Sprache, die soziale Lage auch, es gebe viele Marker, an die Diskriminierung anschließe. Vor den wenigsten ist man gefeit. Dabei fallen im Bremer Kontext nicht zuletzt die sozialen Lagen ins Gewicht. „Mit 27,5 Prozent hat das Land Bremen die höchste Armutsquote bundesweit“, erinnert sie. Am 28. Oktober soll sie die Ernennungsurkunde erhalten.
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