Boykott in Niedersachsen: Lehrer bleiben zu Hause

Weil Gymnasiallehrer in Niedersachsen ab 2014 eine Pflichtstunde pro Woche mehr unterrichten sollen, streichen Schulen die Klassenfahrten. Schüler und Eltern sehen sich instrumentalisiert, selbst der Lehrergewerkschaft GEW geht das zu weit.

Auf so eine schöne Aussicht müssen niedersächsische SchülerInnen künftig verzichten: Lehrer streichen aus Protest Klassenfahrten. Bild: dpa

HANNOVER taz | Keine Klassenfahrten mehr ab dem Sommer 2014, damit drohen immer mehr Gymnasien in Niedersachsen. An gut einem Dutzend Schulen haben die Kollegien aus Protest gegen die von Rot-Grün geplanten Arbeitszeiterhöhungen für Gymnasiallehrer bereits einen Klassenfahrten-Boykott beschlossen.

An der Sophienschule in Hannover geht man gar noch weiter. Dort soll es ab sofort keine Exkursionen, Theaterbesuche oder sonstige Aktivitäten außerhalb des Unterrichts mehr geben. Selbst das traditionelle Weihnachtskonzert soll ausfallen.

Von 23,5 auf 24,5 Stunden pro Woche will Niedersachsens rot-grüne Landesregierung nach ihren Haushaltsplanungen für 2014 die Unterrichtsverpflichtung an den Gymnasien erhöhen. Zudem soll eine ursprünglich ab dem 1. August 2014 vorgesehene Arbeitszeitverkürzung für Lehrer ab 55 Jahren um eine und ab 60 Jahren um zwei Stunden je Woche ausgesetzt werden.

Das hatte 2000 die damalige SPD-Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper mit den Lehrergewerkschaften ausgehandelt. Die jetzige rot-grüne Landesregierung hat das kassiert und will mit den freigesetzten Mitteln andere Bildungsmaßnahmen wie den Ausbau des Ganztagsschulangebots oder die Umsetzung der Inklusion vorantreiben.

Sehr zum Unmut der Lehrerschaft. Deren Gewerkschaften sprechen von Wortbruch. Erst Ende August demonstrierten gut 10.000 Lehrer in Hannover gegen die Arbeitszeitpläne. Im Internet fand eine entsprechende Petition in weniger als zwei Wochen mehr als 6.500 Unterzeichner. An den Schulen breite sich der „Aufstand der Basis“ aus, wie es der Philologenverband formuliert, der die Protestmaßnahmen ausdrücklich unterstützt.

An Niedersachsens Grundschulen sind 28 Pflichtstunden pro Woche vorgesehen, an den Gymnasien derzeit noch 23,5 - bundesweit ist das die geringste Unterrichtsverpflichtung.

Die volle vorgesehene Pflichtstundenzahl unterrichten laut niedersächsischem Kultusministerium allerdings nur 30 Prozent der rund 41.000 vollzeitbeschäftigten Lehrer und Lehrerinnen an allen Schulformen. 70 Prozent lassen sich über sogenannte Anrechnungsstunden für Sonderleistungen die Unterrichtungsverpflichtung reduzieren.

Angerechnet und von den Pflichtstunden abgezogen werden etwa Schulleitungstätigkeiten, Aufgaben in der Lehrerausbildung oder hoher Korrekturaufwand.

Zurückhaltender klingt dagegen die Lehrergewerkschaft GEW. Auch hier kritisiert man die geplante Mehrarbeit. Die Arbeitszeiterhöhung und das Streichen der Altersermäßigung seien „völlig daneben und eine politische Fehlentscheidung“, sagt Niedersachsens GEW-Sprecher Richard Lauenstein. Das Boykottieren von Klassenfahrten sieht er aber skeptisch.

„Wir führen hier eine politische Auseinandersetzung und keinen Arbeitskampf, der Druck muss auf die Politiker weitergegeben werden“, sagt er. Lauenstein zweifelt zudem am Erfolg solcher Aktionen. Als etwa Hamburgs Lehrer 2004 mit GEW-Unterstützung ebenfalls in einer Auseinandersetzung um die Arbeitsstunden die Klassenfahrten strichen, habe die Aktion „Lehrer, Schüler und Eltern eher voneinander entfernt als vorangebracht“.

Auch jetzt reagieren Schüler und Eltern mit Unverständnis. „Es ist die Frage, wen ich mit dieser Aktion treffe: Meinen Dienstherrn oder die Schüler“, sagt etwa die Vorsitzende des Landeselternrats, Sabine Hohagen. Beim Landesschülerrat findet man die Boykott-Ankündigungen „absolut ärgerlich“. Er sehe die hohe Belastung von Lehrern, sagt dort Vorstandsmitglied Timon Dzienus.

Er persönlich halte 45 Minuten mehr Unterricht pro Woche aber für tragbar. Das Gefecht darum laufe zwischen Landesregierung, Lehrern und deren Gewerkschaften, erklärt er. Es liege an der Politik, „sich an den Tisch zu setzen und die Probleme zu klären“.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) betont unterdessen stets, die Arbeitszeitverlängerung für die rund 19.000 Gymnasiallehrer landesweit sei verantwortbar. An anderer Stelle schaffe man dafür „erhebliches Entlastungspotenzial“, führt ihre Sprecherin an. So wolle man etwa den Etat für Fort- und Weiterbildungen verdreifachen, die Zahl der Schulpsychologen verdoppeln.

Dem Boykott steht man allerdings hilflos gegenüber. „Es ist das gute Recht der Lehrkräfte, ihrem Ärger Luft zu machen“, erklärt die Sprecherin. „Das Streichen von Klassenfahrten geht aber über die legitime Interessenvertretung hinaus.“ Eine dienstrechtliche Handhabe hat man aber nicht – Schulfahrten sind freiwillige Leistungen. „Wir können grundsätzlich nur an die Lehrkräfte appellieren.“

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