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Kino-Doku über Astrid LindgrenBombennacht und Bullerbü

Im Dokumentarfilm „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ stellt Wilfried Hauke die Kriegstagebücher der Kinderbuchautorin vor.

Sommerurlaub als Vorbild für Bullerbü: Astrid Lindgrens Leben im Zweiten Weltkrieg wird im Film zum Teil nachgestellt Foto: farbfilm verleih

Die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren? Man kennt sie bislang nur als die emanzipatorische Märchentante. Ihre Bücher über Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und die Kinder aus Bullerbü waren internationale Bestseller und wurden sehr erfolgreich verfilmt. Im Jahr 2018 kam das Biopic „Astrid“ in die Kinos, in dem von ihren eigenen Jugendjahren erzählt wird. Doch jetzt hat der deutsche Dokumentarfilmer Wilfried Hauke mit „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ einen Film gemacht, der eine ganz andere Seite der schwedischen Autorin vorstellt.

Die im Jahr 1907 geborene Lindgren hat den Zweiten Weltkrieg im neutralen Schweden miterlebt und darüber Tagebücher geschrieben, die ihre Nachkommen 2015 unter dem Titel „Krigsdageböcker 1939–1945“ veröffentlicht haben. Diese Texte sind auf eine beklemmende Weise heute wieder aktuell, denn: „Das war für Astrid genauso, wie es uns jetzt mit der Ukraine ging!“ So sagt es Lindgrens Tochter Karin Nyman im Film.

Astrid Lindgren war damals noch keine Schriftstellerin und führte ihre Tagebücher, in die sie auch Zeitungsartikel einklebte, als persönliche Erinnerungshilfe. Sie erzählt von ihren Ängsten und von ihrem Entsetzen darüber, dass das Europa, in dem sie bis dahin gelebt hatte, vor ihren Augen zu Bruch ging. Und ihre Notizen sind auch deshalb so hellsichtig und voller Empathie geschrieben, weil sie nicht nur eine intelligente, sensible Frau mit einem schon erkennbaren literarischen Talent war, sondern sie war auch so gut informiert wie nur wenige andere Menschen in Schweden.

Der Film

„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Regie: Wilfried Hauke und Hermann Pölking. Deutschland/Schweden 2015, 98 Min.

Sie arbeitete seit Kriegsbeginn für die schwedische Zensurbehörde und gehörte zu einer Gruppe von Frauen, die den internationalen Briefverkehr Schwedens überwachte. Sie lasen also alle Briefe, die ins oder aus dem Ausland verschickt wurden, und schwärzten dann kriegswichtige Informationen. So wusste sie etwa schon sehr früh von den Deportationen der Juden in die Vernichtungslager im Osten und konnte/musste die Klagen einer Mutter lesen, deren Kinder bei einem Bombenangriff getötet wurden.

Als Text haben Lindgrens Aufzeichnungen neben dem zeitgeschichtlichen auch einen literarischen Wert, aber wie macht man aus einem knappen Dutzend vollgeschriebenen Notizbüchern einen Film? Wilfried Hauke erzählt auf drei Ebenen. Die Schauspielerin Sofia Pekkari spricht in der Rolle von Astrid Lindgren deren Texte ein – oft mit direktem Blick in die Kamera. Es gibt zwar auch Stimmungsbilder und Spielszenen vom Familienleben der Lindgrens, aber diese Nachinszenierungen sind immer deutlich als solche erkennbar.

Von der verheerenden Hamburger Bombennacht wird direkt auf die idyllischen Sommerferien geschnitten

So vermeidet Hauke die Fallen einer Vermischung von dokumentarischem und fiktivem Erzählen. Lindgrens Texte werden außerdem durch Archivmaterial illustriert, das der Dokumentarfilmer Hermann Pölking gesammelt und montiert hat. Pölking hat sich selber über viele Jahre mit historischen Dokumentationen einen Namen gemacht und gute Kontakte zu Filmarchiven in aller Welt aufgebaut. So gibt es im Film viele selten oder noch gar nicht öffentlich gezeigte Filmaufnahmen – etwa von der damaligen Hitlerbegeisterung deutscher Kinder.

Oft überrascht der Film mit der klugen Auswahl der oft auch farbigen historischen Aufnahmen. Und in Montage bringt der Film dann eindrucksvoll den Zwiespalt auf den Punkt, mit dem Astrid Lindgren in diesen Zeiten lebte. Denn da wird direkt von Filmaufnahmen der verheerenden Hamburger Bombennacht auf die idyllischen Sommerferien der Familie geschnitten, die Lindgren später zu den Bullerbü-Büchern inspirierten.

Von der Familie autorisiert

Auf der dritten Ebene ist der Film allerdings problematisch, denn hier spielen Astrid Lindgrens Er­b*in­nen aus drei Generationen sich selber in arg gestellten Gesprächsszenen. Da wird auch deutlich, dass dies ein von der Familie autorisierter Film ist (Urenkel Johan Palmberg wird im Abspann als executive producer genannt).

So wirken diese Sequenzen zu oft wie Homestories, in denen all die schön restaurierten Wohnungen und Häuser der Lindgren-Familie vorgestellt werden. Spätestens bei den werbespotartigen Aufnahmen vom Vergnügungspark „Astrid Lindgrens Värld“ kann man schon von Product-Placement sprechen.

Aber diese Teile des Films sind nicht nur ärgerlich, denn mit Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman als Zeitzeugin kann hier auch ganz nebenbei von Pippi Langstrumpfs Geburt erzählt werden. Astrid Lindgren erfand sie, um ihrer oft kränklichen Tochter Gutenachtgeschichten zu erzählen. Außerdem scheint das anarchistische Powergirl für sie ein Gegenentwurf zum arischen Herrenmenschen gewesen zu sein. Denn Astrid Lindgren hat Pippi in einer Art Beipackzettel an einen schwedischen Verleger einen „Übermensch in kindlicher Gestalt“ genannt.

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