Bis zu 600 Tote im Theater Mariupol: „Ein großes Massengrab“

Ein ehemaliges Team der Nachrichtenagentur AP hat Russlands Angriff auf Mariupols Theater rekonstruiert. Die Befunde sind erschütternd.

Innenansicht:das ausgebrannte Theater in Mariupol

„Tödlichste Einzelangriff auf Zivilisten“: das Theater von Mariupol nach dem Angriff am 16. März Foto: Alexei Alexandrov/ap

LWIW ap | Oksana Syomina stand im Bademantel im eisigen Keller, bedeckt mit dem weißen Staub der Explosion. Ihr Mann flehte sie an, nicht hinzusehen. Aber sie sah hin. Überall waren Leichen verstreut. Beim Hauptausgang lag ein kleines Kind. Syomina musste über die Toten klettern. Verwundete schrien. Syomina, ihr Mann und etwa 30 andere rannten Richtung Meer. „Die Leute sind noch unter den Trümmern, weil die Trümmer noch da sind“, sagt Syomina und weint. „Es ist ein großes Massengrab.“

Russlands Bombardierung des Theaters von Mariupol am 16. März bleibt der tödlichste Einzelangriff auf Zivilisten im Ukrainekrieg. AP hat ermittelt, dass der Angriff viel tödlicher war als vermutet, bis zu 600 Menschen starben. AP rekonstruierte das Ereignis mit 23 Überlebenden, Rettern und Menschen, die das Theater kannten. Auch Gebäudepläne, Fotos und Videos von vor, während und nach dem Angriff wurden anhand einer von Experten entwickelten Methodologie überprüft.

Alle Zeugen sagten, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs mindestens 100 Menschen an einer Feldküche draußen befanden. Keiner überlebte. Die Räume und Flure waren voller Menschen – etwa 1.000. Höchstens 200 wurden gesehen, wie sie das Gebäude verließen. Kein Zeuge sah ukrainische Soldaten im Gebäude. Keiner bezweifelte, dass ein russischer Präzisionsangriff das Gebäude zerstörte.

Das elegante Theater mit weißen Säulen stand seit über 60 Jahren. Russland begann Anfang März, Mariupol zu belagern. Am 5. März suchten die Schauspieler und Mitarbeiter im Theater Zuflucht. Bald ordnete die Stadt an, das gesamte Gebäude zu öffnen. Am ersten Tag kamen 600 Menschen, erinnert sich Bühnenmanagerin Elena Bila.

Bühnendesigner malten mit weißer Farbe das Wort „Kinder“ auf die Erde vor und hinter dem Theater. Bis 15. März drängten sich rund 1.200 Menschen in Büros, Fluren, Balkons, Keller, Gängen und in den Saal. Am Theater gab es Lebensmittel und Wasser vom Roten Kreuz, sowie Nachrichten über mögliche Evakuierungen. Die Familie Kutnjakow kam am Morgen des 16. März. „Man brachte uns sofort Tee“, erinnert sich die 56-jährige Galina Kutnyakowa. „Wir hatten seit sechs Tagen kaum etwas gegessen oder getrunken. Alle waren so glücklich.“

„Eine Verwundete lag in einem See von Blut“

Die 30-jährige Maria ging, um die Familie zu registrieren, und dann hinaus, um ihren Onkel zu suchen. Sie hörte Flugzeuge. Eines sehr nah. Dann kam die Explosion. Sie hielt sich an einer Mauer fest. Und dann sah sie, wie aus dem Park Rauch aufstieg. Ein großer Teil des roten Theaterdaches lag am Boden. Die dicken Mauern an der Feldküche hatten sich aufgelöst.

Der Luftangriff traf das Theater gegen 10 Uhr. Maria Radionowa war draußen, als sie das Pfeifen des Flugzeuges hörte. Ein Mann presste sie gegen eine Wand, Steine flogen. Eine Verwundete lag in einem See von Blut. Radionowa ging zurück in das Theater. Menschen rannten schreiend umher. Auch Maria Kutnjakowa suchte ihre Angehörigen. Unten stand ihre Schwester, voller Staub, mit einer Katze. Ihre Mutter war aus dem Nebenausgang gerannt.

Für Dmitri Jurin war der 16. März der 31. Geburtstag. Er ging gerade am Theater vorbei nach Hause, als der Luftangriff ihn zu Boden warf. Der Fischer stand auf und rannte los, um Menschen aus den Trümmern zu ziehen. „Meine Arme waren bis zu den Ellbogen voller Blut“, erinnert er sich. Die meisten Menschen waren unerreichbar, tief in brennenden Ruinen. Wen die Retter fanden, brachten sie in den Park. „Manche waren nicht mehr am Leben.“

An eine etwa 25-jährige Frau erinnert er sich besonders. Sie legten sie auf ein Blumenbeet. Zwei Frauen und ein Kind versuchten weinend, sie zu trösten. „Stirb nicht“, sagten sie. Sie starb vor seinen Augen.

Aus dem Englischen von Dominic Johnson

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