„Bild“-Bericht über Judenfeindlichkeit: Hamburgs Antisemitismusbeauftragter selbst betroffen
An dem Tag, an dem der Antisemitismus-Report 2024 erscheint, berichtet die „Bild“ über einen Angriff gegen Hamburgs Antisemitismusbeauftragten.
Erneut gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind antisemitische Vorfälle, wie der Verein Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) berichtet. 8.627 Meldungen sind danach bei Rias im Jahr 2024 eingegangen. 2023 waren es 4.886 und 2022 2.610 Meldungen. In 966 Fällen wurden Rias zufolge Israelis und Jüd:innen direkt angegriffen, drei Mal so viele wie im Jahr 2022. Darunter waren 17 antisemitische Angriffe auf Schüler:innen.
Der Rias-Report für das Jahr 2024 ist am selben Tag erschienen wie ein Bild-Bericht über Stefan Hensel, Hamburgs Antisemitismusbeauftragten. Dieser hatte der Bild von einer Auseinandersetzung vor anderthalb Wochen in der Nähe des Dammtor-Bahnhofs erzählt. „juden-hasser-attackiert-mann-weil-er-israelische-musik-hoert“ titelt das Medium in der URL und gibt dann Hensels Bericht wieder.
Danach habe dieser im Auto einen Song in hebräischer Sprache gehört, als in der Nähe des Dammtor-Bahnhofs „ein blauer Lieferwagen der Marke Opel“ hielt, „dessen Fahrer Hensel gestenreich bedeutete, sein Beifahrerfenster noch weiter zu öffnen“. Daraufhin habe dieser ihn „wüst beschimpft“, „Kindermörder“ und „Scheiß-Israeli“ genannt und ihn zum Aussteigen aufgefordert. Stefan Hensel habe bei Grün beschleunigt, der Fahrer des Lieferwagens habe versucht, ihn vor der Straße abzudrängen.
Keine Erklärung für Islamismus-Vorwurf
Weiter heißt es in der Bild, der Antisemitismusbeauftragte habe die Polizei gerufen. Zufällig sei ein Streifenwagen hinter ihm gefahren, dessen Besatzung ein Ermittlungsverfahren gegen den Lieferwagenfahrer eingeleitet habe. Das Ermittlungsverfahren bestätigt ein Sprecher der Polizei, zu weiteren Details sagt er nichts. Nur so viel: Der Staatsschutz ermittle wegen des Verdachts auf politisch motivierte Beleidigung und Nötigung gegen einen 57-jährigen, jordanischen Staatsangehörigen.
Stefan Hensel beantwortet keine Nachfragen der taz zu dem Vorfall, weil er auf Dienstreise im Ausland sei, und lässt sein Büro Zitate verschicken. In einem heißt es: Der Vorfall zeige „auf erschreckende Weise, wie weit dieser aufgeheizte, islamistische Antisemitismus geht: Er kann jeden treffen, der jüdisch ist oder einfach hebräische Musik hört.“ Es gibt auf Bitten der taz keine Erklärung, woher Hensel wisse, dass es sich um Islamismus handele.
In einem anderen Zitat steht: „Ich habe die Situation als extrem bedrohlich empfunden.“ Laut Bild hatte er sein Kind vom Schwimmen abgeholt und wollte mit dem Abspielen einer „bestimmten Playlist“ verhindern, dass seine Tochter einschläft. „Ich wollte natürlich mein Kind schützen und verhindern, dass es Gewalt miterlebt“, lässt Hensel über sein Büro mitteilen. Und weiter: „Der blanke Hass dieses Mannes auf mich hat mich zutiefst schockiert. Wir haben lediglich ein Lied mitgesungen. Es ist kaum auszumalen, was hätte passieren können, wenn die Polizei nicht plötzlich direkt hinter uns gewesen wäre.“ Er werte den Angriff „als weiteren Beleg für einen enthemmten Antisemitismus“.
Die Fraktionen in der Hamburger Bürgerschaft verurteilten den Angriff auf Hensel einhellig.
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