Bewegungstermine in Berlin: Gefahr von rechts

Rassistische Gewalt ist in Berlin Alltag. Die Polizei nimmt die rechte Bedrohung oft nicht ernst, für Mi­gran­t*in­nen ist sie eine echte Gefahr.

Teilnehmende der «Black Lives Matter»-Demonstration ziehen mit einem Schild mit der Aufschrift «Rassismus tötet» durch die Berliner Innenstadt.

Das Land Berlin zählt seit 1990 offiziell neun Todesopfer rechter Gewalt, bundesweit sind es 83 Foto: Fabian Sommer/dpa

Rassistische Gewalt gegen (vermeintliche) Mi­gran­t*in­nen ist auch in der sich gerne als weltoffene Metropole darstellenden Stadt Berlin Alltag. Für das vergangene Jahr haben die Berliner Registerstellen mit 4.841 Vorfällen einen neuen Höchststand von rechtsextremer, rassistischer, LGBTIQ*- und behindertenfeindlicher Gewalt verzeichnet. In diesem Jahr dürfte es nicht besser aussehen, erst vor rund einer Woche wurde eine schwangere Frau mit Kopftuch in einem Doppeldecker-Bus in Wilmersdorf von einem 20-Jährigen rassistisch beleidigt und in den Bauch getreten.

Die 27-Jährige hatte nach eigenen Angaben auf Arabisch telefoniert, woraufhin der vor ihr sitzende junge Mann sie zunächst beleidigte und ihr den Mittelfinger zeigte. Als sie in den unteren Teil des Busses floh, folgte ihr der Mann, beleidigte sie weiter, spuckte ihr erst ins Gesicht und hielt sie dann am Kopf fest, stieß ihr sein Knie in den Bauch und versuchte, ihr das Kopftuch herunterzureißen. Laut Polizei ließ der Angreifer erst von ihr ab, als Mit­fah­re­r*in­nen einschritten. Der Busfahrer verriegelte daraufhin die Türen, bis die Polizei eintraf.

Nicht immer gehen rassistische Angriffe so glimpflich aus. Zu Beginn der 1990er Jahre waren migrantische Jugendliche in Berlin immer stärker werdendem Naziterror ausgesetzt, der in vielen Fällen tödlich endete. Etwa im Fall des 19-jährigen Mete Ekşi, der im Oktober 1991 in Charlottenburg von dem Neonazi Michael S. mit einem Baseballschläger tödlich verletzt wurde. Oder im Fall des 24-jährigen Ufuk Şahin, der im Mai 1989 im Märkischen Viertel auf offener Straße von einem Neonazi erstochen wurde. Nicht zu vergessen der gewaltsame Tod des 28-jährigen Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde vor den Augen der Polizei von einer Gruppe Neonazis gejagt und getötet wurde.

Filmabend zu migrantischer Selbstverteidigung

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Gemeinsam haben all diese Fälle, dass Polizei und Justiz keine rechtsextremen Hintergründe entdecken konnten oder wollten. Für die Mi­gran­t*in­nen war die Bedrohung durch Neonazis allerdings sehr real, in Berlin schlossen sich vielerorts Jugendliche in Jugendgangs gegen rechts zusammen. Die migrantische Selbstverteidigung gegen rassistische Übergriffe Anfang der 1990er Jahre ist an diesem Freitag Thema eines Filmabends in der Zwille in der TU Berlin.

Der Film „Aufenthalt im Widerstand“ schildert den Fall von Ayhan Öztürk, der in einer Notwehrsituation einen deutschen Jugendlichen erstach sowie die rassistischen Morde an Mete Ekşi, Ufuk Şahin und Amadeu Antonio Kiowa. In der 20-minütigen Dokumentation „Kämpfen lernst du auf der Straße“ berichten Mitglieder migrantischer Berliner Jugendgangs von Rassismuserfahrungen, Angst vor den Folgen der Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss gegen rechts (Freitag, 12. August, 19 Uhr, Zwille, TU Berlin, Fasanenstr. 1).

Die Veranstaltung ist Teil der Mobilisierung zur Gedenkdemo in Rostock-Lichtenhagen am 27. August 2022, wo vor 30 Jahren ein Mob aus Hunderten Rechtsradikalen und Randalierern in aller Öffentlichkeit Mi­gran­t*in­nen mit Brandsätzen und Steinen attackierten. Das Pogrom gehört zu den schwerwiegendsten rassistischen Ausschreitungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Anlässlich des 30. Jahrestages organisiert ein breites zivilgesellschaftliches und linkes Bündnis eine überregionale Gedenkdemonstration. Das antifaschistische Bündnis „Deutschland ist Brandstifter!“ organisiert eine gemeinsame Zuganreise aus Berlin zur Demo (Samstag, 27. August, 8 Uhr, Südkreuz, Gleis 6).

Demonstration für bezahlbare Kultur

Ein sehr viel erfreulicheres Jubiläum feiert an diesem Wochenende der Punkrockschuppen SO36, der 1978 das erste Mal seine Türen im Herzen von Kreuzberg öffnete. Seitdem hat sich einiges verändert, und das nicht unbedingt zum Guten. Immobilienspekulation, Verdrängung und steigende Preise durch Pandemie, Krieg und Inflation machen es zunehmend schwierig, kulturelle Angebote zu machen, die sich auch Menschen mit wenig Geld leisten können. „Auch wir müssen Getränke- und Eintrittspreise erhöhen, um faire Löhne und Gagen zahlen zu können und mit den steigenden Mieten und Nebenkosten umzugehen“, so die Betreiber*innen.

Sie wollen den Geburtstag daher dazu nutzen, für den Erhalt bezahlbarer Kultur zu demonstrieren. Am Freitag soll es vor dem SO36 eine Kundgebung mit Redebeiträgen, Getränken und Konzerten geben, in einer Ausstellung werden Fotos aus den letzten zwei Jahrzehnten SO36 gezeigt und zu späterer Stunde wird dann aufgelegt und angestoßen: „Auf 44 Jahre SO36 – 44 Jahre gemein und nützlich.“ Das alles zu einem bezahlbaren Preis von 5 Euro (Freitag, 12. August, 18 Uhr, SO36, Oranienstr. 190).

50 Jahre selbstverwaltete Jugendarbeit

Nicht nur die Punks aus dem SO36 können mittlerweile auf eine langjährige Geschichte zurückblicken, auch die Jugendarbeit in selbstverwalteten Zentren ist alles andere als jung: 50 Jahre ist es mittlerweile her, dass sich die Gruppe „Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin“ (SSB) Räume vom Bezirksamt Schöneberg erhandelte und das selbstverwaltete Jugendzentrum Drugstore gegründet wurde. Mittlerweile wurden die Jugendlichen aus ihrem angestammten Platz in der Potsdamer Straße 180 verdrängt und machen ihr Programm aus dem Exil. Denn trotz des bereits im Juni 2019 unterschriebenen Mietvertrags sind die versprochenen neuen Räume in der Potsdamer Straße immer noch nicht bezugsfertig.

Gefeiert werden soll aber trotzdem und das gleich eine ganze Woche lang. An diesem Freitag geht es los mit Cocktails, Live-Bands und einer Feuershow im Tommyhaus, am Samstag wird dann mit einer Theateraufführung, einer Filmvorführung und einer Lesung über die Geschichte der selbstverwalteten Jugendarbeit informiert. Nächstes Wochenende geht es dann weiter mit Ausstellungen, Vorträgen, einer Kundgebung und natürlich jeder Menge Musik (Freitag, 12. August – Sonntag, 21. August, Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstr. 9).

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de