Besetzer wollen Eigentümer werden: Wo Goethe kotzte
Der Blaue Salon ist die schönste Hausbar Tübingens. Betrieben wird sie von einem Hausprojekt, welches das Haus nun kaufen will.
Wahrscheinlich kennt das ikonische Schild am Haus gegenüber der Stiftskirche jeder, der mal ein paar Tage in Tübingen war: „Hier kotzte Goethe“ ist darauf zu lesen. Es ist befestigt an der Außenwand eines altehrwürdigen Gebäudes, das rundum mit Graffiti besprüht ist. Aus einem Fenster weht eine Palästinafahne, aus einem anderen hängt ein Banner mit der Aufschrift: „Jetzt Direktkreditgeber*in werden“.
Hinein in das ehemals besetzte Haus in der Münzgasse 13 geht es durch zwei schwere, knarzende Holztüren. In der abgeranzten Halle des Hausprojekts hängt ein riesiges Transparent, auf dem die Femizide aus dem Jahr 2024 in Deutschland aufgelistet sind, mit Datum und Ort. Von hier aus gibt es zwei Richtungen: entweder nach rechts die steile Treppe hoch in die Privatgemächer der Bewohner*innen. Oder nach links, drei Stufen nach oben, durch eine Tür, auf der handgeschriebene Zettel befestigt sind: „Samstag & Sonntag geschlossen!“, steht darauf und „Eintritt ab 18!“
Wer durch diese Tür geht, landet inmitten der schönsten Hausbar der Stadt: dem Blauen Salon. Alle, die in Tübingen irgendwie links sind oder irgendwann mal waren, haben sich hier bestimmt schon mal ein Getränk gegönnt.
Der Abend ist noch jung und die Bar noch nicht allzu voll. An einem Tisch schräg unter dem großen Porträt von Karl Marx sitzt eine Handvoll Leute zwischen Anfang 20 und Mitte 40. „Komm, nimm dir ein Bier und setz dich zu uns“, sagt der Älteste der Gruppe. Es ist Thomas Schmitt, den manche auch „der Professor“ nennen. Er hat bis 2015 in der Münzgasse 13 gewohnt, ist jetzt 46 und hilft immer noch im Kollektiv mit, das den Kneipen- und Kulturbetrieb im Salon organisiert.
Endlich selber kaufen
Mit ihm am Tisch sitzen Ink Uhl, 22, die seit anderthalb Jahren im Kollektiv mitarbeitet, und ein Punk, der sich Marlon nennt, im Haus wohnt, aber ansonsten recht mysteriös bleibt. Ink und Marlon haben ihre Haare in einer ähnlichen Schattierung von Pink gefärbt. Außerdem sitzt noch Anja Fetzer, 32, dabei. Sie wohnt seit sechs Jahren in der Münzgasse 13. In den vergangenen Jahren hat sie, genau wie viele andere der Hausbewohner*innen, viel Arbeit in den Erhalt des Wohnprojekts und des Blauen Salons gesteckt. Der große Wunsch der Bewohner*innen: Sie wollen ihr Haus endlich kaufen, das Wohnprojekt und den Salon erhalten.
In der Studierendenstadt Tübingen, wo Wohnraum knapp ist und günstiger Wohnraum noch knapper, ist das kein Selbstzweck. Auch wenn hier am Neckar in den vergangenen Jahrzehnten viel ausprobiert wurde – Baugemeinschaften, genossenschaftliches Wohnen –, werden die Mieten immer teurer. Der ehemals grüne, heute parteilose Oberbürgermeister Boris Palmer hat seine Prioritäten nicht im sozialen Bereich. Weil wie in vielen Kommunen das Geld in den vergangenen Jahren knapp geworden ist, wird auch in Tübingen gespart.
Anja Fetzer aus dem Haus
Die Bewohner*innen der Münzgasse 13 wollen mit dem Kauf ihr Haus als Wohn- und Kulturort langfristig erhalten. Das ist aber einfacher gesagt als getan: „Wir sind eigentlich guter Dinge, was den Hauskauf angeht, aber es ist frustrierend, dass immer wieder neue Hürden auftauchen“, sagt Anja Fetzer.
Aber erst einmal ein Bier holen. Das ist hier so günstig wie sonst nirgends in der Stadt – zumindest für die Freund*innen der Bewohnerschaft. Denn, das betont Thomas Schmitt: „Das hier ist keine Kneipe, sondern eine Hausbar. Es ist eine Begegnungsstätte für die Hausbewohner und ihre Freunde.“
Bei 22 Bewohner*innen – und all den Ehemaligen, die noch immer irgendwie mit dem Haus verbunden sind – sind auch deren Freunde und Freundesfreunde ganz schön viele und ganz schön vielfältig.
Zu den Freund*innen des Hauses gehören auch zahlreiche Bands, die zum Teil regelmäßig hier Halt machen. Sie werden nicht auf klassischem Weg gebucht: „Die Bands sind eh auf Tour und gönnen sich bei uns einen kostenlosen Pennplatz und treten dafür auf. Das ist Win-win“, sagt Marlon. Erst vor Kurzem, erzählt Ink Uhl, waren Ton Steine Scherben in der aktuellen Besetzung da. Bei ihrer Besetzerhymne, dem „Rauch-Haus-Song“, sang das Publikum laut mit: „Das wird unser Haus!“
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Auch James, 90, wohnt dort
Marlon steht auf. Er gehört zu den Leuten, die sich um James Hope, den ältesten Mitbewohner, kümmern und isst heute mit ihm zu Abend. James Hope wird in diesem Jahr 90. Er selbst hat mal gesagt, dass er sein hohes Alter vielleicht der Gemeinschaft hier im Haus verdanke. Er ist einen Tag nach der ersten Besetzung des Hauses in die Münzgasse 13 eingezogen und lebt seitdem hier.
Die erste Besetzung – das war am 27. Februar 1977. Damals hatte das Haus schon eine lange Geschichte hinter sich: Im 17. Jahrhundert erbaut, war es zunächst ein Wohnheim für mittellose Studenten. Bis zum Beginn des Nationalsozialismus lebten Studierende im Haus, ab 1933 war hier die Gestapo. „Leute wurden hier verhaftet, Verhöre durchgeführt und Deportationen organisiert“, sagt Fetzer.
Geduldete Lösung
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Haus in Polizeihand. „Irgendwann ist die Polizei dann ausgezogen“, erzählt Fetzer, „und es hat keinen Tag gedauert, bis es besetzt war.“ Auch in Tübingen war damals die Zeit der Häuserkämpfe – und wie bei vielen anderen Tübinger Häusern ging die Besetzung in eine geduldete Lösung über: Das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, gehört dem Land Baden-Württemberg, das Studierendenwerk, in Tübingen Stuwe genannt, übernahm damals die Erbpacht – konnte aber nicht an die Bewohner*innen direkt vermieten.
Denn seit der Besetzung haben eben nicht nur Studierende, sondern auch Auszubildende, Arbeitslose und Berufstätige in der Münzgasse 13 gelebt – das Stuwe aber ist nur für studentischen Wohnraum zuständig. Deswegen schaltete sich ein Verein dazwischen, der vom Stuwe mietete und an die Bewohner*innen weiter vermietete.
Das komplizierte Vermietungsverhältnis bedingte aber auch, dass sich niemand von den Vermietenden wirklich verantwortlich für die Instandhaltung fühlte. Die Bewohner*innen reparierten zwar immer wieder an verschiedenen Ecken und Enden, aber über die Jahre reifte der Wunsch, das Haus zu kaufen, selbst zu sanieren und Teil des Mietshäuser-Syndikats zu werden.
Die Idee hinter dem Syndikat: Hausprojekte wie das in der Münzgasse werden gemeinschaftlich gekauft – die Grundfinanzierung läuft dabei über viele kleinere, direkte Kredite von Unterstützer*innen – und die Projekte verpflichten sich, ihre Häuser dauerhaft dem spekulativen Wohnungsmarkt zu entziehen.
Besetzung, weil niemand mit ihnen redete
Über Jahre hinweg nahm aber niemand den Wunsch nach Hauskaufgesprächen der Bewohner*innen ernst. 2021 besetzten sie dann ein zweites Mal. „Das war ein eskalatives Mittel, als nach Jahren klar war: Niemand redet mit uns“, sagt Anja Fetzer.
Im folgenden Jahr teilte das Land dann mit: Eine Übernahme sei zu begrüßen. Die Bewohner*innen begannen, Direktkredite zu sammeln, Sanierungsgutachten zu erstellen, mit Architekten zusammenzuarbeiten.
Der letzte Punkt, der jetzt noch geklärt werden muss: die Absicherung eines Bankdarlehens. Weil die Schätzungen des Landes und der Architekten zum Wert des Gebäudes auseinander gehen, brauchen die Bewohner*innen andere Bürgschaften, um ihren Kredit zu bekommen. Am liebsten würden sie ihr Haus noch vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März kaufen. „Es sind nicht alle Parteien diesem Projekt gegenüber positiv gestimmt“, sagt Ink Uhl. Ob die CDU, die laut Wahlumfragen im März wohl stärkste Kraft wird, um eine gute Lösung für das alternative Hausprojekt ringen würde, ist mindestens fraglich. Anja Fetzer hat nichtsdestotrotz Hoffnung: „Wir haben schon 99 Probleme gelöst, da werden wir das hundertste auch noch lösen.“
Goethe beim Verleger
Darauf Prost. Nach ein paar weiteren Bieren muss noch eine Sache klargestellt werden: „Dass Goethe hier gekotzt hat, ist gar kein Fakt“, sagt Ink Uhl. Tatsächlich war es so: Im Nachbarhaus residierte der Verlag von Johann Friedrich Cotta und bei einem Tübingen-Besuch im Herbst 1797 wohnte Goethe mal für ein paar Tage bei seinem Verleger. Weil diese kurze Episode mit einem Schild gewürdigt wurde, hat sich irgendwer irgendwann mal gedacht, es sei witzig, das Tübinger Bildungsbürgertum mit dem Kotz-Schild zu foppen.
Der Bekanntheit des Hauses hilft es auf jeden Fall: In vielen Tübingen-Reiseführern ist das Schild zu finden. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der Münzgasse 13 sei aber, sagt Anja Fetzer, ein anderes. „Es ist etwas Besonderes, dass wir hier jetzt ein antifaschistisches Projekt sind. Schließlich war hier früher die Gestapo-Außenstelle. Das zeigt, was aus solchen Orten werden kann.“
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