Berliner Datenleak: Der Senat wirkt leicht nervös
Die Kommunikation zum Hackerangriff auf das Landesnetz wird immer defensiver. Und überhaupt: Alles, was man weiß, trägt das Label „Stand heute“.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
So dünnhäutig hat man den Regierenden Bürgermeister von der CDU zuletzt im Rahmen der „Tennis-Affäre“ erlebt: Bei der Senatspressekonferenz am Dienstagnachmittag wird Kai Wegner mehrfach nach einem mutmaßlichen Datenleak bei einem privaten Dienstleister des Landes im vergangenen Jahr gefragt, das – wer weiß – in irgendeinem Zusammenhang mit dem aktuellen Hackerangriff und den geleakten Daten von zwei Senatsverwaltungen stehen könnte.
„Wir haben hier ein Thema, das wir abarbeiten müssen“, sagt Wegner hörbar genervt, „und wir müssen wahnsinnig aufpassen, dass wir nicht über spekulative Berichterstattung alles noch schlimmer machen.“ Die Medien, so seine Botschaft, sollten jetzt nicht „die Geschäfte der Hacker unterstützen“.
Der Datenklau durch die Hackergruppe Rhysida und deren Öffentlichmachung einer Unmenge an Dateien, nachdem das Land nicht auf ihre Lösegeldforderung einging, treibt den Senat weiter heftig um. Und so gut wie alles, was Wegner am Dienstag dazu sagt, klingt nach Rechtfertigung.
Die Landesregierung, so der Regierende, habe nach Bekanntwerden dieser „sehr, sehr schweren Straftat“ umgehend „sehr konkrete Schritte“ eingeleitet. Jetzt arbeite man „unter Hochdruck“ daran, das Landesnetz zu schützen, die Schadenslage aufzuklären, die Kriminellen aufzuspüren und die potenziellen Betroffenen – seien es MitarbeiterInnen, Partnerunternehmen oder BürgerInnen – zu informieren.
„Die Wahlen sind – Stand heute – sicher“
Bislang sei es dem Land immer gelungen, Angriffe auf das Landesnetz abzuwehren, sagt Wegner, „und jetzt ist einer durchgekommen“, der „sehr professionell und mit hoher krimineller Energie“ vorgegangen sei. Das ist vermutlich richtig, klingt aber irgendwie danach, dass hier filmreife Masterminds am Werke waren, gegen deren Machenschaften man beim besten Willen nicht hätte gewappnet sein können. Dabei werden die Ermittlungen ja noch ergeben müssen sein, ob es auf Landesseite Versäumnisse und Schwachstellen gab, die zum Missbrauch quasi einluden.
Irgendwie klingen dann auch die beruhigend gemeinten Versicherungen Wegners nur bedingt vertrauenerweckend. „Wir wissen aus dem Austausch mit den Bundesbehörden, dass die militärische Verteidigungsfähigkeit Deutschlands nicht gefährdet nicht“ – na gut, das war bei den angezapften Behörden auch nicht unbedingt zu erwarten. Aber was genau bedeutet „Die Wahlen sind – Stand heute – sicher“? Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hat diesen Satz im selben Zusammenhang schon mehrfach geäußert, nun fügt Wegner „Stand heute“ hinzu.
Was der Regierende und sein „Chief Digital Officer“ Florian Hauer definitiv wissen: Die Sichtung der im Darknet veröffentlichten Dateien wird noch eine ganze Weile dauern. Schließlich handele es sich um rund 1,2 Millionen Einzeldateien, die alle erst einmal in eine „sichere Umgebung“ heruntergeladen werden müssen, bevor sie geöffnet und auf ihre Relevanz untersucht werden können.
Vielleicht kommt es aber auch anders, denn laut Hauer haben die ermittelnden Gruppen, darunter auch eine extra eingerichtete Stabsstelle im Roten Rathaus, zurzeit große Probleme mit dem Download von den Hacker-Servern. „Ich weiß nicht, warum die Ladevorgänge so langsam sind“, sagt Hauer, „ob es vielleicht daran liegt, dass es so viel Interesse daran gibt.“
Kommt da noch mehr?
Was Wegner und Hauer definitiv nicht wissen und bei ihren Antworten erfolgreich umschiffen: ob die Hacker überhaupt schon das gesamte gekaperte Material ins Netz gestellt haben oder taktisch noch mehr zurückhalten. Denn der Abfluss, den die Forensiker von Land und Bund selbst identifiziert hatten, bezog sich auf lediglich 200.000 Datensätze – nach Ablauf des Ultimatums ging dann überraschenderweise die sechsfache Menge online.
Noch einen Seitenhieb teilt Kai Wegner aus – an die Adresse des Bezirksbürgermeisters von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD). Der wollte das vom Senat beauftragte US-Unternehmen Crowdstrike, das in einer Technologiepartnerschaft mit dem höchst umstrittenen Sicherheitskonzern Palantir steht, nicht seine Bezirksserver durchstöbern lassen.
Offenbar hat Hauer ihn mittlerweile umstimmen können, wie es hieß. Wegner dazu: „Es geht jetzt nicht um die Interessen von Bezirken oder von Einzelnen, sondern um die Sicherheit von uns allen.“ Und in Zukunft müsse man die Landes-IT viel stärker zentralisieren.
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