Berlin-Marathon 2026: „Besser als Fingernägel kauen“
Esther und Hendrik Pfeiffer laufen den Berlin-Marathon. Er war schon bei Olympia, nun ist er Pacemaker für seine Frau. Die will den deutschen Rekord.
Foto: Beautiful Sports/imago
taz: Esther Pfeiffer, Sie gelten als Mit-Favoritin und aussichtsreichste Deutsche beim Berlin-Marathon. Sehen Sie sich selbst auch so?
Esther Pfeiffer: Ich konnte mich dieses und im vergangenen Jahr noch mal deutlich über die 10 Kilometer und im Halbmarathon steigern. Die Zeiten der aktuellen deutschen Marathon-Rekordhalterin habe ich auf diesen Strecken schon unterboten. Ich glaube, wenn man Profisportlerin ist, sollte dann auf jeden Fall auch das Karriereziel sein, sich den deutschen Marathonrekord zu holen, und mit der Jagd werde ich am Sonntag beginnen.
Esther, 28, und Hendrik Pfeiffer, 33, sind ein Läuferehepaar aus Düsseldorf. Sie wurde 2023 Deutsche Meisterin im Marathon, er lief 2021 bei Olympia.
taz: Bei Ihrem letzten Marathon haben Sie den Verlobungsring verloren. Was ist passiert?
Esther Pfeiffer: Ich habe drei Tage vor dem Rennen den Ring von Hendrik bekommen und mich riesig gefreut. Der hat aber nicht ideal am Finger gesessen und ich dachte, ich verliere den nicht, wenn ich ihn um eine Kette mache. Im Siegerinterview habe ich dann einen Aufruf gestartet, damit auf der Strecke danach gesucht wird. Ein Läufer hatte ihn tatsächlich einem Zuschauer gegeben. Der hat sich beim Veranstalter gemeldet und ich habe ihn zurückbekommen.
taz: Sie sind ja mittlerweile verheiratet.
Esther Pfeiffer: Genau. Und der Ring sitzt jetzt auch besser.
taz: Sie sind eigentlich Spezialistin für kürzere Strecken.
Esther Pfeiffer: Mir war schon immer klar, dass ich auf die Marathondistanz gehen möchte. Jeder Sportler hat den Traum, bei den Olympischen Spielen teilzunehmen, und der Halbmarathon ist eben nicht olympisch. Dementsprechend muss ich da jetzt die Distanz umstellen.
taz: Hendrik Pfeiffer, Sie sind bereits Olympialäufer gewesen. Am Sonntag gehen Sie aber als Esthers Tempomacher an den Start. Wie funktioniert Pacemaking?
Hendrik Pfeiffer: Man muss viel kommunizieren. Vor allem, um auf Verpflegungsstationen oder Hindernisse wie zum Beispiel Unebenheiten im Boden hinzuweisen – gerade wenn Esther hinter mir im Pulk läuft und die sie eben einfach nicht sieht. Die größte Herausforderung für mich ist aber, die angestrebte Zeit exakt zu treffen. Am Anfang, wo man sich in das Tempo erst mal eingewöhnen muss, ist es schon ein Unterschied, ob man zwei, drei Sekunden pro Kilometer schneller oder langsamer läuft. Das fühlt sich für mich alles sehr, sehr ähnlich an. Und dann ist der dritte wichtige Punkt, neben dem Mutzusprechen, was dann irgendwann auch einfach dazu gehört, dass man dafür sorgt, dass die Gruppe auch gut zusammenarbeitet und Frauen wie Esther nicht so ein bisschen untergehen, weil sie körperlich zierlicher sind, gerade in den Kurven.
taz: Ist es schwer für Sie, nicht auf eigene Rechnung zu laufen?
Hendrik Pfeiffer: Nein, alles, was wir erreichen, egal wer von uns, ist ein Erfolg von uns als Team. Und dann ist das für mich einfach ein viel schöneres Gefühl, auf der Strecke vielleicht sogar aktiv mithelfen zu können, als neben der Strecke mitzufiebern und gar nicht mehr eingreifen zu können und sich da die Fingernägel abzukauen.
taz: Ist der Einsatz von Männern als Pacemaker für Frauen umstritten?
Hendrik Pfeiffer: Als männlicher Pacemaker ist es der absolute Normalfall. Wenn man sich den Stellenwert des Women-only-Weltrekordes im Vergleich zum klassischen Weltrekord anschaut, dann ist der klassische Weltrekord eben der, der noch mal ganz besonders zählt. Dementsprechend ist das ein völlig normales Vorgehen.
taz: Herr Pfeiffer, Sie haben 2018 einen besonderen Weltrekord im Halbmarathon aufgestellt, weil sie im Businessanzug antraten. Warum?
Hendrik Pfeiffer: Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass Wege für angehende Profisportler geschaffen werden müssen, die den Übergang zum Profi-Dasein ermöglichen. Damals war ich Halbprofi und habe in einem Unternehmen gearbeitet, indem ich zweimal die Woche im Businessanzug gearbeitet habe. Im Berufsalltag der Anzug, im Training die Laufschuhe. Das war ein schönes Bild für diese Situation.
taz: In Deutschland ist es üblich, dass Spitzensportler in olympischen Sportarten nebenbei normal arbeiten müssen, um sich ihre Leidenschaft zu finanzieren.
Hendrik Pfeiffer: Es ist schon sehr, sehr hart, nicht von der Sportart leben zu können. Ich bin in der günstigen Situation, dass ich eine Sportförderstelle bei der Bundeswehr habe. Aber auch die wird jedes Jahr aufs Neue geprüft. Da hängt eine Krankenversicherung, eine Altersvorsorge dran, die dann auch schnell wieder weg wäre. Wirklich von diesem Sport leben und vielleicht auch ein bisschen etwas für später weglegen, das gelingt, wenn überhaupt, nur einem Prozent.
taz: Esther Pfeiffer, ein neuer deutscher Frauenrekord wäre ein großer Erfolg. Was brauchen Sie neben einem guten Tempomacher noch, damit das klappt?
Esther Pfeiffer: Am allerwichtigsten ist natürlich das Training, was man im Vorhinein gemacht hat. Und dass am Race Day gute Wetterbedingungen sind. Die Strecke sollte auch möglichst flach sein. Ich glaube, viele Voraussetzungen sind erfüllt, dass es am Sonntag erfolgreich wird.
Hendrik Pfeiffer: Die Startzeit ist auch wichtig. Die haben sie jetzt 45 Minuten früher angesetzt als im letzten Jahr. Das sind 45 extrem wertvolle Minuten. An einem Tag, an dem es 22, 23 Grad warm wird, macht es einen großen Unterschied, dass der Marathon bei 3, 4 Grad weniger stattfindet.
taz: Was geschieht an den letzten Tage vor dem Marathon noch?
Esther Pfeiffer: Man macht am Tag mindestens noch eine Trainingseinheit. Am heutigen Mittwoch war die letzte intensive. Also, es ist nicht so, dass man sich jetzt schon komplett ausruht und nichts macht. Wir müssen auch bei ein paar Veranstaltungen im Rahmen des Marathons vor Ort sein. Aber wirklich alles sehr reduziert, damit zwischendurch genug Zeit ist, die Beine hochzulegen. Samstags ist dann gar nichts mehr, damit man wirklich komplett ausgeruht am Sonntag ins Rennen geht.
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