Berichterstattung über Covid-19: Nicht alles braucht einen Coronadreh

Eine Studie sagt, die Berichterstattung über Covid-19 sei zu negativ gewesen. Nur wie sollen Journalist*innen über eine Pandemie schreiben?

Männer in Schutzanzügen stehen nebeneinander an einer Autobahn an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz

Szenen wie aus einem Seuchenfilm an der deutsch-polnischen Grenze im März Foto: Florian Gaertner/photothek/imago

Ich würde Ihnen gerne sagen: Alles wird gut. Pannen passieren, der Söder kriegt das hin und Bob Dylan hat doch neulich ein neues Album veröffentlicht. Aber ich bin kritisch, grantlig und keine verdammte Happiness-Managerin. Sondern Journalistin.

Wir Journalisten schreiben jeden Tag, was schiefläuft, wo es wie viele Tote gibt, wer wen wie in die Pfanne haut und auf welche Abgründe unsere Welt gerade zuläuft. Wir sind begabte Dramatiker, verliebt in die Tragödie. Und das ist manchmal ein Problem. Denn gerade jetzt in der Coronakrise macht sich ein altes Dilemma des Journalismus bemerkbar: Schreiben Journalisten zu negativ, stumpfen Leser ab oder drehen sich weg. Schreiben Journalisten zu positiv, machen sie sich verdächtig, parteiisch oder unkritisch zu sein.

Kürzlich haben zwei Kulturwissenschaftler von der Universität Passau in einer Studie die Spezialausgaben von ARD und ZDF seit Beginn der Pandemie analysiert. Und kamen zu dem Schluss, dass zu negativ und überhaupt zu viel über Corona berichtet worden sei. Und außerdem zu dramatisierend.

Die Studie wurde – trotz ihrer Erwartbarkeit – viel diskutiert und kritisiert. Die Senderchefs von ARD und ZDF verteidigten sich. So wehrte sich der ARD-Chefredakteur Rainald ­Becker im Deutschlandfunk: „Journalismus ist nicht dazu da, Lösungen zu finden oder Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das müssen andere tun. Das muss die Politik tun, das muss die Wirtschaft tun, das müssen die Menschen tun. Aufgabe von Journalismus ist es, eine Wirklichkeit, ein Geschehen zu beschreiben.“

Christian Drosten, der Held

Aber diese Wirklichkeit wird nie einfach nur beschrieben, sie wird immer auch narrativ gestaltet. Die Autoren der Studie, Dennis Gräf und Martin Hennig, hatten die Berichterstattung über Corona unter anderem aus philologischer Perspektive untersucht – also in Bezug auf das Wie der Inszenierung. Da war die Rede von „Hollywood-Ästhetiken“, „dystopischer Endzeitstimmung“ und „Vorabend-Soap“.

Es lohnt ein Blick auf die mediale Inszenierung der Pandemie: Waren die Maßnahmen zum Pandemieschutz 2020 eine Tragödie? Die Figuren und deren Besetzung würde zumindest passen: Christian Drosten als Held, verantwortungsvoll, angefeindet, aber sich höheren Zielen opfernd („there is no glory in prevention“), zeitweise die Antihelden Hendrik Streeck und Armin Laschet mit ihrer missglückten PR zur Heinsberg-Studie.

Und da ist der Chor der Leugner. Die Frage ist nicht immer bloß, inwiefern Realität korrekt abgebildet wird – sondern auch, ob Berichterstattung in Muster verfällt, die dann zu Klischees werden und Desinteresse bewirken. Denn wie viel Tragödie verträgt der Mensch? Bevor das Publikum aufhört, Nachrichten über Corona zu lesen, nur weil es um Corona geht, kann man zumindest einen Kurswechsel in Erwägung ziehen.

Wie ließe sich, mit Blick auf eine „zweite Welle“, die Geschichte der Pandemie narrativ anders gestalten? Nein, ich meine nicht das K-Wort: „konstruktiver Journalismus“. Wie gesagt: Ich bin keine verdammte Happiness-Managerin. Aber das Storytelling könnte besser sein.

Nicht jeder Text braucht einen „Coronadreh“

Erstens: Nicht jeder Artikel braucht einen „Coronadreh“. Porträts und Reportagen zu anderen Themen funktionieren gut ohne den Hinweis auf die schreckliche Zeit, in der wir aktuell leben. Ja, was auf dieser Welt passiert, findet unter besonderen Bedingungen statt: Fußballspiele, Konzerte, Regierungstreffen, Wahlen. Trotzdem braucht es keine Coronakausalität – nicht alles hängt mit der Pandemie zusammen.

Mit dem pflichtbewussten Einflechten der Maskenpflicht, dem Abstand, den Digitalkonferenzen, den Rückverweisen auf den Lockdown gehört das C-Wort schleichend zum Leben wie die Bauarbeiten vor dem Fenster – es nervt, es ist laut, man ignoriert es.

Zweitens, die Dramaturgie: Sind Coronanews immer Titelgeschichten? Wie viele Masken müssen auf eine Seite? Welcher Aspekt muss in die Überschrift? Dass Norwegen Deutschland als Risikogebiet einstuft, sagt natürlich etwas über die Dramatik der Fallzahlen, es sagt aber auch, dass Norwegen eventuell eine sehr vorsichtige Politik verfolgt und schlicht weniger Fallzahlen hat.

Braucht es also hier wirklich eine Eilmeldung? Wenn im Fernsehen auf einen Beitrag über gestresste Eltern wegen der geschlossenen Schulen direkt danach ein Beitrag über die gesundheitlichen Gefahren bei der Wiedereröffnung von Schulen geschnitten wird, ist das Tragödienmuster perfekt erfüllt. Problem wird an Problem geschnitten. Und genau das suggeriert die Ausweglosigkeit, ein Kernelement der Tragödie – egal, was die Figuren machen und wie sie handeln, sie handeln falsch.

Und schließlich: Neben Tragik ist auch die Komik ein Mittel zur Emotionalisierung, und auch in dieser Pandemie gibt es komische Momente, die sich zu erzählen lohnen. Denn – das wusste schon Shakespeare – der Comic Relief, das erleichternde Lachen, gehört zu einer guten Tragödie dazu. Deswegen muss nichts verwässert, gesüßt oder verschwiegen werden. Auch in Krisen dürfen die erzählerischen Instrumente variieren.

Apropos Instrumente. Bob Dylan hat ein neues Album. Es heißt „Rough and Rowdy Days“.

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