Berichte über Pornokonsum: Amazonas-Stamm klagt gegen „New York Times“
Ein indigener Stamm in Brasilien fühlt sich durch Medienberichte als pornosüchtig verunglimpft. Nun hat ein US-Gericht den Fall entschieden.
ap | Ein indigener Stamm im brasilianischen Amazonasgebiet ist mit seiner Klage gegen die Berichterstattung von US-Medien über den Umgang seiner Mitglieder mit dem Internet gescheitert. Richterin Tiana Murillo folgte nach einer Anhörung am Montag den Argumenten der beklagten New York Times, die auf die Pressefreiheit verwiesen hatte, und wies die millionenschwere Verleumdungsklage ab. Dies hatte sich auch gegen das Promi-Portal TMZ gerichtet. Die Zeitung lobte am Mittwoch (Ortszeit) Murillos „umfassende und sorgfältige Analyse“ einer „leichtfertigen Klage“.
TMZ und der Anwalt der Kläger reagierten zunächst nicht. Der im Javari-Tal beheimatete Marubo-Stamm mit etwa 2.000 Mitgliedern hatte von jedem der Beklagten 180 Millionen Dollar (rund 152 Millionen Euro) verlangt, weil er sich durch deren Berichte zu Unrecht als technologieverdorben und pornosüchtig denunziert sah.
Murillo urteilte dagegen, der Artikel des NYT-Reporters Jack Nicas habe den Stamm keineswegs als pornosüchtig beschrieben, sondern nur erwähnt, dass einige junge Stammesmitglieder Pornofilme geschaut hätten, nachdem sie Internetzugang hatten. Ob die Berichte über die Auswirkungen der Internetanbindung auf abgelegene indigene Gemeinden unsensibel, verunglimpfend oder respektlos waren, habe das Gericht nicht zu entscheiden.
Die Klage hatte Nicas vorgeworfen, seine Reportage vom Juni vergangenen Jahres sei aufhetzend und vermittle dem Durchschnittsleser den Eindruck, dass das Volk der Marubo moralisch und sozial verkommen sei, nachdem es Internetzugang erhalten habe.
Gleiche Probleme wie Rest der Welt
Nicas hatte berichtet, dass die Marubo nach weniger als einem Jahr Internetzugang über Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink mit den gleichen Problemen zu kämpfen hätten, wie der Rest der Welt seit Jahren. Dazu gehörten „Jugendliche, die an ihren Handys kleben, Gruppenchats voller Tratsch, süchtig machende soziale Netzwerke, Online-Unbekannte, gewalttätige Videospiele, Betrug, Falschinformationen und Minderjährige, die Pornografie schauen“.
Zudem schrieb Nicas, ein Stammesführer sei vor allem von der Pornografie beunruhigt. Dass junge Männer einschlägige Videos in Gruppenchats teilten, sei eine erstaunliche Entwicklung für eine Kultur, in der das Küssen in der Öffentlichkeit ein Tabu sei. Ansonsten wurde Pornografie in dem Artikel nicht erwähnt. Andere Medien stellten diesen Aspekt jedoch in den Vordergrund. TMZ etwa titelte: „Elon Musks Starlink-Ring macht einen abgelegenen Stamm süchtig nach Pornos.“
Zu den Klägern gehörten neben dem Stamm selbst dessen Gemeindeleiter Enoque Marubo und die brasilianische Journalistin und Soziologin Flora Dutra. Sie warfen TMZ und Yahoo vor, den Times-Bericht noch aufgebauscht zu haben. Die Klage gegen Yahoo ist bereits Anfang September abgewiesen worden.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert