Bericht zu Antiziganismus in Berlin: Die ewig Ignorierten
Die Zahl der antiziganistischen Vorfälle ist erneut gestiegen und auf einem Höchststand. Amaro Foro kritisiert die Gleichgültigkeit der Politik.
Dass es so nicht weitergehen kann, zeigen nicht nur die Zahlen, es steckt auch im Namen der Dokumentationsstelle gegen Antiziganismus: „Dosta“, Romanes für „Es reicht“.
293 antiziganistische Vorfälle gegen Menschen mit Roma-Hintergrund in Berlin hat die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Dosta/Mia im Jahr 2025 erfasst, das sind 20 Prozent mehr als im Jahr davor und zudem die höchste je dokumentierte Zahl. Träger des Projekts ist der Verein Amaro Foro, der die Zahlen am Dienstag vorstellte.
Violeta Balog erklärt, dass die Zahl der Vorfälle längst nicht alle Vorfälle umfasst: „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher ist. Meldestellen wie Dosta und Mia sind noch nicht überall bekannt und auch die Hemmschwelle, Diskriminierung zu melden, ist generell sehr hoch“, erklärt die Projektleiterin der Dokumentationsstelle und stellvertretende Vorsitzende von Amaro Foro.
Dass die Hemmschwelle so hoch ist, liege auch an einem Misstrauen in Behörden und Institutionen, das wiederum in Teilen durch schlechte Erfahrungen begründet sei. Und die Zahlen geben ihr recht: Die meisten Vorfälle ereigneten sich demnach in den Bereichen „Alltag und öffentlicher Raum“ (66), Bildung (60) und im Bereich „Kontakt zu Behörden“(42).
Beleidigung im öffentlichen Raum
Balog liest ein Beispiel aus dem öffentlichen Raum vor, das Dosta/Mia gemeldet wurde: „Eine Familie sitzt in einer S-Bahn. Zwei Männer neben ihr unterhalten sich offensichtlich über die Familie, schauen sie abschätzig an und bezeichnen sie als Kindergeldbezieher. Einer der beiden sagt dann zu dem anderen: Schade, dass es Hitler nicht mehr gibt.“
Solche rassistischen und antiziganistischen Äußerungen seien im Alltag und im öffentlichen Raum keine Seltenheit, ebenso wenig Bedrohungen und physische Gewalt, so Balog. „Dieser Zustand zeigt nicht nur, dass jahrhundertealte Stereotype tief in der Mehrheitsgesellschaft verankert sind, sondern dass diese sich auch nicht davor scheut, ihre rassistischen und antiziganistischen Äußerungen und Einstellungen offen zu zeigen.“
Violeta Balog, Amaro Foro
Sie liest noch ein Beispiel vor: Bei einem Schulprojekt einer Willkommensklasse habe eine Lehrerin ganz selbstverständlich das Z-Wort benutzt, die rassistische Fremdbezeichnung für Rom*nja und Sint*izze. Dies zeige, dass Weiterbildungen für Lehrkräfte dringend notwendig wären, sagt Georgi Ivanov, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender von Amaro Faro. Aber: „Solange das Thema keine politische Rückendeckung und Unterstützung bekommt, ist es schwierig. Gerade beim Thema Bildung haben wir eine Senatsverwaltung, die sich kaum interessiert, das nehme ich seit Jahren wahr.“
Dabei ist Antiziganismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht zuletzt durch die Politik verstärkt wird. Balog erklärt, dass im Bereich der Politik mit neun Fällen zwar die wenigsten Fälle dokumentiert seien. Dafür hätten sie aber besonders viel Gewicht. Sie nennt Friedrich Merz rassistische Äußerungen zum Stadtbild als Beispiel. „Diese Aussage haben wir nicht erfasst, weil sie nicht explizit antiziganistisch ist. Trotzdem befeuert sie Rassismus und damit auch Antiziganismus in der Gesellschaft“, ordnet sie die Ergebnisse ein. „Was politische Debatten angeht, haben wir das Gefühl, um zehn Jahre zurückgeworfen zu sein“, klagt sie.
Dass antiziganistische Ressentiments oft völlig ungehemmt ausgelebt würden, betont auch Balogs Kollegin Geena Birkenmeier: „Auch in der journalistischen Berichterstattung wird häufig kulturalisiert und kriminalisiert, anstatt den Blick für komplexe soziale Probleme zu schärfen“, kritisiert sie. Damit werde man der historischen Verantwortung in Deutschland nicht gerecht. Rund eine halbe Million Menschen wurde während der NS-Zeit ermordet, trotzdem bleibe die Aufklärung in Schulbüchern darüber rar. „Das ist eine Randnotiz in Schulbüchern“, sagt Valerie Laukat vom Dosta-Projekt: „Es gibt eine selektive Erinnerungskultur.“
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