Bericht von Amnesty International: Zwangsunterricht an der Waffe

Bewaffnete Gruppen töteten im Sahelstaat Niger immer öfter Kinder und Jugendliche, so Amnesty. Andere werden für Anschläge rekrutiert.

Kinder sitzen an Holzbänken in einer Schule und melden sich vor der Lehrerin

SchülerInnen einer katholischen Schule in Niamey, der Hauptstadt von Niger Foto: Joerg Boethling/imago

COTONOU taz | Der am Montag veröffentlichte Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) bringt das auf den Punkt, was im Sahel und im Nordosten Nigerias seit Jahren wachsende Sorge bereitet. Kinder und Jugendliche sind in besonderem Maß von der Terrorgewalt betroffen, da sie bei Angriffen verletzt oder getötet sowie bei Überfällen Opfer von sexueller Gewalt werden. Jungen haben zudem das Risiko, von Terrorgruppen rekrutiert zu werden.

Besonders betroffen ist aktuell die Region Tillabéri im Südwesten des Niger. Von Januar bis Juli sind alleine dort laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) mindestens 420 Zi­vi­lis­t*in­nen bei Angriffen ermordet worden. Mindestens 60 Opfer der zahlreichen Angriffe seien Kinder, heißt es in dem am Montag veröffentlichten AI-Bericht.

Verübt werden die Überfälle derzeit zumeist vom „Islamischen Staat in der größeren Sahara“ (ISGS) und der mit der al-Qaida verbundenen Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime (JNIM), die ursprünglich aus dem Nachbarland Mali stammt. Allerdings breitete sie sich schon kurz nach ihrer Gründung 2017 zuerst nach Burkina Faso und auch in den Niger aus.

Gerade JNIM, haben Au­gen­zeu­g*­in­nen Amnesty International gesagt, würde Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren rekrutieren. Mitunter seien diese sogar noch jünger. Zugenommen habe die Rekrutierung in diesem Jahr im Département Torodi, das an der Grenze zu Burkina Faso liegt. JNIM-Anhänger würden ihnen Essen, Geld und Kleidung bieten. Im Gegenzug würden sie an den Waffen ausgebildet sowie als Spione, Kundschafter und Späher eingesetzt.

Essen – das reicht

Das Phänomen hat auf der anderen Seite der Grenze auch Moussa Boly, ehemaliger SOS-Kinderdorf-Repräsentant in Burkina Faso, beobachtet. Er stammt aus dem Osten des Landes, der an Tillabéri grenzt. „Manchmal sind die Kinder keine 13 Jahre alt, wenn sie rekrutiert werden“, sagte Boly im Gespräch mit der taz. „Das Problem ist, dass sie auf sich alleine gestellt sind. Die Terroristen bieten ihnen etwas zu essen an. Das reicht schon aus. Anschließend werden sie für Anschläge ausgenutzt.“ Im Nordosten Nigerias hat so auch die Terrorgruppe Boko Haram immer wieder Nachwuchs gefunden. Mitunter wird Kindern auch gedroht, dass die Terroristen ihre Familien ermorden.

Im Fall von Tillabéri fordert Amnesty International die ni­grische Regierung auf, alles für einen besseren Schutz der Kinder zu unternehmen. Auch kritisiert sie, dass sich Sicherheitskräfte aus großen Teilen der Region zurückgezogen haben. Auf Notrufe würden diese nur sehr verzögert reagieren und in einigen Fällen, so Afrika-Expertin Franziska Ulm-Düsterhöft, selbst willkürliche Inhaftierungen und Tötungen durchführen.

Dass Kinder zunehmend zwangsrekrutiert werden, liegt auch an der schlechten Versorgungslage. Alleine in Burkina Faso sind nach Schätzungen vom Norwegischen Flüchtlingsrat 4,8 Millionen Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Durch die anhaltende Gewalt konnten zahlreiche Felder nicht bestellt werden. All das sorgt für steigende Flüchtlingszahlen. In Burkina Faso haben seit April im Schnitt jede Woche 13.000 Menschen ihre Heimatorte verlassen. Das sei ein enormer Anstieg, sagt Tom Peyre-Costa, Medienbeauftragter für West- und Zentralafrika. Insgesamt sind mehr als 1,4 Millionen Personen auf der Flucht.

Das führt dazu, dass viele Kinder keine Schule mehr besuchen können. Vor dem UN-Sicherheitsrat sagte Nigers Präsident Mohamed Bazoum kürzlich: „Im Sahel sind knapp 5.000 Bildungseinrichtungen geschlossen, mehr als 700.000 Kinder haben keinen Unterricht, 20.000 Lehrer können nicht arbeiten.“ Das erlebt auch Moussa Boly: „Viele Schulen sind zu.“ Der Staat würde zwar gegensteuern. Doch die Maßnahmen reichen nicht. „Frauen und vor allem Kinder leiden in dem Konflikt am meisten.“

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