Bericht der Weltwetterorganisation: Extremes Wetter, extreme Kosten

Katastrophen durch Extremwetter haben sich in den letzten 50 Jahren gehäuft – und werden besonders für den globalen Norden teuer.

Überschwemmung, treibende Autos im Gebiet einer Ölraffinerie

Wird der Sturm „Ida“ teurer als „Katrina“? Überschwemmung im US-Bundesstaat Louisiana Foto: Devika Krishna Kumar/reuters

Eingestürzte Dächer, umgeknickte Bäume, Keller voller Wasser, verschlammte Straßen, kein Strom: An der US-amerikanischen Golfküste herrscht der Ausnahmezustand. Hurrikan „Ida“, ein Sturm der Kategorie vier von fünf, hat mindestens vier Menschen getötet und große Zerstörungen hinterlassen. In der Großstadt New Orleans herrscht aus Sicherheitsgründen eine nächtliche Ausgangssperre. Die Wiederaufbauarbeiten laufen, in manchen Regionen könnte es trotzdem noch Wochen dauern, bis der Strom wieder fließt.

„Ida“ traf auf den Tag genau 16 Jahre nach dem Hurrikan „Katrina“ auf die US-Küste, der New Orleans schon einmal verwüstete. Ein neuer Bericht der Weltorganisation für Meteorologie der Vereinten Nationen (WMO) führt „Katrina“ als die weltweit teuerste durch Extremwetter ausgelöste Katastrophe der letzten fünf Jahrzehnte. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch „Ida“ wird, ist noch unklar.

Extreme Wetterlagen und die von ihnen begünstigten Naturkatastrophen verursachen immer höhere Kosten, zeigt der neue Bericht. Für ihn untersuchten die Me­teo­ro­lo­g:in­nen der UN die Wetterereignisse von 1970 bis 2019: Dürren, Stürme, Hitzewellen, Überschwemmungen, Waldbrände. Solche Extreme träten inzwischen vier- bis fünfmal häufiger auf. Die ökonomischen Schäden hätten sich in dem Zeitraum versiebenfacht. Die Kosten, um die es dabei geht, sind gigantisch: Mittelt man sie, kommt man laut Bericht auf weltweit 200 Millionen US-Dollar – an jedem einzelnen Tag. Blickt man nur auf das Jahrzehnt von 2010, steigt dieser Wert sogar auf 383 Millionen US-Dollar.

„Die wirtschaftlichen Verluste wachsen massiv“, sagte WMO-Chef Petteri Taalas. Der Meteorologe warnt: „Und wir werden durch den Klimawandel immer mehr extremes Wetter erleben“. Sein Appell, den er so oder so ähnlich schon seit vielen Jahren immer wieder formuliert: „Der Schlüssel zum menschlichen Wohlergehen ist es, den Klimawandel zu bremsen. Aber wir müssen uns auch an ihn anpassen.“

Unterschiedliche Folgen

Denn die Folgen des Klimawandels sind schließlich nicht mehr vollständig abzuwenden, ganz im Gegenteil: Sie sind längst zu spüren und zu messen. Um deutlich mehr als 1 Grad hat die Menschheit die Erde schon aufgeheizt. Dass extremes Wetter dadurch nachweislich zugenommen hat, war auch eine Schlüsselerkenntnis aus dem neuen Weltklimabericht, dessen erster Teil im August erschienen ist. In diesen riesigen Metastudien werten Hunderte Wis­sen­schaft­le­r:in­nen aus verschiedenen Disziplinen und Ländern der Welt regelmäßig die Studienlage zur Klimakrise aus und formulieren damit den aktuellen Kenntnisstand. „Wir sehen, dass Klimaextreme wirklich die ganze Welt betreffen“, sagte die Klimaforscherin Sonia Seneviratne von der ETH Zürich, die an dem Weltklimabericht beteiligt war.

Die Opfer

Bei den Überschwemmungen im Sommer 2021 sind in Deutschland mindestens 183 Menschen ums Leben gekommen.

Die Zahl der Verletzten und Obdachlosen ist unklar.

200.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren zeitweise von Stromausfall und Trinkwasserknappheit betroffen.

Die Ausgaben

Die Bundesregierung hat einen Wiederaufbaufonds für die Opfer der Flut auf den Weg gebracht. Demnach sollen 30 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Für den Hilfsfonds teilen sich Bund und Länder 28 Milliarden Euro, zwei Milliarden stemmt der Bund alleine für zerstörte Infra­struktur.

Versicherungen zahlen aufgrund der Flut insgesamt ebenfalls mehrere Milliarden Euro.

Die Einsätze

Die Feuerwehr half mit zahlreichen Rettungsaktionen, dabei kamen sechs Feuerwehrleute ums Leben.

Nach der Flut waren zeitweise mehr als 2.300 Menschen von der Bundeswehr im Einsatz. Hubschrauber, Räumpanzer und Behelfsbrücken wurden eingesetzt. Erst sieben Wochen später, Anfang September, wird der Bundeswehreinsatz beendet.

Betroffene Bundesländer

Besonders verheerend waren die Überflutungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Auch in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen kam es zu Überschwemmungen mit jeweils einem Todesopfer. In Hessen, im Saarland und in Thüringen gab es vergleichsweise kleine Fluten, die zu Verkehrsbehinderungen und überschwemmten Kellern führten. (leaf)

Der aktuelle Bericht der Weltwetterorganisation zeigt jedoch auch: Extremes Wetter tritt zwar überall auf der Welt auf, hat aber unterschiedliche Folgen. „Die Welt ist nicht gleich, wenn es um die Auswirkungen geht“, sagte Meteorologe Taalas. Die höchsten wirtschaftlichen Schäden fallen zum Beispiel vor allem in den Ländern des globalen Nordens an. Sechs der zehn teuersten Kata­strophen der vergangenen 50 Jahre waren Stürme in den USA: „Katrina“ (2005), „Harvey“ (2017), „Maria“ (2017), „Irma“ (2017), „Sandy“ (2012) und „Andrew“ (1992). Es sei denkbar, dass Hurrikan „Ida“ bald auf Platz eins rutsche, meint Taalas. Schließlich sei das Stromnetz so nachhaltig geschädigt worden, dass der Aufbau sehr teuer werde.

Aber: Es geht hier um absolute Zahlen, die nicht unbedingt aussagen, wie fatal die Schäden für Privatpersonen oder auch Volkswirtschaften sind. Wo teurere Häuser und Autos stehen, entsteht bei Zerstörung in absoluten Zahlen ein höherer Schaden – wie eben in den USA. „Setzt man die Zahlen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, ist der globale Norden nicht stärker von Kosten betroffen“, sagte Mami Mizutori, Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Katastrophenvorsorge. Auch sie meint: Die Welt muss sich besser anpassen an das extreme Wetter – und die reichen Länder müssen die armen Länder besser dabei unterstützen. Mizutori wies auch auf die Schäden und Verluste hin, die nicht finanzieller Art sind. „31 Millionen Menschen wurden allein im vergangenen Jahr durch extremes Wetter vertrieben“, sagte die japanische Diplomatin. Die Zahl an Klimaflüchtlingen übersteige langsam die Zahl jener, „die durch Konflikte fliehen – und der Trend geht nach oben.“

Auch der Bericht der Weltwetterorganisation weist auf humanitäre Schäden hin, identifiziert nicht nur die teuersten Wetterereignisse, sondern auch die tödlichsten. Sie liegen fast alle im globalen Süden. Auf Platz eins steht die äthiopische Dürre von 1983, die durch Ernteausfälle eine große Hungersnot auslöste, in der 300.000 Menschen starben.

30 Milliarden für die Flutkatastrophe in Deutschland

Im Gegensatz zu den Kosten steigen die Todeszahlen durch extremes Wetter allerdings nicht, sondern sind über die untersuchten Jahrzehnte deutlich gesunken. Das liegt dem Bericht zufolge an verbesserten Warnsystemen und einem effektiveren Krisen-Management.

Auch Deutschland beschäftigt sich gerade mit den Kosten der Klimakrise: Durch die Überschwemmungen Mitte Juli sind immense Schäden entstanden, die größtenteils nicht versichert waren (siehe Infokasten). Die Bundesregierung bringt derzeit ein Hilfspaket von 30 Milliarden Euro auf den Weg. Wis­sen­schaft­le­r:in­nen hatten im August nachgewiesen, dass der Klimawandel den Starkregen bis zu neunmal wahrscheinlicher gemacht hat.

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