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Bericht der AbschiebebeobachtungAls ginge es nicht um Menschen

Abschiebebeobachter am Berliner Flughafen berichten: Berlin schiebt immer mehr Menschen ab und nimmt wenig Rücksicht auf das Leid von Familien und Kranken.

Eine schwangere Mutter und ihr 6 Jahre alter Sohn werden von der Polizei oder den Behörden zum Flughafen BER gebracht. Die beiden sollen am 17. September 2025 in die Türkei abgeschoben werden. Der Vater und eine Tochter sind nicht am Flughafen. Wie sich herausstellt, ist die Tochter während der Abholung in der Schule.

Die Mutter sagt, dass sie ihren Mann noch telefonisch erreichen konnte. Es sei aber nicht genug Zeit gewesen, dass er die Tochter aus der Schule abholt. Trotzdem wird der Abschiebeprozess fortgeführt.

Kurz nach dem Einsteigen ins Flugzeug meldet eine Flugbegleiterin, dass der 6-jährige Sohn stark weint. Die Mutter ist regungslos, woraufhin der Pilot den Flug abbricht. Die Bundespolizei bittet den Sohn, der Mutter zu erklären, dass die Abschiebung abgebrochen wird und sie aussteigen können. Dieser ist jedoch deutlich überfordert mit der Situation und antwortet nicht. Ein Fluggast hilft bei der Übersetzung.

Öffentlich werden solche Fälle durch die Dokumentation der Abschiebebeobachtung Berlin-Brandenburg. Die schaut als unabhängige Instanz stichprobenhaft bei Abschiebungen am Flughafen BER zu – rechtlich abgesichert durch eine EU-Richtlinie. Im Nachgang bespricht ein unabhängiges Forum aus staatlichen und nichtstaatlichen Vertretenden die Beobachtungen.

Im aktuellen Bericht des Forums Abschiebebeobachtung Berlin-Brandenburg (FABB), der am Montag veröffentlicht wurde, wird betont, dass bei Abschiebungen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit eigentlich die Familieneinheit zu wahren ist. Das gebietet der verfassungsrechtliche Schutz von Ehe und Familie und auch der völkerrechtliche Schutz des Privat- und Familienlebens. Aber nur weil Mutter und Sohn in diesem Fall so reagierten, dass der Pilot die Abschiebung abbrach, wäre die Familieneinheit in diesem Fall nicht gewahrt worden.

Mehr Abschiebungen aus Berlin

Aus dem Bericht können vor allem drei Veränderungen gegenüber den Vorjahren gelesen werden. Erstens: Familientrennungen kommen immer häufiger vor. Das FABB berichtet von 28 Familientrennungen am Berliner Flughafen, was einen Anstieg um 14 Fälle im Vergleich zum Vorjahr bedeutet.

Zweitens: Die Zahl der Abschiebungen vom BER steigt kontinuierlich. Wurden 2021 noch 1.360 Menschen von Berlin aus abgeschoben, sind es in 2025 schon 2.591. Damit ist der BER einer der Flughäfen mit den meisten Abschiebungen bundesweit.

Drittens finden Festnahmen zur Abschiebung immer häufiger während behördlicher Vorsprachen statt. Laut dem Bericht konnte ein solcher Fall in Deutschland erstmals im Jahr 2023 dokumentiert werden. In 2025 meldete die Abschiebebeobachtung allein in Berlin 16 solcher Fälle.

Als Fallbeispiel nennt das Forum eine ältere Dame, die im Oktober 2025 einen Termin beim Landesamt für Einwanderung in Berlin hatte. Dort wurde sie in Gewahrsam genommen und zum Flughafen gebracht – lediglich mit einem kleinen Rucksack. Wichtige Medikamente und ärztliche Atteste lagen laut ihrer Aussage gegenüber der Beobachterin noch zu Hause. Nicht einmal Wechselklamotten hatte sie dabei.

Darüber hinaus dokumentiert die Beobachtungsstelle 20 Abschiebungen von Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, darunter eine 10-Jährige mit Autismus und einen halbseitig gelähmten Mann, der keinen elektrischen Rollstuhl gestellt bekam. Auch sei der Kontakt zum Rechtsbeistand oft erst am Flughafen möglich, weil die Polizei oder Behörden Anrufe bei der Abholung verwehre.

Wir erleben eine Brutalisierung der Abschiebungen in Berlin

Emily Barnickel, Flüchtlingsrat Berlin

„Wir erleben eine Brutalisierung der Abschiebungen in Berlin“, sagt Emily Barnickel vom Flüchtlingsrat Berlin. „Nicht einmal mehr gesundheitliche Beschwerden nehmen die Behörden ernst.“ Sie vermutet, dass die Bundespolitik Druck auf die Ausländerbehörden der Länder ausübt, damit die höhere Abschiebequoten erreichen.

„Dabei sind Abschiebungen oft eine traumatisierende Erfahrung“, erklärt Barnickel. Die Polizei gehe sehr gewalttätig vor. „Eine meiner Klientinnen bekam bei der Festnahme einen Nervenzusammenbruch und dann drückte ihr ein Polizist seinen Stiefel auf den Kopf.“

Laut dem Mediendienst Integration nehmen Abschiebungen in ganz Deutschland seit 2020 zu. Im Jahr 2025 liegt die Zahl mit 22.787 Menschen fast ebenso hoch wie in den Jahren 2016 bis 2018. Allerdings beantragten laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in den vergangenen Jahren deutlich weniger Menschen Asyl als vor 10 Jahren. Trotzdem schiebt der deutsche Staat jährlich ähnlich viele Menschen ab.

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