Bergbaukatastrophe in DR Kongo: Hunderte Tote bei Erdrutsch in Coltanmine
Eine Schlammlawine nach schweren Regenfällen fordert über 200 Tote in Kongos größter Coltanmine Rubaya. Sie liegt in dem Rebellengebiet im Osten des Landes.
Die Regenzeit im Osten der Demokratischen Republik Kongo hat mit voller Wucht eingesetzt. Seit Tagen schüttet es in Strömen. In den abschüssigen Masisi-Bergen westlich der Millionenstadt Goma fließen gigantische Wassermassen die Hänge herunter und weichen den Boden auf.
Dies hat am vergangenen Mittwoch und Donnerstag in der Bergbau-Region Rubaya, rund 80 Kilometer nordwestlich von Goma, zu mehreren Erdrutschen geführt, bei welchen Teile der Mine verschüttet wurden. „Die Leute vor Ort schätzen, dass mehr als 200 Menschen ihr Leben verloren haben, mehr als 20 Verletzte wurden geborgen und befinden sich in medizinischer Behandlung“, sagt Kamber Lumumba, Sprecher des Rebellengouverneurs der Provinz Nord-Kivu.
Die Masisi-Berge liegen mitten in dem von den Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) kontrollierten Gebiet. Das lukrative Minengebiet von Rubaya nahmen die von Ruanda unterstützten Rebellen im April 2023 ein. Die Provinzhauptstadt Goma selbst fiel im Januar 2025 in Rebellenhand.
Seitdem kontrolliert die M23 die Exportwege der Mineralien aus Rubaya ins Nachbarland Ruanda, von wo aus sie auf den Weltmarkt gelangen, vor allem nach Asien. Der lukrative Mineralienabbau und -handel mitten im kriegsgeschüttelten Ostkongo ist seit Jahrzehnten international umstritten.
Frauen und Kinder in der Mine
Der von der M23 eingesetzte Provinzgouverneur Erasto Bahati hat am Freitag gemeinsam mit seinem Sprecher Lumumba das Katastrophengebiet in Rubaya besucht. „Er hat den Familien der Opfer sein Beileid ausgesprochen und wir haben die drei Gesundheitsstationen in Rubaya besucht, in welchen die Verwundeten versorgt wurden“, berichtet Lumumba der taz am Telefon. „Der Gouverneur hat entschieden, die Verletzten nach Goma ins Zentralkrankenhaus transportieren zu lassen.“
Unter den Verletzten sind zahlreiche Frauen und Kinder. Lumumba schätzt, dass unter den Schlammmassen zahlreiche weitere verschüttet liegen. Daraus sollen nun Konsequenzen gezogen werden: „Der Gouverneur hat Anweisung gegeben, dass Kinder und Frauen nicht mehr in den Minen arbeiten dürfen“, so Lumumba. „Sie gehören nicht dorthin, sondern in die Schule.“
Oft verdienen sich Kinder in dieser dichtbesiedelten Bergregion ihre Schulgebühren mit dem Graben in den engen Stollen von Rubaya. Frauen durchsieben in den Bächen im Tal das Wasser nach ausgewaschenen Coltansteinchen.
Tantal, das weltweit begehrte Mineral
Rubaya ist die größte Coltan-Mine der Demokratischen Republik Kongo. Jährlich werden dort rund 1.000 Tonnen der Mischung aus Tantal- und Nioberz gefördert, die in der DR Kongo als Coltan („Colombit-Tantalit) bezeichnet wird – knapp die Hälfte der Gesamtproduktion des Landes. Tantal, ein enorm hitzebeständiges Mineral, wird für Akkubatterien besonders in Handys und Computer benötigt. Rund 15 Prozent des weltweit derzeitig verfügbaren Tantals stammen aus Rubaya.
Das einstige malerische kleine Bergdorf am Osso-Fluss unter den mineralienreichen Hügeln wuchs im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zur geschäftigen Großstadt. Das gewaltige Minen-Gebiet Rubaya besteht aus mehreren Hügeln, an deren teils sehr steilen Hängen junge Männer sich ungeschützt mit Hacken und Spaten durch die Erde graben.
Nur in einem kleinen Teil der Stollen von Rubaya wurde bislang industriell gefördert. Die Bergbaukonzession Bibatama, in der Rubaya liegt, gehörte einst der Gesellschaft SMB (Société Minière de Bisunzu) mit Sitz in Goma. Deren Chef, der ehemalige Senator Édouard Mwangachuchu, wurde kurz vor der Eroberung des Gebiets durch die M23 im April 2023 von Kongos Regierung verhaftet und angeklagt – unter anderem wegen Zusammenarbeit mit einer bewaffneten Gruppe, er ist Tutsi ebenso wie die M23-Militärführung. Im Oktober 2023 wurde Mwangachuchu zum Tode verurteilt. Sein Prozess befindet sich in einem Berufungsverfahren vor dem Militärgericht in Kongos Hauptstadt Kinshasa.
Die Mwangachuchu-Familie stand schon immer der M23 nahe, er selbst war einst politischer Führer des CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes), die Vorgängerorganisation der M23. Um nicht der Zusammenarbeit mit den Rebellen bezichtigt zu werden, zog die SMB nach der Eroberung Rubayas durch die M23 alle Arbeiter ab. Seitdem stehen die Maschinen in Rubaya still. Nur der Tagebau per Hand geht weiter.
Hutu-Bauern gegen Tutsi-Geschäftsmann
Ein Großteil des Coltans aus Rubaya wurde schon immer in mühsamer Handarbeit gefördert, die meisten davon sind Hutu. Die Hügel in Rubaya waren einst Ackerland der Hutu-Bauern. Als diese erfuhren, was dort unter ihren Äckern an kostbaren Rohstoffen schlummert, strömten junge Männer aus allen Ecken Nord-Kivus nach Rubaya. Sie formierten Milizen, um das lukrative Geschäft zu schützen, und gründeten eine eigene Kooperative, die dem Tutsi-geführten Kozessionseigner SMB das Förderrecht in Rubaya streitig machte und über andere Geschäftspartner Coltan exportierte. Deren Chef wurde später Präsident des Provinzparlaments von Nord-Kivu.
Als Exportfirmen, die das Coltanerz zur Verarbeitung nach Asien verschifften, wurden damals zwei Firmen genannt, die bereits schon früher illegal Coltanerz aus dem Kongo exportiert hatten: East Rise und Star Dragon, beide mit Sitz in Hongkong. Sie sollen beide über ihren lokalen Geschäftspartner illegale Aktivitäten wie Kinderarbeit in Rubaya gefördert haben.
All dies endete mit der Übernahme Rubayas durch die M23 im April 2023. Kongos Regierung entzog der SMB im Juli 2023 die industriellen Förderrechte in Rubaya und übergab diese an einen neuen Investor: Primera Mining – ein Joint Venture zwischen Kongos Regierung und der gleichnamigen Firma aus den Vereinigten Arabischen Emirate. Diese hatten Kongos maroder Armee im vergangenen Jahr Militärfahrzeuge, Waffen und Hubschrauber in Milliardenhöhe spendiert, um die M23 zu bekämpfen. Im Gegenzug erhielt Primera Konzessionen im Wert von fast zwei Milliarden Dollar für Coltan und Gold, darunter in Rubaya.
Vor Ort in Rubaya ist Primera noch nicht aktiv. Denn dort haben weiter die M23-Rebellen das Sagen. Unter ihrer Kontrolle geht nun seit fast drei Jahren die Förderung mit Spitzhacke und Schaufel im großen Stil weiter. Weit über 3.000 Menschen sind dort in den Stollen tätig, verdienen sich dort mehrere US-Dollar pro Tag und damit oftmals mehr, als die übrige Landbevölkerung zur Verfügung hat. Darauf erhebt die M23 Steuern, auch auf die Nutzung der Straßen gen Goma.
Coltan aus Rubaya ist illegal
Seitdem die M23 im April 2023 Rubaya erobert hat, gilt alles Coltan von dort auf dem Weltmarkt als illegal. Als die US-Regierung im August 2025 wegen illegaler Förderung von Coltan in Rubaya Sanktionen verhängte, war auch die Hutu-Miliz PARECO (Koalition widerständiger kongolesischer Patrioten) betroffen, die vor der Übernahme durch die M23 die Förderung kontrolliert und von den Bergwerksleuten Steuern eintgetrieben hatte. Sie gehört nun zu den „patriotischen“ Wazalendo-Milizen, die zusammen mit Kongos Armee die M23 wieder zurückdrängen wollen.
Gegen die M23 wurden in Hinsicht auf Rubaya bislang noch keine Sanktionen verhängt. Laut UN-Experten wird das Coltan aus dem M23-Gebiet über die Grenze nach Ruanda gebracht, dort mit dem in Ruanda geförderten Coltan vermengt und dann als ruandische Produktion auf den Weltmarkt exportiert.
Kongos Regierung nannte das Grubenunglück von Rubaya in einer Erklärung am Sonntag eine „direkte Konsequenz“ der „wilden und illegalen“ Ausbeutung der Mine durch Ruanda und die Rebellen und erklärte, die Förderung dort sei eigentlich verboten. Nach eigenen Angaben hat die M23 die Bezahlung der Bergleute verbessert, und die Rebellen wollen weiter Coltan fördern.
Gouverneurssprecher Lumumba bestätigt der taz: „Unsere Kämpfer sichern das Minen-Gebiet in Rubaya und die Arbeit in den Stollen, die nicht von den Erdrutschen betroffen sind, geht weiter.“ Allerdings habe Gouverneur Bahati der lokalen Bevölkerung bei seinem Besuch am Freitag versprochen, dass er sich in Zukunft wieder für eine industrielle Förderung einsetzen werde.
Immerhin, so Lumumba, sei die bislang marode Feldstraße von Rubaya die Berge hinunter bis nach Goma unter M23-Herrschaft geteert worden. Jetzt könne man die Strecke in weniger als vier Stunden zurücklegen. „Dies hat auch bei der Überführung der Verletzten ins Hospital nach Goma geholfen.“
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