Bedrohung von Rechts: Mein Name auf der Liste

Rechtsextreme haben Informationen über unseren Autor gesammelt. Er ist nicht überrascht. In den vergangenen Jahren haben Anfeindungen zugenommen.

Mann trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "HKNKRZ"

Können Feindeslisten sogar mit Vokalen schreiben: Neonazis Foto: Marius Becker/dpa

Ein Schreiben, eine Seite lang: Am Freitag lag der Brief vom Landeskriminalamt (LKA) in meinem privaten Briefkasten. Kein üblicher Absender für einen Kolumnisten und Autor der taz. Im Betreff heißt es kurz und knapp: „Listen / Datensammlung von Personen des rechten Spektrums“. Wie bitte? Bin ich ein Beschuldigter? Darf ich als Journalist mit dem Schwerpunkt „rechtes Spektrum“ kein Archiv führen?

Erst im fünften Absatz klärt sich der Sachverhalt auf: Das LKA Berlin hat meinen Namen zusammen mit mehreren Bildern in einer Datensammlung von Rechten gefunden. Im Zuge der Beschlagnahmung von „Datenträgern in einer Ordnerstruktur“ sei der Datenbestand festgestellt worden, heißt es im Schreiben.

Insgesamt seien es mehrere Bilddateien und ein Ordner mit dem Namen Andreas Speit. Die Ersteller*innen der Liste scheinen, so vermutet das LKA, mich zudem mit einer anderen Person zu verwechseln, da auf einem der Bilder eine mir ähnlich sehende Person abgebildet sei. Die Aufnahmen liegen nicht bei, ich kann es nicht beurteilen.

Die Mitteilung überrascht mich wenig. Wer über die rechtsintellektuelle Szene und das militante Spektrumberichtet, muss mit Anfeindungen und Bedrohungen rechnen. Die Geschichte der rechten Angriffe auf „die Medien“ und „die Journalisten“ reicht historisch weit zurück. Viele Namen von großen Autor*innen sind dabei. In diese Reihe gestellt zu werden, fühlt sich befremdlich an. Aber danke an die unbekannten Auflister*innen, es ist eine Ehre.

In den vergangenen Jahren haben mit der Ausweitung des Sag- und Wählbaren nach weit rechts die Anfeindungen zugenommen, sie sind aggressiver in Worten und Taten geworden. Bei Recherchen bin ich nicht der einzige Journalist, der schon geschubst, getreten und geschlagen wurde.

Ich bin auch nicht der erste, der sich eines Angriff mit einer Waffe erwehren musste. Und doch ist es eine privilegierte Situation: Ich bin weiß, ich bin ein Mann. Den Job und das Thema habe ich mir selbst ausgesucht. Viele Menschen haben bekanntlich nicht die Wahl, sie sind im Visier, weil sie sind, wie sie sind.

Das klingt abgeklärt, aber so klar fühlt sich die nun bestätigte Bedrohung nicht an. Meine erste Reaktion: mit dem engen Umfeld reden. Die zweite: Sicherheitsmaßnahmen überprüfen. Das Schreiben des LKA Berlin und das Nachfassen beim LKA Hamburg bringen keine großen Erkenntnisse. Ermittlungen sollen wohl nicht gefährdet werden oder sollen V-Leute nicht auffliegen?

Gegen wen sie ermitteln, teilen die LKAs nicht mit. Die Hamburger bestätigen nur, dass die Liste aus dem „rechtsextremen“ Spektrum stammt, nicht von Reichsbürger*innen, rechten Hooligans oder Identitären.

Als „Feindesliste“ solle ich die Liste nicht wahrnehmen, schreibt das LKA – na klar. Ich dachte mir schon, dass all die Listen der vergangenen Jahre Poesie- und Erinnerungsalben sind. „Der Rechte“ liebt seine ausgemachten Feinde einfach so sehr, dass er Sammelalben anlegt, für einsame Stunden.

Eine „konkrete Gefährdung“ bestehe nicht, meinen die LKAs zu wissen. Ich würde nicht wagen, diese absolute Einschätzung bei den aktuellen Entwicklungen abzugeben. Rechtsextreme morden, viele könnten das nächste Opfer sein, auch ich.

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Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandesund des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: mit Andrea Röpke "Mädelsache" (2011), mit Martin Langebach "Europas radikale Rechte" (2013). Im Erscheinen begriffe „Blut und Ehre. Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt“.

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Rechtsextreme Terroranschläge haben Tradition in Deutschland.

■ Beim Oktoberfest-Attentat im Jahr 1980 starben 13 Menschen in München.

■ Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe verübte bis 2011 zehn Morde und drei Anschläge.

■ Als Rechtsterroristen verurteilt wurde zuletzt die sächsische „Gruppe Freital“, ebenso die „Oldschool Society“ und die Gruppe „Revolution Chemnitz“.

■ Gegen den Bundeswehrsoldaten Franco A. wird wegen Rechtsterrorverdachts ermittelt.

■ Ein Attentäter erschoss in München im Jahr 2016 auch aus rassistischen Gründen neun Menschen.

■ Der CDU-Politiker Walter Lübcke wurde 2019 getötet. Der Rechtsextremist Stephan Ernst gilt als dringend tatverdächtig.

■ In die Synagoge in Halle versuchte Stephan B. am 9. Oktober 2019 zu stürmen und ermordete zwei Menschen.

■ In Hanau erschoss ein Mann am 19. Februar 2020 in Shisha-Bars neun Menschen und dann seine Mutter und sich selbst. Er hinterließ rassistische Pamphlete.

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