Bahnexperte über ÖPNV und Corona: „Testpflicht ist nicht praktikabel“
Bahnfahren muss auch in der Pandemie attraktiv bleiben, sagt Bastian Kettner vom ökologischen Verkehrsclub. Testen hindere die Mobilität.
taz: Herr Kettner, während der Pandemie sind viele Reisende von der Bahn auf das Auto umgestiegen. Warum?
Bastian Kettner: Viele Menschen denken beim Bahnfahren vor allem an überfüllte Züge und haben Angst vor einer Infektion. Öffentliche Verkehrsmittel haben da zum Teil ein schlechtes Image. Dabei haben Untersuchungen ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Zug und im öffentlichen Nahverkehr nicht höher ist als an anderen öffentlichen Orten.
Vorausgesetzt, die Abstände werden eingehalten und alle Fahrgäste tragen eine Maske.
Richtig, aber gerade im Fernverkehr achtet die Bahn darauf, dass bei Reservierungen nur jeder zweite Platz angeboten wird, sodass die Abstandsregelungen eingehalten werden können.
In Frankreich müssen Reisende in Fernzügen nachweisen, dass sie entweder geimpft, getestet oder genesen sind. Wäre das auch in Deutschland sinnvoll?
Ich stelle mir das schwierig vor. Wenn ich täglich mit der Bahn unterwegs bin und für jede Fahrt einen Gesundheitstest vorlegen muss…. Das ist doch nicht praktikabel.
Aber in Restaurants gab es das ja auch. Und ein Schnelltest wäre bereits ausreichend.
Ein zu Hause durchgeführter Antigentest würde aber nicht anerkannt werden. Ich muss also zu einer offiziellen Teststelle gehen. Das würde die Menschen in ihrer Mobilität erheblich einschränken. Gerade im Pendelverkehr ist es nicht angebracht, das zu fordern. Wichtiger ist, dass die Abstände eingehalten werden.
Wie lässt sich das sicherstellen? Trotz der geringeren Fahrgastzahlen kommt es ja gelegentlich zu vollen Zügen.
Da können die Zugbegleiter:innen eine wichtige Rolle spielen, indem sie Fahrgäste darauf hinweisen, dass eben auch in anderen Teilen des Zuges noch Platz ist. Es kann auch sein, dass Züge so voll sind, dass die Abstandsregelungen nicht mehr gewährleistet werden können. Dann ist es wichtig, dass die Maske getragen wird, Desinfektionsmittel bereitsteht und es die Möglichkeit gibt, Masken beim Zugpersonal zu kaufen.
Halten Sie eine Reservierungspflicht für sinnvoll?
Nein, wir lehnen eine Reservierungspflicht ab, weil das immer ein Einschnitt in die Mobilität bedeutet. Wir stehen dafür ein, dass Menschen auch spontan die Bahn benutzen können. Das Problem einer Reservierungspflicht besteht darin, dass die Menschen dann vor allem in den Zügen reservieren, bei denen die Auslastung ohnehin schon relativ hoch ist. Menschen mit Flexticket wären dann eingeschränkt.
Was muss die Bahn tun, um die Sicherheit zu erhöhen und Bahnfahren auch jetzt attraktiv zu machen?
Eine gute Möglichkeit wäre es, die Auslastungsanzeige auf der Homepage zu verbessern. Da ist aktuell keine Echtzeitdarstellung möglich, die Daten beruhen auf den Buchungen und Erfahrungswerten. Wichtig ist auch, dass die Kapazitäten nicht zurückgefahren werden.
Jetzt haben wir viel über den Fernverkehr geredet, aber auch auf kurzen Strecken sind viele Menschen auf das Auto umgestiegen. Wie lassen sich diese Fahrgäste wieder zurückgewinnen?
Im Nahverkehr gilt zum Teil das, was auch im Fernverkehr gilt. Die lokalen Verkehrsunternehmen sind in der Pflicht, die Reinigungsintervalle zu verdichten und die Kapazitäten auszubauen.
Manche Virolog:innen gehen davon aus, dass Corona nie ganz verschwinden wird. Wie kann Bahnfahren dennoch attraktiv bleiben?
Wir brauchen eine Zukunftsvision für den ÖPNV. Da ist zum einen die Frage mit der Maskenpflicht. Momentan ist es natürlich angezeigt, daran festzuhalten. Das kann sich aber auch ändern. Zum anderen brauchen wir eine Investitionsoffensive. Denn der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel braucht natürlich Geld. Das sehe ich die Politik in der Verantwortung.
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