BUND will Abbau von Naturgips stoppen: „Weltweit einmalig“

Der BUND fordert einen Bagger-Stopp im Gipskarst, um diesen einzigartigen Lebensraum zu erhalten. Es gebe Alternativen, sagt der Umweltverband.

Eine dicke Wurzel legt sich über einen Felsen

Nicht leich, hier zu gedeihen: Eine Baumwurzel umklammert einen Karstfelsen Foto: Elke Blanke

HAMBURG taz | Im Südharz droht eine weltweit einzigartige Naturlandschaft dem Bagger zum Opfer zu fallen: der grüne Gipskarst. Um das zu verhindern, hat der Umweltverband BUND jetzt ein Gutachten veröffentlicht, das zeigen soll, dass der Verbrauch von Gips aus der Natur bis Mitte des Jahrhunderts auf Null heruntergefahren werden könnte. Der BUND fordert deshalb den „Ausstieg aus dem Naturgipsabbau bis 2045“. Die Gipsindustrie will davon nichts hören: Sie rechnet mit einem steigenden Verbrauch.

Hintergrund des Konflikts ist der Ausstieg aus der Kohleverstromung. Der in Deutschland verbrauchte Gips stammt nach Angaben des Bundesverbandes der Gipsindustrie zu 100 Prozent aus heimischen Quellen. Von den zehn Millionen Tonnen, die pro Jahr verarbeitet werden, sind rund vier Millionen Tonnen Naturgips, der Rest sogenannter REA-Gips – er stammt aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) der Kohlekraftwerke.

Nach dem Kohlekompromiss zwischen der Bundesregierung und dem Bundesrat vom Januar 2019 soll das letzte deutsche Kohlekraftwerk spätestens 2038 vom Netz gehen. Bis dahin wird die Menge des zur Verfügung stehenden REA-Gipses kontinuierlich sinken.

Im Abschlussbericht der Kohlekommission steht der Satz: „Um die Wertschöpfungsketten zu erhalten, sind Maßnahmen zu ergreifen, die den fortschreitenden Wegfall an REA-Gips durch eine zusätzliche umweltverträgliche Gewinnung von Naturgips ausgleichen.“

Der damalige BUND-Vorsitzende Hubert Weiger saß mit in der Kommission, weshalb sich die Gipsindustrie mit einem Freibrief versehen sieht und die „bedarfsunabhängige sowie langfristige Ausweisung neuer Flächen für die Naturgipsgewinnung in der Raumordnung der betroffenen Bundesländer“ fordert. Auch sollten „Regelungen für die umweltverträgliche Gewinnung von Gipsgestein in Teilbereichen von Schutzgebieten“ geschaffen werden.

Hotspot der Artenvielfalt

Friedhart Knolle, Sprecher des BUND Westharz, graust es bei solchen Gedanken. Er sei selbst Geologe und Karstforscher und habe den Südharzer Gipskarst unlängst auf einer Tagung in Australien vorgestellt. „Es gab Zustimmung zu der Feststellung, dass das weltweit einmalig ist“, berichtet Knolle. Besonders selten sei die Kombination aus zu Tage tretendem Gipsgestein und darauf siedelnder Vegetation: grüner Karst eben.

Karstgestein bestehe in der Regel aus Kalk. Regen und Gewässer waschen es aus, so dass sich Trichter (Dolinen), Spalten und Höhlen bilden, in denen auch mal Bäche schlagartig versinken.

Im Südharz besteht dieser Karst aus Gips und, wie etwa bei Osterode, aus einer besonderen Vegetation auf der spärlichen Erdkrume: einem Orchideen-Buchenwald. „Das Bundesamt für Naturschutz hat das als Hotspot der Artenvielfalt klassifiziert“, sagt Knolle. In solchen Regionen ballen sich besonders viele charakteristische Arten, Populationen und Lebensräume.

Der Verband der Gipsindustrie findet, das müsse dem Gipsabbau nicht entgegenstehen. Er verweist auf ein gemeinsames Diskussionspapier mit dem Naturschutzbund (Nabu), in dem eine Änderung des Naturschutzrechts für „Natur auf Zeit“ gefordert wird. „Steinbrüche, Sand- und Kiesgruben haben sich zu immer wertvolleren Ersatzlebensräumen für bedrohte Pflanzen- und Tierarten entwickelt“, teilte der Nabu dazu mit. Die extremen Bedingungen gerade während des Rohstoffabbaus schüfen Nischen für Überlebenskünstler.

Aus Sicht Knolles kann so ein vorübergehendes Biotop oder ein aufgelassener Steinbruch nie das primäre, über Tausende von Jahren Entstandene ersetzen. „Man kann diese Landschaft nicht wiederherstellen“, sagt der Geologe.

Weil das so ist, versucht der BUND mit seinem Gutachten neue Wege zu weisen. „Wir kämpfen nicht für eine Illusion“, versichert Knolle, „sondern wir bieten eine konkrete Alternative“. Das Gutachten sei ein Meilenstein – vergleichbar mit dem Gutachten des Öko-Instituts, das erstmals eine komplette Versorgung Deutschlands mit Erneuerbaren Energien in Aussicht gestellt habe.

Friedhart Knolle, BUND Westharz

„Wir kämpfen nicht für eine Illusion, sondern wir bieten eine konkrete Alternative“

Aus Sicht des BUND ist Gefahr im Verzug. In Niedersachsen würden große neue Abbaugebiete geplant, sagt Knolle. Dem BUND-Gutachten zufolge sind die nicht nötig, denn zum einen lässt sich der REA-Gips ersetzen. 14 bis 16 Millionen Tonnen lägen auf Halde.

Weitere vier bis sechs Millionen Tonnen Naturgips könnten aus Abraumhalden gewonnen werden. Die Menge an Recyclinggips, die heute bei einem Prozent liegt, lasse sich auf eine halbe bis zwei Millionen Tonnen im Jahr steigern. Dazu könnte in der gleichen Größenordnung Gips aus der chemischen Industrie kommen.

Zum anderen lasse sich der Gipsverbrauch insgesamt auf 3,5 bis fünf Millionen Tonnen im Jahr herunterfahren. Gipsbauplatten könnten durch solche aus Holz, Lehm, Stroh oder anderen nachwachsenden Rohstoffen ersetzt werden. Im besten Fall würde dann gar kein Naturgips mehr gebraucht.

Gipsindustrie will nicht verzichten

Die Gipsindustrie hat das BUND-Gutachten noch nicht bewertet. In einem Positionspapier zur Rohstoffsicherung erklärt sie Gips aber für unersetzbar im deutschen Bauwesen: „Gips ist der zentrale Baustoff für die modernen klimafreundlichen Trocken- und Leichtbauweisen, die ressourceneffizientes, nutzungsflexibles, brandsicheres und schnelles Bauen ermöglichen.“ Insbesondere bei der Nachverdichtung von Wohnraum in Ballungsgebieten sei Gips „nicht wirtschaftlich sinnvoll durch andere Baustoffe zu ersetzen“.

Die niedersächsische Landesregierung antwortete auf eine Anfrage der taz nicht. 2014 räumte der damalige Wirtschafts- und heutige Umweltminister Olaf Lies (SPD) auf Anfrage der FDP ein, dass es sich bei der Gipskarstlandschaft um einen einzigartigen Lebensraum handele. Bei der Herstellung von Spezialgipsen könne auf Naturgips derzeit nicht verzichtet werden. 700 Menschen seien in der strukturschwachen Region in der Gipsindustrie beschäftigt.

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