Autorin über Schwarzen Aktivismus: „Er wollte in die Hand nehmen, was der Staat versäumt“
Josephine Akinyosoye schreibt über Schwarzen politischen Aktivismus in Hamburg. Als Ausgangspunkt für ihr Buch diente ihr das Archiv ihres Vaters.
taz: Frau Akinyosoye, was war Ihr Vater, Olajide Akinyosoye, für ein Mensch?
Josephine Akinyosoye: Er war ein sehr passionierter Aktivist, war ein gerechtigkeitssuchender Mensch, der sich in seinem Leben der Bildung junger Menschen verschrieben und sich für andere, für globale Gerechtigkeit und für Antikolonialismus eingesetzt hat. Außerdem hat er Kultur geliebt und damit auch eine Art von Politik gemacht.
taz: Inwiefern?
Akinyosoye: Durch Gesang, Trommeln, Theater und Poetik. Er hat politische Botschaften in Theaterstücken verarbeitet, wie zum Beispiel in einem Stück gegen die Verschärfung des Asylrechts in den Neunzigern.
taz: Wann haben Sie gemerkt, dass er ein politischer Mensch ist?
Akinyosoye: Mir wurde das erst so richtig bewusst, als ich anfing, mich selbst mit politischen Themen zu befassen. Mit dem Beginn meines Soziologiestudiums 2013 veränderte sich mein Blick. Ich glaube, dass mich sein Aktivismus dennoch schon als Kind unbewusst geprägt hat.
taz: Inwiefern hat die Zeit, in der Ihr Vater nach Deutschland kam, seinen Aktivismus beeinflusst?
Akinyosoye: Als er 1965 für sein Studium aus Nigeria nach Deutschland kam, war das Land noch nicht lange dekolonialisiert. Die Generation meines Vaters hatte noch einen sehr starken panafrikanischen Bezug zum Kontinent und beschäftigte sich mit globalen antikolonialistischen und antiimperialistischen Themen. Es waren die Anfänge migrantischer Vereinsgründung und Selbstorganisation. Die Akteure nutzten das deutsche Vereinsrecht, um sichtbar zu werden. Ausländische Studierende hatten einen prekären Status, da sie nach dem Studium wieder ausreisen sollten. Gleichzeitig boten ihnen die Strukturen von Universität und Wissen besondere Zugänge und Vorteile für ihre Organisierung – im Gegensatz zu Migrationsbewegungen ohne Studienvisum.
taz: Ihr Vater gründete die Afrikanische Union Hamburg (AUH). Was war der Gedanke dabei?
Akinyosoye: Er wollte das in die eigene Hand nehmen, was der Staat versäumt hat. Die AUH bot Unterstützung in Bildungs- und Berufsmöglichkeiten. Sie hatte entgegen den vielen länderspezifischen Vereinen einen länderübergreifenden Ansatz und wollte die in Hamburg lebenden Afrikaner*innen über die Einteilung kolonisierter Grenzen hinweg vereinen, um eine Community zu schaffen. Das Ziel war, sich politisch zu organisieren, gegenseitig zu unterstützen und zusammenzukommen.
Josephine Akinyosoye
taz: Was sind aktuellere Beispiele für die Selbstorganisierung politischer Bewegungen afrikanischer Menschen in Hamburg?
Akinyosoye: Es gibt viele. Diesen Monat feiert zum Beispiel die Black-History-Month-Initiative in Hamburg ihr 30-jähriges Jubiläum als jährliche Bildungs- und Communityveranstaltung. Darüber hinaus gibt es Gruppen wie die Black Community Coalition For Justice & Self-Defence, die sich unter anderem gegen rassistische Gewalt und Polizeigewalt einsetzen und Gerechtigkeit in Todesfällen, wie jenem im Hamburger UKE 2019 oder dem des 15-jährigen Nelson in der Ottweiler JVA, fordern.
Josephine Akinyosoye, Johannes Tesfai: „Sichtbar werden. Auf den Spuren der Kämpfe linker Afrikaner*innen in Hamburg“, assoziation a, 216 S., 18 Euro, Die beiden Autor*innen lesen im Rahmen des Black History Month am 21.2. um 18:30 Uhr, Fasiathek, Bodenstedtstraße 16, Hamburg
taz: Ihre Recherche für Ihr Buch „Sichtbar werden“ basierte nicht nur auf dem Archiv Ihres Vaters, Sie haben auch mit Zeitzeug*innen gesprochen. Was haben Sie Neues gelernt?
Akinyosoye: Für unser Kapitel über Südafrika und den African National Congress (ANC) haben wir mit Lincoln Marais gesprochen, der als Kader des ANC in Hamburg aktiv war. Über die Aktivitäten des ANC in Hamburg wusste ich vorher nichts und fand es sehr spannend, seine Geschichte und die vieler anderer Vereine zu erfahren.
taz: Was ist Ihnen aufgefallen?
Akinyosoye: Themen wie rassistische Polizeigewalt, Kämpfe der Migration, Kritik an neokolonialen Verhältnissen und das Bemühen um Selbstorganisierung gab es damals wie heute. Und es gab auch schon damals schlaue Auseinandersetzungen, Protestformen und Texte darüber. Oftmals blicken wir auf den Aktivismus in den USA oder in anderen Bereichen der Welt, ohne auf die Idee zu kommen, in der eigenen Stadt nach Inspiration zu suchen.
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