Autor über Quantenmechanik: „Eine irre Idee“
Die Quantenmechanik hat die Wissenschaft durchgeschüttelt. Von den menschlichen Konsequenzen handelt Tobias Hürters Buch „Zeitalter der Unschärfe“.
taz: Herr Hürter, warum wurde vor 100 Jahren so heftig über die Quantenmechanik gestritten?
Tobias Hürter: Wenn man sich die Welt intuitiv vorstellt, denkt man doch: Jeder Gegenstand hat seinen bestimmten Ort. Wenn ich meinen Handschuh nicht finde, gehe ich dennoch davon aus, dass er an einem bestimmten Ort ist. Laut Quantenmechanik, in deren Rahmen die Unschärferelation formuliert wurde, kann der Handschuh aber an zwei Orten zugleich sein. Und ein Ball, der durch die Luft fliegt, kann mehrere Geschwindigkeiten gleichzeitig haben. Der Ort des Handschuhs und der Zustand des Balls sind also unscharf. Das ist die Unschärferelation, das Kernstück der Quantenmechanik. Für die Forscher, die diese Theorie in den 1920ern entwickelten, war dieser Gedanke unerhört. Sie haben sich gewehrt und gesagt: Die Welt kann nicht sein, wie die Theorie sagt, die wir gerade entwickeln. Selbst Albert Einstein, ihr Mitbegründer, hat bis zu seinem Tod versucht, sie zu widerlegen.
Ist Ihr Buch eine Porträtsammlung oder ein physikalisches Erklärstück?
Weder noch. Ich möchte vielmehr zeigen, wie die ForscherInnen – darunter Marie Curie und Lise Meitner – miteinander umgingen. Wie sie gestritten und gerungen haben. Ich will zeigen: Wie kommt so eine großartige, irre Idee in die Welt? Und das in einer Zeit mit Veränderungen auf allen Ebenen. Das Buch beginnt 1895 mit Max Planck im preußisch geprägten Deutschland. Da war die Welt noch „in Ordnung“, moralische und politische Maßstäbe waren klar. Am Ende des Buchs, 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es die Atombombe, die verschiedenen politischen Systeme, neue Lebensformen. Alles war unschärfer geworden.
„Scharf gedachte Unschärfe“, Philosophisches Café mit Tobias Hürter zu seinem Buch „Das Zeitalter der Unschärfe: Die glänzenden und die dunklen Jahre der Physik (1895-1945):, Do, 17. 2., 19 Uhr, Literaturhaus Hamburg
Welche ForscherInnen unterstützten einander, welche bekämpften sich?
Niels Bohr, der auch frühere Formen der Quantenmechanik entwickelt hatte, war eine Vaterfigur für Werner Heisenberg, der später die Unschärferelation formulierte. Bohr hat für seine Schützlinge gesorgt, sie zu sich nach Kopenhagen geholt, ihnen Stellen verschafft. Für eine Gegnerschaft in Freundschaft stehen dagegen Bohr und Einstein. Bohr verteidigte die Quantenmechanik, Einstein griff sie an. Über viele Jahre glaubte Einstein immer wieder, jetzt habe er endlich die Quantenmechanik widerlegt. Und immer wieder hat Bohr die Widerlegung widerlegt.
Apropos Atombombe. War diesen klugen Köpfen klar, wohin ihre Erkenntnisse führen können?
Das ist die dunkle Seite dieser Geschichte, und die wollte ich auch nicht aussparen. Ich glaube, es ist vielen zu spät klar geworden, dass sie sich mit dem Teufel verbündet haben. Heisenberg hat unter den Nazis das deutsche Atomprogramm, das „Uranprojekt“, wesentlich vorangetrieben. Auf der anderen Seite waren die Physiker, die das Manhattan-Projekt – das Atomprojekt der USA – vorangetrieben und die Bombe tatsächlich gebaut haben. Niels Bohr gehörte dazu. Diese Entwicklung hat die Freundschaft zu Heisenberg zerstört.
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