Ausstellungsempfehlung für Berlin: Das Durchhaltevermögen von Glas

Linien, die aus der Rolle tanzen, und mutige Vögel: Die Galerie Schwarz Contemporary zeigt eine neue Einzelausstellung der Künstlerin Monika Goetz.

Ein Gänsegeier aus Glasgranulat der Künstlerin Monika Goetz fliegt an der Wand der Galerie Schwarz Contemporary entlang

Monika Goetz, „imminent“, Ausstellungsansicht Foto: def image; Courtesy SCHWARZ CONTEMPORARY

Eigentlich sind es nur fünf Arbeiten, die Monika Goetz in ihrer Ausstellung „imminent“ bei Schwarz Contemporary präsentiert. Gefühlt sind es mindestens sieben. So großzügig und raumfüllend bewegen sich die Werke aus Glas, Spiegelglas und Glasgranulat, die hier in Form von Wandarbeiten und Rauminstallationen zugegen sind. Die Farben, die die Begegnungen in Goetz' vierter Einzelausstellung in der Galerie begleiten: Grün, Grüngrau und Lichttransparent.

Neben Holz, das diesmal gänzlich abwesend ist, sind Glas und Licht seit vielen Jahren die „Signature-Medien“ von Goetz. Der Anglizismus passt, denn die Künstlerin, die mehrere Jahre in den USA gelebt hat, versteht es, ihren Werken herrlich humorvolle, manchmal im Nachgeschmack äußerst ernste, englische Titel mitzugeben.

„Hanging in there“ heißt zum Beispiel ein Paar aus Glasscheiben, die zersprungen an der Wand zu hängen vermögen. Und zwar äußert fragil an einem Nagel im Zentrum einer sichtlich zerstörerischen Bruchstelle. „Durchalten“ also, ein Zuspruch, der nicht nur in der neuen pandemischen Krise helfen mag. Dass das Leben Vieler auch vor COVID-19 permanent von sozialen und humanitären Krisen- und Überlebenszuständen geprägt war, wird nicht nur in den USA dieses Jahr besonders deutlich. Es ist schwer hier an einer Schaar Tränen aus Glas und Silikon vorbeizulaufen, die den Titel „Weeping Wall“ tragen, ohne an Klagemauern zu denken.

SCHWARZ CONTEMPORARY, Monika Goetz, „imminent“, Mi.–Sa., 12–18 Uhr & nach Vereinbarung, bis 12. 12., Sanderstr. 28

Aber auch der Titel einer weiteren prekären Arbeit, „Line, exhausted“, ist auf der Sachebene wunderbar treffend und als Metapher genauso einschlägig: Allein der Nagel, von dem sich die „Glaslinie“ amorph nach unten herabhängen lässt, ist überfordernd überdimensional. Dass diese Linie sich aber von ihrer Eigenschaft der Geradlinigkeit verabschiedet hat, ist nicht unbedingt nur Zeichen von Erschöpfung, sondern zeugt auch von Widerstand gegen festgeschriebene Rollen und Abgrenzungsfunktionen von/durch Form.

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So trifft es sich am Ende, dass in der Raumarbeit „Displaced“ sogar die Vögel mutig sind. Singvögel fliegen nah an einen Gänsegeier heran. Denn ausgestorben sind die sechs Vogelarten nicht aneinander, sondern durch menschlichen Zugriff auf ihren Lebensraum. Im Gegensatz zu den sorgfältig reparierten Scheiben in „Hanging in there“, ist das Granulat, das die Umrisse der Tiere bildet, nur vorsichtig aufgeschüttet – ein Windschlag nur und sie würden sich auflösen.

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