Ausstellung wider den Eurozentrismus: Zwischen allen Stühlen
Die Hamburger Schau „Mobile Dinge“ sucht das nicht-eurozentrische Museum und bietet ein Sammelsurium aus Kolonial- und Wirtschaftsbezügen.
Wenn man reinkommt ins Museum für Kunst und Gewerbe, versteht man erst mal nichts. Sicher, da sitzt eine riesige Göttinnenstatue aus Mesopotamien – heute Syrien – am Eingang und schaut recht erhaben. Davor steht ein kleines Video, und die Vitrinen drum herum versammeln allerlei nette Dinge vom chinesischen Opiumdöschen über Elfenbeinfiguren bis zum Liebespaar aus Meißner Porzellan.
Einen erkennbaren Kontext bietet die aktuelle Schau „Mobile Dinge“ aber nicht: Was diese Exponate verbindet, wird sich nur im Zuge einer Führung erschließen, ansonsten ist der Besucher auf sich selbst geworfen.
Aber genau dieses Geworfensein in die Welt, die totale Neu-Erfindung des Museums hat Kurator Roger Buergel, Exchef der Documenta 12, gewollt. Er möchte museale Ordnungskriterien – Nation, Epoche, Kunst, Nicht-Kunst – dekonstruieren.
Dies seien eurozentrische, ausgrenzende Kategorien des 19. Jahrhunderts, findet er. Und sucht lieber neue Bezüge und kulturelle Verflechtungen, der modernen Migrationsgesellschaft angemessen. Auch wünscht er weniger Akademismus und mehr Partizipation.
Die Ausstellung "Mobile Welten oder das Museum unserer transkulturellen Gegenwart"ist bis zum 14.10.2018 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen.
Gut zwei Jahre hat Buergel hierfür das Museum durchforstet und Dinge zusammengetragen, die in keine Schublade passen, zwischen Stile und Zeiten geraten, die den stetigen Wandel von Form und Bedeutung illustrieren.
Solche Exponate sind für ihn Vorboten des Museums der Zukunft. Das soll eher anekdotisch und frei assoziierend sein, und so präsentiert sich auch die aktuelle Schau. Einige Dinge illustrieren Wirtschaftsgeschichte – wie der im Iran mit unechten Schriftzeichen gefertigte China-Teller oder die in China produzierte Flasche mit pseudo-arabischer Schrift, beides für den Export gedacht. Nebenbei erzählen die Stücke von Fake-Schrift und Klischees.
Auch das „Indianische Liebespaar“ – wobei „indianisch“ für das Exotische steht – wirkt eher europäisch, bis auf den Papagei auf des Mannes Schulter. Kombiniert wird die Figur mit einem Foto der Brüder Krull – in Brasilien lebende Nachfahren des einstigen Hamburger Kolonialherrn und Plantagenbesitzers Peter Peycke.
Der Link ist ein zeitlicher, denn das idealisierende „Indianer“-Paar entstand, während die Sklaverei voll im Gange war. Höchste Zeit, solch idyllisierende Figürchen weltpolitisch und ideologisch einzuordnen.
Subjektiver Ansatz
Offensiver präsentieren sich die japanischen Kimonos der 1940er-Jahre. Auf ihnen prangen Hakenkreuze, Ausdruck der damaligen japanisch-deutschen Kollaboration. Daneben liegen japanische „Tsuba“-Speerteile, von einem Schüler der Farmsener Erich-Kästner-Schule nach Muster und Alter sortiert. Ein interessantes Experiment, aber kann es zukunftsweisend sein, Kriterien bar jeden Fachwissens zu erstellen?
Andere Schüler haben ihr Lieblingsstück aus dem Museum mit Gegenständen von zu Hause kombiniert, etwa einen Porzellanhund oder eine Rohstoffliste des Computerspiels Minecraft. Ein sehr subjektiver Ansatz, der nicht zu passen scheint in eine Welt explodierenden Wissens, das auch eine transkulturelle Gesellschaft braucht.
Aber Wissen, sagt Buergel, sei nicht so wichtig – um im nächsten Satz eine hoch akademische Erklärung zu bieten. In der basisdemokratisch organisierten nordsyrischen Region Rojava etwa, aus der die riesige Göttinenfigur stammt, muss jeder Politiker eine weibliche Kovorsitzende haben, „ein interessantes Gesellschaftsexperiment“., sagt Buergel.
Jetzt versteht man, dass das Video am Fuß der Göttin Frauen aus der Region zeigt. Nun begreift man den Film, in dem eine Frau aus Rojava nach der Flucht vor dem IS ihren Niqab abwirft.
Oppenheim stahl die Göttin
Nicht zu vergessen die koloniale Herkunft der heute in Berlin bewahrten Göttinnenskulptur. Die hat der Diplomat Max von Oppenheim bei Erkundungen für den Bau der Bagdadbahn um 1929 mitgenommen. Eine Ausstellung Rayyane Tabets im Hamburger Kunstverein vor zwei Monaten verarbeitete diesen Stoff intensiv.
Buergels Schau erzählt zudem die Geschichte der St. Galler Lochstickereien, die Schweizer Kolonialherrn nach Brasilien brachten. Dort trägt man sie bis heute bei Candomblé-Ritualen. Stickereien der Künstlerin Denise Bertschi im Museum erinnern an die St. Galler Vorbilder – und an löchrige, zerfallende Kolonialismus-Dokumente.
Kolonialrouten umzukehren ist dagegen Ziel der Installation der „African Terminal Transaction“ im Zentrum der Schau. Neu-Hamburger und Kulturschaffende werben hier für einen neuen Seehandel zwischen Hamburg und Westafrika um Sachspenden. Die wollen sie zugunsten der Neu-Hamburger nach Gambia verkaufen. Angesichts der interessanten, aber recht beliebigen Schau ist dieses Projekt am überzeugendsten.
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