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Außen bürgerlich, innen radikal

Zum 40-jährigen Bestehen der neurechten „Jungen Freiheit“ zeigt sich, wo das Projekt aktuell steht: zwischen politischem Kulturkampf, Angriffen auf Feminismus und strategischer Radikalisierung

Hinter dem Chefredakteur der „JF“ hängt ein Bild des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 2017 Foto: Gregor Fischer/dpa/picture alliance

Von Andreas Speit

Auf Veranstaltungen der AfD tritt Dieter Stein bemüht seriös auf. Der Chefredakteur und Geschäftsführer der Jungen Freiheit (JF) vermeidet schrille Töne. Die Anfeindung „der Presse“ aus seinem Milieu als „Lügenpresse“ findet er kaum angebracht. Das „Ende juristischer Diskriminierung Homosexueller“ begrüßt Stein, das Hissen der „Regenbogenflagge“ an staatlichen Gebäuden allerdings nicht. Die Flagge sei ein „Banner eines linken Kulturkampfs“ gegen die „traditionelle Ordnung“, schreibt der 58-Jährige im Leitkommentar am 22. Mai in seiner Zeitung. Moderat radikal. In den kommenden Tagen feiert Stein das 40. Jubiläum der Wochenzeitung.

Am 5. Juni erscheint zur Feier eine Sondernummer. Die „größte JF aller Zeiten“, so die Redaktion, die über 20 Personen umfasst. 100.000 Exemplare wollen sie drucken lassen und 70.000 Stück an „politisch konservativ gesinnte Bürger“ senden. Ein Spendenerfolg der „Abonnenten“ machte die Aktion möglich. Der Erfolg der JF dürfte mit den Erfolgen der AfD korrespondieren.

Die vermeintliche Alternative begleitet die JF mit Sitz in Berlin von Anbeginn solidarisch. Exklusive Interviews mit Parteigranden werden extra beworben. Am 6. Mai versicherte der AfD-Bundestagsfraktions- und Bundessprecher Tino Chrupalla im Falle einer Minderheitsregierung der Union, „gutgemeinte Politik zu unterstützen“. Ulrich Claub suggeriert in der JF am 22. Mai, dass „die steigenden Umfragewerte für die Blauen“ ein Miteinander mit den Schwarzen nahelegen. Werner Patzelt verkündet die Botschaft seit Jahren: Die CDU muss sich aus der Klammer von SPD und Grünen befreien. Nieder mit der Brandmauer, die die Union einmauern würde, so der emeritierte Politikprofessor, der auch mal Forschungsdirektor der Viktor Orbán nahestehenden Denkfabrik Mathias Corvinus Collegium war.

Kritik an der AfD formuliert die JF aber auch. Stets dann, wenn sie befürchtet, ein radikales Agieren könnte Wahlerfolge gefährden. Karlheinz Weißmann warnte schon 2018, dass „die AfD“ sich selbst „in die Bredouille“ bringe, wenn sie die „Verfassungsordnung selbst infrage“ stelle. Ein Name und eine Anspielung auf zwei Gefährder der „Volkspartei neuen Typs“ folgten: Björn Höcke, AfD-Landtagsfraktionsvorsitzender in Erfurt, und Götz Kubitschek, Gründer des ehemaligen Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda.

Dem „Mann aus Schnellroda“ attestierte Weißmann, der das IfS mitgründete, in der JF, „eigentlich kein politischer Kopf“ zu sein und „Literatur mit Staatslehre und Ästhetik mit Politik“ zu verwechseln. Die Anfeindung überblendet die frühere Nähe: Stein, Weißmann und Kubi­tschek kommen aus der völkisch ausgerichteten Deutschen Gildenschaft.

In Freiburg im Breisgau war die JF zunächst als Organ für die Jugendorganisation „Freiheitliche Volkspartei“ gegründet worden. Mit Dieter Stein wuchs die Zeitung, die Studierende und Burschenschaftler ansprechen wollte, die JF erschien ab 1991 zunächst als Monatszeitung und ab 1994 als Wochenzeitung – verkaufte Auflage 26.298 Exemplare. Sie avancierte zur „zentralen Publikation der radikalen Rechten“, sagt Helmut Kellershohn der taz.

Der Rechtsextremismusexperte am Duisburger Institut für Staatspolitik hat verschiedenste Studien zur JF und deren „neurechten“ Milieu herausgegeben. Diese Entwicklung, sagt Kellershohn, wäre ohne Großspenden nicht möglich gewesen. Die Strategie dieser extremen Rechten sei es, im vorpolitischen Raum Diskurse zu beeinflussen sowie Argumentationen und Termini neu zu deuten oder umzudeuten, so Kellershohn. Ein Missverständnis in der politischen Debatte: der politische Raum des Parlaments wurde gerade in der JF stets mitgedacht. Heute sei die JF das „inoffizielle Sprachrohr“ der AfD. Sie böte der Partei ein Forum für Richtungsstreit und Positionierungsfindung. Doch immer ganz Weißmann folgend, der als der Spiritus Rector der JF gilt, radikale Positionierungen relativierend.

Auch erinnerte die JF mal mit dem Werbeslogan „Jedes Abo eine konservative Revolution“ an die Konservative Revolution. Dieser Herrenclub vor und zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg einte die radikale Ablehnung der Demokratie und des Parlamentarismus sowie des Liberalismus und der Emanzipation. Mit ihren Positionen griffen damals Ernst Jünger, Oswald Spengler, Carl Schmitt und Co aufkommende Demokratisierungen in Deutschland an, um Volk und Vaterland, Kultur und Tradition, Familie und Privateigentum zu bewahren. Das JF-Milieu greife stets auf diese ideologische Tradition zurück, betont Kellershohn.

„Die JF hat letztlich keinen eigenen originären Gedanken“, sagt auch Johanna Sigl, Professorin an der Hochschule Rhein-Main. Das „Flaggschiff“ fahre nicht bloß historisch, sondern auch aktuell nur im extrem-rechten Fahrwasser, betont Sigl, sowohl bei ihrem Gejammer über „Cancel-Cultur“ als auch bei „Gender-Wahnsinn“. Die JF orchestriere aber die Debatten von Volks- bis Lebensschutz. Titelthema der Wochenzeitung am 15. Mai dieses Jahres: Was trennt Mann und Frau?

Im Titeltext beklagt Zita Tipold, dass das „Geschlechterproblem“ zur ausbleibenden Familiengründung und stetigen Geburtensenkung führe. Layouttechnisch hervorgehoben: „Frauen brauchen heute oftmals keine Versorger mehr!“ Die ausgemachte Ursache formuliert Maximillian Pütz im Interview noch deutlicher: Der Feminismus „sollte als Geisteskrankheit anerkannt werden“, so der Männerrechtler von Casanova Coaching. In ihrem Essay führt Tipold weiter aus, dass auch die „Bildungsexpansion“ die Familienbildung torpediere. Mit Verweis auf einen Wegbereiter des Nationalsozialismus, Oswald Spengler, beschwört die Redakteurin das „organische Geflecht“ von Mann und Frau als „Sinn“ – traditionell und biologistisch gedacht. Spengler eröffnet aber auch eine weitere, rassistische Intention. In dem Spengler-Zitat aus „Jahre der Entscheidung“ von 1933 heißt es weiter, dass der Verlust des Sinns den „Verfall der weißen Rasse“ sowie das Erstarken der „farbigen Rassen“ bedeute. Ihre Abgötter möchten die JF-Apologeten stets von der kulturellen Verantwortung der Verbrechen des Nationalsozialismus reinwaschen.

Die ,JF‘ hat letztlich keinen eigenen originären Gedanken

Johanna Sigl, Professorin an der Hochschule Rhein Main

Die Selbstfindung zu einer „Selbstbewussten Nation“ gefährde ebenso das bundesdeutsche Geschichts- und Erinnerungsbild. Den Holocaust leugnet die JF nicht. Bereits 2009 gab Thorsten Hinz jedoch die Linie vor. Unter dem Titel „Holocaustreligion“ legte er dar, dass Auschwitz zur „Zivilreligion werde. Der Holocaust würde so dem „Wissenschaftsbetrieb entzogen, seiner Konkretheit und seines Kontextes entkleidet“. Die wissenschaftlichen Debatten scheint Hinz auszublenden, er überblendet stattdessen mit der rhetorischen Revolte, dass jeder andere Glauben nun wohl ein „Irrglauben“ sei.

Dieser Sound der vermeintlichen Instrumentalisierung des Holocausts schwirrt auch bei Compact und Nius. Wo sich die JF zu den neueren rechten Medien, auch zu Apollo News verortet, lässt die Redaktion auf Anfrage der taz unbeantwortet. Sie scheut sich aber nicht, wenn ihr nahestehende Personen medial hinterfragt werden, die Kritik abzufangen, indem sie auf „Antifa“-Verstrickungen verweist. Die JF veröffentlichte auch mal ein Statement eines AfD-Politikers, nachdem taz und NDR ihn zuvor mit seinen menschenverachtenden Aussagen in Chats konfrontiert hatten. Auf die erste Anfrage hatte der später zurückgetretene Landtagsfraktionsvize nicht reagiert.

Die Redaktion wollte ebenso nicht beantworten, in welcher Alterskohorte sie die meisten Le­se­r:in­nen hat. Eine ältere Erhebung der Redaktion zeigte auf, dass 60 Prozent der Lesenden einen Hochschulabschluss haben und 27 Prozent über ein Nettoeinkommen von über „4.001 Euro“ verfügen. Nach eigenen Angaben machten die Online-Abos einen „Sprung um 20,8 Prozent auf 8.298“. Bis 2027 will die JF „1 Million Euro“ in den Ausbau der Online-Redaktion investieren. Um eine „starke oppositionelle konservative Stimme“ zu sein, so Stein auf der JF-Website. Zeit und Interesse für ein Gespräch mit der taz hatte er nicht. Die Grenzen sind markiert.

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