Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Danke, Weimer!
Der Bremer Golden Shop wurde vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen. Zwei Tage in einem Buchladen, der sich wehrt – und dafür viel Solidarität erfährt.
E ine ältere Frau betritt den Golden Shop. „Ich wollte mal gucken, wie so ein linksextremer Buchladen aussieht“ sagt sie. Sie ist die erste Kundin an diesem Donnerstagvormittag; seit zwei Tagen ist klar, dass der kleine Golden Shop in Bremen den Kulturstaatsminister in Berlin beschäftigt: Am Dienstag hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Wolfram Weimer drei der ursprünglich 118 ausgezeichneten Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreises ausgeschlossen hat – weil es „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen sie geben soll.
Der Golden Shop ist eine dieser drei Buchhandlungen. Ein 24 Quadratmeter kleiner Raum, Holzdielen, vollgestapelte Büchertische. Wer die knarzende Treppe hochgeht, kommt in einen weiteren, genauso kleinen Raum mit Platten, Graphic Novels, Zines, aber so weit kommt die ältere Kundin heute gar nicht. Sie wird schon unten fündig, kauft ein Buch von Marc-Uwe Kling und geht wieder.
Ausma Zvidrina, die Inhaberin des Golden Shop, telefoniert. Das Telefon hört seit gestern gar nicht mehr auf zu klingeln. Um sie herum türmen sich ungeöffnete Pakete, neben einem Stapel Notizzettel stehen Blumen. Die Zettel sind von Menschen, die irgendwas von ihr wollen, Zvidrina musste sie vertrösten. Die Blumen sind von einem Kunden.
Zvidrina hat heute auch schon Kuchen bekommen und 700 neue Follower*innen auf Instagram. Verlage haben angeboten, ihr Bücher umsonst zu schicken, mehrere Autor*innen haben solidarische Lesungen angekündigt. Sie hat eine Spendendose aufgestellt, für die Anwaltskosten: Die drei linken Buchläden, der Golden Shop, die Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) wollen gegen die Entscheidung aus dem Kulturministerium klagen.
Bücher kaufen aus Solidarität
In dem kleinen Laden drängen sich mittlerweile zwölf Menschen. Zvidrinas einziger Kollege ist krank. „Wir sind nur zu zweit. Immerhin können sie uns keine kriminelle Vereinigung anhängen.“ Ein junger Mann kommt mit einem Bildband in der Hand: „Das kauf ich nur aus Trotz.“ „Das ist ein gutes Buch“, sagt Zvidrina, „das darfst du auch einfach so kaufen.“
Eigentlich liebt Zvidrina Gespräche über Bücher. Sie ist schließlich Buchhändlerin geworden, weil sie „etwas Sinnvolles“ machen wollte. Doch momentan wollen die wenigsten Kund*innen über Bücher sprechen. „Ich weiß nicht, wie oft ich heute das Wort ‚Radikalenerlass‘ gehört habe“, sagt Zvidrina. Aber sie findet es gut, dass sich Menschen empören. Bücher und Politik, das waren nie getrennte Dinge, sagt sie.
Vor dem Haus bauen Journalist*innen ihre Kameras auf, Zvidrina hatte sie am Telefon abgewimmelt, sie sind trotzdem gekommen. Auf der (natürlich) goldenen Fassade des Golden Shop stehen in schwarzer Schrift politische Slogans. „Deutschland verrecke bitte“, zum Beispiel, oder „Heimat ist Aufruf zum Mord“.
Laut eines Beitrags des Regionalmagazins buten und binnen von Radio Bremen sollen es unter anderem diese Parolen sein, die dem Verfassungsschutz „Bezüge zur linksextremistischen Szene“ lieferten. Auf Nachfrage der taz wollte der Verfassungsschutz dies weder bestätigen noch dementieren. Auch einige Verlinkungen auf der Website des Golden Shop sollen „verfassungsschutzrelevant“ sein. Man findet dort unter anderem Links auf veraltete antifaschistische Blogs, auf Veranstaltungsräume und eine Hundeschule.
Die Kriminalisierung des Golden Shop als „linksextrem“ passiert zu einem Zeitpunkt, zu dem in Bremen nicht nur der Verfassungsschutz, sondern auch ein Großteil der lokalen Medien- und Parteienlandschaft fast täglich vermeintliche „Linksextremist*innen“ angreifen. Zuletzt forderte die CDU, einem Kulturzentrum die Förderung zu entziehen, weil dort 2024 eine Veranstaltung der Roten Hilfe stattgefunden hatte.
Zvidrina wird in diesen Tagen öfter gefragt, was an ihr, ihrer Arbeit oder dem Golden Shop „linksextrem“ sein könnte. Die falsche Frage, findet sie, „aber ich kann nicht irgendwelchen Journalist*innen in 30 Sekunden erklären, warum der Begriff ‚linksextrem‘ bescheuert ist“. Sie hat ein paar Bücher zu dem Thema: „Extrem unbrauchbar“ zum Beispiel, 2020 im Verbrecher Verlag erschienen.
Auch auf der anderen Straßenseite, im Buchladen Ostertor, ist man empört. „Das ist Kulturkampf von rechts“, findet dort Buchhändlerin Tatjana Vogel. Viele Buchläden, aber auch Verlagsvertreter*innen und Autor*innen haben sich bereits solidarisch gezeigt. Die Haller Buchhandlung „heiter bis wolkig“ hat zum Beispiel vorgeschlagen, das Preisgeld zu teilen: Wenn jede der 115 ausgezeichneten Buchhandlungen 210 Euro von ihrem Preisgeld abgeben würde, könnte man den drei Buchhandlungen die jeweils 7.000 Euro Preisgeld auszahlen.
Zvidrina freut sich sehr über die Solidarität: „Wie scheiße wäre es, wenn wir jetzt alleine wären“. Aber: „Scheiß auf die 7.000 Euro. Wir waren noch nie von Staatsknete abhängig. Es geht hier doch um etwas viel Größeres! Um Kunst-, um Kulturfreiheit!“ Es ist kurz nach Feierabend, zwei ehemalige Kolleg*innen bringen ihr alkoholfreies Bier vorbei, Zvidrina fällt auf, dass sie heute noch nichts getrunken hat. Sie schließt die Kasse, guckt auf den Tagesumsatz: „Weihnachtsgeschäft“.
Eine Klage für alle
Freitagvormittag. Die Paketstapel sind größer geworden, die Anzahl der unbearbeiteten Mails auch, 2.000 neue Follower*innen auf Instagram. Zvidrina ist nicht mehr allein im Laden, ihre Familie sitzt auf dem Boden und sortiert Bücher.
Mittlerweile hat sich eine kleine Unterstützungsgruppe gegründet, es gibt die Idee, ein Literaturfestival auf die Beine zu stellen, oder ein paar Konzerte, um die Anwaltskosten zu zahlen. Schließlich ist die eingereichte Klage eigentlich eine Klage für den gesamten Kulturbetrieb. Oder für die gesamte linke Szene, je nachdem wen man fragt. Eine Homepage wurde schon erstellt, auf der man für die Anwaltskosten der drei Buchläden spenden kann.
Im Fünf-Minuten-Takt kommen Bestellungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum rein, in einem ähnlichen Rhythmus die Kund*innen. „Danke, Weimer“, heißt es immer wieder, irgendwie ist es der Slogan dieser Soli-Aktionen geworden. „Nur Bovenschulte könnte noch vorbeikommen und die neue Kim-Gordon-Platte kaufen“, sagt Zvidrina über den Bremer Bürgermeister. Als sie 2022 den Bremer Buchhandelspreis gewonnen hatte, habe Andreas Bovenschulte zu ihr gesagt: „Wer mit Sonic-Youth-Shirt zur Preisverleihung kommt, kann ein so schlechter Mensch nicht sein.“
Freitagabend, 22:30 Uhr. Draußen füllen sich die Kneipen. In dem Club „para“ bekommt man gegen Vorlage eines Golden-Shop-Gutscheins freien Eintritt. Zvidrina und zwei Freunde legen eine Nachtschicht ein. Endlich können sie anfangen, die unbeantworteten Mails und Bestellungen zu bearbeiten. Die Regale sind leer, die Spendendose voll. An der Wand hängt seit ein paar Stunden eine gerahmte Urkunde: „für die beste vom Verfassungsschutz beobachtete Buchhandlung“.
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