Ein Mann trägt auf seinen Schultern Eimer gefüllt mit Pfirsichen vor Baracken

Foto: Paulina Eichhorn

Ausbeutung in der Landwirtschaft:Das kaputte Zertifikat

Wird unser Obst und Gemüse unter guten Arbeitsbedingungen geerntet? Ja, sagen die Supermärkte. taz-Recherchen zeigen ein anderes Bild.

27.2.2021, 16:57  Uhr

Fünf verdreckte Toiletten für rund zweihundert Menschen. Überfüllte Bungalows, keine Dusche, mitten in der Pandemie. Unter diesen Bedingungen leben Männer und Frauen, die in Südfrankreich Aprikosen, Nektarinen und Pfirsiche ernten. Obst, das in den Einkaufswagen deutscher Verbraucher landet. Sie gehen davon aus, dass die Supermärkte, in denen sie einkaufen, angemessene Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten garantieren.

Verlierer sind Arbeiter und Arbeiterinnen, wie jene, die in den überfüllten Bungalows des Unternehmens Earl Racamier wohnen müssen. Mitte August vergangenen Jahres hat die taz die Farm in Südfrankreich besucht. Mitten in der Pandemie herrschen hier katastrophale sanitäre Zustände. Zeitweise gibt es gar kein fließendes Wasser.

Bereits Anfang Mai hatte die Präfektur Bouches-du-Rhône deshalb vier der Bungalows geschlossen. Die meisten, die dort leben, kommen aus Marokko, Westafrika oder Lateinamerika. Angestellt sind sie über die spanische Leiharbeitsfirma Terra Fecundis.

Eine Frau aus Paraguay sagt der taz, sie sei nach einer Nacht abgereist. Die Wohn- und Arbeitsverhältnisse hätten ihr Angst gemacht. „Meine Matratze war voller Urin, Blutflecken und Fäkalien. Ich musste sie desinfizieren und drei Bettlaken darüberlegen, um darauf zu schlafen.“

Wie verlässlich ist das Zertifikat?

Earl Racamier exportiert nach eigenen Angaben 30 Prozent seiner Pfirsiche, Äpfel, Nektarinen und Aprikosen nach Deutschland, Belgien und in die Schweiz. In der Regel ahnen die Käu­fe­r*in­nen nicht, was für Zustände auf der Plantage herrschen, denn das Unternehmen stützt sich auf einen gewichtigen Fürsprecher: Global G.A.P. – den nach eigenen Angaben weltgrößten Zertifizierer von Lebensmitteln und Aquakultur. G.A.P., das steht für Good Agricultural Practice.

Eine Arbeiterin aus Paraguay

„Meine Matratze war voller Urin, Blut und Fäkalien. Ich musste drei Bettlaken darüberlegen“

Seit mehreren Jahren recherchieren wir zu Arbeitsausbeutung in der spanischen und französischen Landwirtschaft. Es geht, wie bei Earl Racamier, häufig um menschenunwürdige Unterbringung, aber auch um Unterlaufen des Mindestlohns, um fehlende Coronaschutzmaßnahmen für Ernte­hel­ferinnen, körperliche Misshandlung und sexuelle Belästigung.

Immer wenn wir Supermärkte mit Zuständen konfrontieren, die auf den Feldern ihrer Lieferanten herrschen, bekommen wir ähnlich lautende Antworten: Man nehme die Vorwürfe sehr ernst, wolle aber hinzufügen, dass alle Produzenten zertifiziert seien – durch Global G.A.P. Aber wie verlässlich ist das Zertifikat?

Die taz hat ein halbes Dutzend Vorfälle recherchiert, in denen teils schwerwiegende Vorwürfe gegen Produzenten in Frankreich und Spanien im Raum standen oder die sich bereits in Gerichtsverfahren befanden, während sie weiter durch Global G.A.P. zertifiziert wurden.

Global G.A.P. schreibt auf Anfrage, dass man jede Missachtung der Arbeitnehmerrechte und grundsätzlich jeden sozialen Missbrauch aufs Schärfste verurteile. „Gleichzeitig müssen wir hervorheben, dass es sich bei den meisten von Ihnen genannten Vorfällen um kriminelle Handlungen handelt, die außerhalb des Anwendungsbereichs aller Zertifizierungssysteme liegen“, so eine Sprecherin des Global-G.A.P.-Sekretariats. Auf Fragen zu konkreten Fällen, wie dem von Earl Racamier, geht das Unternehmen nicht ein.

Logo des taz-Auslandsrecherchefonds, der den Text finanziert hat
Eines der größten Lebensmittelsiegel der Welt

Anders als Fairtrade oder Rainforest Alliance ist Global G.A.P. kein Siegel, das sich an den Endverbraucher richtet. Auf den Aprikosen oder der Schachtel Erdbeeren, die man im Supermarkt in seinen Wagen legt, findet sich kein erkennbares Logo. Alle Global-G.A.P.-zertifizierten Produkte tragen allerdings eine Nummer – meist ist sie neben dem Barcode aufgedruckt. Wer die Nummer in die Datenbank von Global G.A.P. eingibt, kann nachvollziehen, von welchem Produzenten das Gemüse oder Obst stammt.

Dies ist ein Text aus der taz am Wochenende. Jeden Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Während manche Siegel staatlich sind, wie etwa das EU-Bio-Siegel, ist Global G.A.P. ein privates Unternehmen, das auf eine Initiative europäischer Supermarktketten aus dem Jahr 1997 zurückgeht. Der Fehler ist also von Beginn an angelegt: Die Supermärkte kontrollieren sich quasi selbst. Heute ist Global G.A.P. eines der größten Lebensmittelsiegel der Welt und zertifiziert Betriebe im Bereich Nutzpflanzen, Viehzucht und Aquakultur. Sein Sitz liegt in Köln, aber das Unternehmen ist nach eigenen Angaben in mehr als 135 Ländern vertreten. Dabei arbeitet es mit sogenannten Zertifizierungsstellen zusammen, eigenständigen Unternehmen, die für Global G.A.P. vor Ort Kontrollen durchführen.

Möchte ein Betrieb zertifiziert werden, zahlt er dafür Geld, etwas mehr als 1.500 Euro im Jahr. Während das Label ursprünglich gegründet wurde, um Standards zu Fragen der Hygiene, Rückverfolgbarkeit und Umweltverträglichkeit zu garantieren, soll es heute auch die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter gewährleisten. Diese Bewertung ist seit Oktober 2020 verpflichtend und nennt sich „Global G.A.P. Risk Assessment on Social Practices“, kurz GRASP.

Eine Feldarbeiterin mit Kopftuch legt schützende die Arme vor scih in sitzender Haltung

Foto: Paulina Eichhorn

Todesursache: Dehydrierung

An einem heißen Tag im Juli 2011 bricht der 32-jährige Elio Maldonado in einem Gewächshaus auf der Plantage SARL Les Sources zusammen. Viele Stunden soll der Ecuadorianer Melonen geerntet haben – ohne etwas trinken zu dürfen. Die Verantwortlichen sollen keinen Rettungswagen gerufen, sondern ihn erst nach eineinhalb Stunden ins Krankenhaus gefahren haben. Dort stirbt er. Todesursache: Dehydrierung. Die Familie von Elio Maldonado klagt. Das Gerichtsverfahren zieht sich über unglaubliche neun Jahre hin. Im Mai 2020 endet es mit einem Freispruch für den Manager von SARL Les Sources, Julian P. Die Familie geht in Berufung. Doch es bleiben nicht die letzten Ermittlungen gegen den Landwirt.

Der taz liegt ein Dokument der Polizei in Saint-Rémy-de-Provence vor, aus dem hervorgeht, dass Julian P. und seine Frau die berüchtigte Zeitarbeitsfirma Terra Fecundis mitgegründet haben, auf die wir bereits im Fall von Earl Racamier gestoßen sind. Auch der verstorbene Elio Maldonado war über Terra Fecundis angestellt. Die spanische Firma schickt jedes Jahr rund 2.000 Ar­beits­mi­gran­t*in­nen zur Erntesaison auf französische Felder. Weil sie diese in Spanien registriert, muss sie ihnen weniger zahlen. Wie Sklaven seien sie behandelt worden, sagt ein Arbeiter dem Fernsehsender France 2.

Seit 2010 steht die Firma bereits unter Beobachtung der Behörden: Terra Fecundis soll den französischen Staat um 112 Millionen Euro Sozialversicherungsbeiträge betrogen und illegal Leiharbeiter weitervermittelt haben. Das wäre der größte bekannte Fall von Sozialbetrug in Frankreich. Aus dem Dokument, das der taz vorliegt, geht hervor, dass nun gegen Julian P. und seine Frau unter anderem wegen bandenmäßigen Sozialbetrugs ermittelt wird. Im November 2020 sollte das Gerichtsverfahren endlich beginnen, nun wurde es erneut auf Mai 2021 verschoben.

Global G.A.P. stellt SARL Les Sources, dem anderen Unternehmen von Julian P., Ende September 2020 trotzdem erneut ein Zertifikat aus. Laut diesem darf es seinen Endiviensalat in alle EU-Länder exportieren. Auch wenn es noch kein Gerichtsurteil gegen Julian P. gibt, stellt sich die Frage, ob die Zertifizierung eines Produzenten, gegen den strafrechtliche Vorwürfe von solcher Erheblichkeit im Raum stehen, nicht zumindest ausgesetzt werden sollte.

Eine Hand mit lackierten Nägeln hält eine Pfirsich über einem prall gefüllten Obe- und Gemüsekorb

Foto: Paulina Eichhorn

Was bringt das neue Lieferkettengesetz?

Global G.A.P. geht in der Antwort auf unsere Anfrage nicht auf den Fall SARL Les Sources ein, sondern schickt uns Auszüge aus dem allgemeinen Regelwerk. Dort heißt es: „Eine Suspendierung mit sofortiger Wirkung erfolgt, wenn eine ernsthafte Gefährdung für die Sicherheit von Arbeitnehmern, Umwelt, Verbrauchern und/oder für die Produktintegrität besteht.“

Warum der Tod eines Arbeiters sowie mehrfache strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Produzenten nicht dazu führen, dass ein solcher Prozess ausgelöst wird, beantwortet Global G.A.P. nicht.

Dass Produzenten ein Zertifikat erhalten, obwohl möglicherweise Verstöße gegen Menschenrechte vorliegen, sei keine Seltenheit, sagt Sandra Dusch von der Christlichen Initiative Romero (CIR). CIR unterstützt die Initiative zum Lieferkettengesetz.

Anfang Februar wurde ein erster Entwurf für das Gesetz öffentlich. Demnach sollen deutsche Unternehmen grundsätzlich verpflichtet werden, entlang ihrer Lieferkette die Einhaltung von Umweltstandards und Menschenrechten zu gewährleisten. Auch Bußgelder sind vorgesehen. Doch es ist fraglich, ob man Supermarktketten nachweisen kann, dass sie von Menschenrechtsverletzungen wussten, zumal, wenn sie auf Zertifikate wie Global G.A.P. verweisen können.

CIR hat Zertifikate und Siegel aus der Lebensmittel- und Textilbranche untersucht und geprüft, inwiefern sie die Arbeitsbedingungen vor Ort verbessern. Dabei schnitt Global G.A.P. schlecht ab.

Andere Siegel machen es besser

Die sozialen und ökologischen Kriterien seien unzureichend, befindet die NGO. „Existenzsichernde Löhne und eine faire Beschaffungspolitik werden nicht gefordert, lokale Ak­teu­r*in­nen nicht hinreichend einbezogen“, so die Begründung. Den Unternehmen werde die Einhaltung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht empfohlen, aber die Umsetzung nicht systematisch geprüft.

Es sei ein sich selbst genügendes System, das nicht mit anderen Informationsquellen verknüpft sei, sagt Sandra Dusch. Mit anderen Worten: Wird über Vorwürfe gegen einen Produzenten in einem Zeitungsbericht über eine gewerkschaftliche Pressemitteilung berichtet, erreicht diese Information den Zertifizierer gar nicht. Auch eine Frage wie: „Gab es in den letzten Jahren oder Monaten ein Strafverfahren?“, sei möglicherweise nicht Teil der Überprüfungen von Global G.A.P.

Andere Siegel zeigen, dass es besser geht. Das Siegel der World Fair Trade Organisation (WFTO) etwa hat ein Meldesystem, in dem alle zertifizierten Mitglieder sowie Interessengruppen und auch Journalisten oder Journalistinnen Probleme benennen oder Bedenken bezüglich eines WFTO-Mitglieds anmelden können.

„Kriminelle Handlungen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Strafverfolgungsbehörden“, verteidigt sich Global G.A.P. in seiner Stellungnahme. Und natürlich ist das richtig. Ein Lebensmittelzertifizierer ist nicht die Polizei. Doch ein Blick in das Regelwerk zeigt, dass Global G.A.P. die lokalen Kontrollstellen nicht einmal verpflichtet, Vorfälle zu melden, wenn Produzenten gegen Gesetze verstoßen.

Keine Verpflichtung, Verstöße zu melden

In dem Dokument heißt es: „Die CB [Zertifizierungsstelle] kann schwerwiegende Betrugsfälle oder Verstöße gegen gesetzliche Anforderungen sowie Verbrechen den zuständigen lokalen/nationalen Behörden melden.“ Verpflichtet ist sie dazu nicht.

Der taz liegt auch die Checkliste vor, anhand derer vor Ort die Farmen und Plantagen überprüft werden. Eine Frage nach laufenden Strafverfahren gegen den Produzenten findet sich darin tatsächlich nicht. Ebenso fehlen direkte Fragen bezüglich der Unterbringung von Arbeitern oder der sanitären Ausstattung der Unterkünfte.

Und so kommt es dazu, dass deutsche Supermärkte teilweise offenbar nicht wissen, dass sie von problematischen Lieferanten Obst beziehen.

Äpfel und Birnen

Im Jahr 2017 begann vor dem Arbeitsgericht in Arles ein Verfahren gegen das Unternehmen Coccolo, die spanische Leiharbeitsfirma Laboral Terra, sowie weitere französische Unternehmen. Laboral Terra war eine der wichtigsten spanischen Leiharbeitsfirmen in der französischen Landwirtschaft.

Die Klage eingereicht hatten fünf marokkanische und spanische Arbeiter*innen. Sie warfen Laboral Terra sowie den landwirtschaftlichen Betrieben, mit denen die Firma zusammengearbeitet hatte, unter anderem illegale Leiharbeit, betrügerischen Gehaltsabzug und Geldwäsche vor. Außerdem sollen sie Überstunden und Urlaub nicht bezahlt und Arbeitsunfälle nicht gemeldet haben.

Sprecher Aldi Nord

„Daher führen wir risikoorientiert eigene Produzenten-Assessments durch“

Das Verfahren zog sich über drei Jahre hin. In all diesen Jahren erhielt Coccolo, eines der angeklagten Unternehmen, jedes Jahr wieder ein Global-G.A.P.-Zertifikat. Für Coccolo war 2019 und 2020 in der Datenbank auch eine GRASP-Evaluierung verfügbar, also zu den Gesundheits- und Sozialstandards für Arbeiter*innen, mit dem Vermerk „fully compliant“ – „vollständig konform“.

Im September 2020 verurteilte das Arbeitsgericht in Arles Laboral Terra und acht weitere Unternehmen, darunter Coccolo, unter anderem wegen Unterlaufens des Mindestlohns und betrügerischen Lohnabzugs zu Strafzahlungen. Das Urteil liegt der taz vor.

Aldi Nord gab auf Anfrage der taz an, in den vergangenen Jahren vereinzelt Produkte von Coccolo bezogen zu haben. Vermutlich Äpfel oder Birnen, denn die baut das Unternehmen an. „Wir werden Global G.A.P. bitten, die von Ihnen geschilderten Verstöße weiter zu untersuchen“, so ein Sprecher.

Auslisten und boykottieren?

Man sei sich der Herausforderungen bei dem Anbau von Obst und Gemüse bewusst. „Daher führen wir risikoorientiert eigene Produzenten-Assessments und Besuche in den für uns relevanten Herkunftsländern durch“, so Aldi. Was genau das bedeutet, wie viele solcher Besuche durchgeführt werden und anhand welcher Kriterien die besuchten Produzenten ausgesucht werden, teilt Aldi nicht mit.

Auch REWE gibt an, saisonal Äpfel und Birnen von Coccolo zu beziehen. Der Lieferant habe aber bestätigt, seit 2017 nicht mehr mit der Leiharbeitsfirma Laboral Terra zusammenzuarbeiten. „Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir belegte Verstöße gegen Landesgesetze, ILO-Normen und Mindestlöhne bei Lieferanten nicht tolerieren und diese bei Nachweis sanktionieren – bis hin zur Auslistung“, so eine REWE-Sprecherin. ILO ist die Organisation der Vereinten Nationen, die für Arbeitsrecht zuständig ist.

Auf den erneuten Hinweis der taz, dass das im Herbst 2020 ergangene Urteil sich gegen Coccolo direkt richtet, ging REWE nicht ein.

Auslistung als letzte und härteste Maßnahme ist laut Sandra Dusch von der Christlichen Initiative Romero nicht hilfreich. Das sogenannte „cut and run“ trage nicht zur Verbesserung vor Ort bei und sei nur für die Unternehmen in Deutschland angenehmer: „Dann können sie sagen: Da gab’s ein Problem und wir sind direkt rausgegangen.“ Als Reaktion auf Recherchen über sexuelle Belästigung auf Erdbeerplantagen hatte etwa Lidl im Jahr 2018 Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten in Spanien abgebrochen.

Mafiöse Strukturen

Ein Boykott könne nur etwas sein, das von Ar­bei­te­r*in­nen vor Ort gefordert werde. Meistens sei das aber nicht deren Interesse. „Normalerweise sind die auf den Job angewiesen und wollen nur menschenwürdige Arbeitsbedingungen“, so Dusch. „Cut and run ist sehr aus einer Konsumentenperspektive gedacht.“ Es gehe darum, bei „den Guten“ zu kaufen. Dabei bleibe wirkliche Veränderung der Arbeitsbedingungen vor Ort auf der Strecke.

Auch die Fälle bei den Leiharbeitsfirmen Laboral Terra und Terra Fecundis zeigen, dass es nicht damit getan ist, einzelne Lieferanten auszusortieren. Für billiges Obst und Gemüse werden Ern­te­hel­fe­r*in­nen systematisch ausgebeutet. Immer wieder spielen Leiharbeitsfirmen und Vermittlungsagenturen eine Rolle, die vor allem die wirtschaftliche Abhängigkeit von Ar­bei­te­r*in­nen aus Nicht-EU-Ländern ausnutzen. Teilweise, so scheint es, haben sich mafiöse Strukturen entwickelt.

Der französische Soziologie Frédéric Decosse beschäftigt sich seit Jahren mit Arbeitsmigration und den Bedingungen in der südfranzösischen Landwirtschaft. Laut ihm gehe es bei Global G.A.P., aber auch bei vielen anderen Labels, nicht wirklich darum, dass sie gute Arbeitsbedingungen vor Ort schaffen. Vielmehr dienten sie als Absicherung zwischen Verkäufer und Käufer. „Es geht bei einem solchen Label vor allem darum, einen Zugang zum Großhandel zu erhalten und bei den Konsumenten bekannt zu sein“, sagt Decosse. „Dafür sind Labels da.“

Als wäre nichts gewesen

Wie weit die Bewertung durch Global G.A.P. und die Zustände auf einer Plantage auseinander klaffen können, zeigt auch ein Fall aus der spanischen Region Huelva.

Fünfzig Euro Miete pro Monat für eine Unterkunft ohne heißes Wasser und Waschmaschine hätten die Arbeiterinnen hier bezahlen müssen. Die Toi­lette sei lediglich ein Loch im Boden gewesen. Das berichtete im Juli 2020 die Lokalzeitung La Mar de Onuba. Den Frauen sei gedroht worden für den Fall, dass sie sich über die Zustände auf der Farm äußerten.

Auf öffentlichen Druck hin hatte die spanische Arbeitsministerin Yolanda Díaz im Sommer letzten Jahres unangekündigte staatliche Kontrollen gegen Arbeitsausbeutung und moderne Sklaverei durchgesetzt. Hierbei wurden durch die Kontrollbehörden auf der Plantage von Frutas El Curi im Juni „ernste“ Missstände festgestellt.

Trotzdem führte Global G.A.P. das Unternehmen auch noch drei Monate nach Bekanntwerden dieser Vorwürfe in seiner Datenbank.

Aldi Nord hat nach eigenen Angaben Beeren von Frutas El Curi bezogen. Auf Anfrage der taz schreibt ein Sprecher: „Strafrechtliche Vergehen, wie die von Ihnen angeführten, nehmen wir sehr ernst. Deshalb haben wir unsere Ansprechpartner bei Global G.A.P. über diese Vorwürfe informiert.“ Der Supermarkt scheint es nicht ungewöhnlich zu finden, dass dem Zertifizierer solche Vorkommnisse entgehen.

Als wir die Datenbank im Januar erneut überprüfen, steht dort für Frutas El Curi: „self-declared suspension“ – freiwillige Aussetzung. Global G.A.P. gibt auf Anfrage keine Einzelheiten zu dem Fall bekannt. Möglicherweise ist der Beerenhersteller damit einer Verwarnung zuvorgekommen und kann später wieder leichter ein Zertifikat erhalten. Kurz vor Erscheinen dieses Textes ist das Unternehmen dann überhaupt nicht mehr in der Datenbank zu finden – als hätte es nie ein Zertifikat gehabt.

Bei Lidl und Aldi sind ab Montag Zitronen aus Spanien im Angebot.

Diese Recherche ist auch auf Französisch im basta.mag erschienen. Hier finden Sie die Geschichte.

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