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Paderborn in der 1. BundesligaErstklassig ist relativ

Der SC Paderborn ist in die Bundesliga aufgestiegen. Endlich sprießt mal was in dieser Stadt. Eine kleine Hasserklärung.

Das historische Rathaus in Paderborn Foto: Stefan Ziese/Zoonar/imago

In Paderborn steppt normalerweise kein Bär. Eine katholische Ernsthaftigkeit scheint wie Orgelklang aus dem Dom in die ostwestfälische Stadt hinauszudringen. Vom schmucklosen Bahnhof läuft man eine schmucklose Straße hinunter. Irgendwo ist eine Innenstadt. Dort kann man immerhin ein paar reizende Weserrenaissancefassaden sehen, etwa am historischen Rathaus.

Anlass zu starken Gefühlen wie jetzt, wo die Männermannschaft des örtlichen Fußballvereins in die erste Bundesliga aufsteigt, gibt es selten. Oder bekommt man einfach nichts mehr mit, wenn man einmal weggezogen ist?

Zuletzt machte die Stadt, in deren Mitte die Pader der Erde entspringt, jedenfalls wegen eines Tornados, der die alten Bäume im Paderquellgebiet umwarf und über 40 Personen verletzte, größere Schlagzeilen. Wer sich für Frauengesundheit interessiert, begegnet dem Ort als Negativbeispiel. Denn in Paderborn wohnen zwar mehr als 150.000 Menschen. Aber für eine verlässliche Infrastruktur, in der Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, reicht es nicht.

Das Sehenswerte vor Ort hat es nicht eilig: Ausgrabungen der Kaiserpfalz Karls des Großen und andere erzbistümliche Schätze sind auch nächstes Jahr noch da. Das weltgrößte Computermuseum im Heinz Nixdorf Forum auch. Das Gleiche gilt für das Stadtfest Libori, benannt nach dem Schutzpatron Paderborns, dem heiligen Liborius. Er gilt als Nothelfer für Gallenleiden. Ein Helfer in der Bitterkeit. Das passt ganz gut.

Auf dem trockenen Boden der Tatsachen

Einer nicht wissenschaftlich geklärten These zufolge liegt die etwas griesgrämige bis verbittert wirkende Paderborner Mentalität am schlechten Boden. Außen herum liegt im Osten der dunkle Boden der Warburger Börde. Im Norden liegt die satte Erde Niedersachsens, auf der sogar Zuckerrüben gedeihen, das Gold der Landwirte. Rund um Paderborn aber gibt es nur mäßigen Boden.

Die Annahme klingt nicht einmal unplausibel: Über Jahrtausende der Besiedlung könnte sich eine gewisse Bitterkeit in die Menschen eingeschrieben haben, weil sie mit der gleichen Arbeit regelmäßig eine kleinere und weniger wertvolle Ernte einfahren konnten als die Warburger oder die Südniedersachsen.

Wenn Experimente in einer agrarischen Gesellschaft die Existenz bedrohen, hält man an dem fest, was funktioniert. Vielleicht kann gerade diese Stadt deshalb die süßen Früchte der sportlichen Arbeit ihres Fußballvereins besonders genießen. Endlich sprießt was! Die harte Arbeit hat sich mal gelohnt.

Bei Heimspielen erinnert die Torhymne des SC Paderborn ans alte Heidestadion im Stadtteil Schloß Neuhaus, das nach dem „Heidedichter“ Hermann Löns benannt war: „Hermann Löns, die Heide brennt!“ Ohne tieferes Verständnis des Werks von Hermann Löns vortäuschen zu wollen: Der Mann gilt als Sexist, Rassist und Antisemit.

Inzwischen gibt es ein neues Stadion, doch auch das ist eher bescheiden. „Es passen nur 15.000 Leute rein, es wird immer ausverkauft sein“, prophezeit ein in Berlin lebender Anhänger des Vereins. Lino Brandi wird sich eine Dauerkarte besorgen und regelmäßig für diese Spiele nach Hause fahren, den ganzen Weg bis Bielefeld im ICE, dann mit der Regionalbahn bis Paderborn. Warum tut man sich das an? „Weil man es so lange durchgezogen hat, dass man nicht mehr rauskommt aus der Nummer.“ Das ist sie, die Paderborner Mentalität.

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9 Kommentare

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  • Schade, dass Paderborn in diesem Medium so schlecht abschneidet. Hatte die taz immer als liberales Medium in Erinnerung. Bin selbst Zugezogener. Wir haben einen kleinen aber feinen Fanclub und unterstützen den SCP. Dabei sind meine Mitstreiter im Zweifel auch eher links. Wäre ihr Beitrag mit einem Augenzwinkern und einem gewissen Sinn für Humor geschrieben worden, wäre er auch hier angekommen. Er liest sich aber sehr ablehnend und das hat die Stadt nicht verdient. Sie haben eigentlich nur alle Klischees bedient, was nicht von journalistischer Exzellenz zeugt. Viele Zugezogene bleiben aufgrund einer Lebensqualität, die man vielleicht erst entdecken muss. Ich für meinen Teil fühle mich als Rheinländer pudelwohl in der Paderstadt und aufgenommen. Wie viele zigtausende Neubürger auch. Dieser Bericht war Mist und gehört so nicht geschrieben. Jetzt bemühe ich eine Zeile aus einem Paderborner Lied. Einmal Freunde, dann für immer. So sieht’s nämlich aus.

  • Sehr geehrte Frau Künßberg. Man kann über Paderborn vieles sagen — aber wer diesen Text liest, könnte fast glauben, zwischen Dom und Rathaus würden noch Hexenverbrennungen und mittelalterliche Riten stattfinden. Ich freue mich, das wir in Paderborn überhaupt des Lesens mächtig sind.

    Zwischen katholischer Ernsthaftigkeit, Bitterkeit und Provinz-Klischees fehlt hier vor allem eins: Realität.



    Paderborn ist weder Mittelaltermuseum noch gesellschaftliche Karikatur. Hier leben Menschen, arbeiten Menschen, bauen Unternehmen auf, studieren, forschen, feiern, treiben Sport — und ja, sogar ziemlich erfolgreich Bundesliga-Fußball.

    Vielleicht liegt genau darin das Problem vieler Großstadt-Feuilletons:



    Sobald eine Stadt nicht laut, hip oder selbstverliebt genug ist, wird Bodenständigkeit automatisch mit Rückständigkeit verwechselt.

    Und trotzdem: Der SC Paderborn 07 steig in die Bundesliga auf. Nicht trotz dieser Stadt — sondern wegen dieser Stadt und den wunderbaren Menschen die hier leben! Danke, PADERBORNER!

    Dr. Tobias Schütte aus Paderborn!

    • @Tobias Schütte:

      Danke! Von einem Paderbornierten, der hier nicht weg möchte!

  • Keiner muss meine Heimatstadt mögen, keiner den zukünftigen Bundesligisten. Ja, wir sind Provinz. Statt 4 Millionen Einwohner knapp über 150.000, es ist sicherlich nicht alles Gold in der Stadt. Aber das bedienen von Allgemeinplätzen oder zu wenig ärztliche Infrastruktur(für Frauen) ist zu kurz gegriffen. Wir haben ein politisches Problem. Die Übermacht der CDU, geschenkt. Die immer stärker werdende Afd, dass ist das Problem. Weil Grüne/SPD kaum ein Gegengewicht schaffe können. Wenn die AfD weiter zulegt, ist Paderborn ratzefatze schnell wieder tiefste Provinz. Aber noch ist Paderborn Lebens und liebenswert. Man muss sich nur darauf einlassen!

    • @Peter Bigalke:

      "Wenn die AfD weiter zulegt, ist Paderborn ratzefatze schnell wieder tiefste Provinz."

      So wie in dieser Zeit?

      www.paderborner-la...eum-wewelsburg.php

      Glaub ich nicht, nehm ich aber ernst.

      • @Martin Rees:

        So schlimm wird es hoffentlich nicht! Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

  • "Endlich sprießt was!" Dachte ich auch unlängst, als ehemaliger Student der Katholischen Fachhochschule. Ich bot der Institution eine Lesung zum Thema Migration an. Ich bekam eine vor Lebendigkeit sprühende erste Reaktion, was mich freute, aber auch etwas stutzig machte. Sollte sich die KFH in Paderborn geändert haben, nach all den Jahren?

    Die zweite Antwort fiel negativ aus. Man hätte im kommenden Semester kein Seminar zum Thema: Migration.



    Wie bitte?

    Paderborn hatte mich einst an Kassel verloren. Warum? Ich hatte zuvor in Kassel gelebt. Ich konnte die Städte vergleichen. In Paderborn war eine ausgewiesene Sturheit zuhause, die man netterweise Beständigkeit nennen konnte.



    In Kassel, wenn auch bescheiden, der Weltgeist. Ich würde nochmals in Kassel wegen einer Lesung zur Migration und seinen Folgen anfragen. Paderborn war für mich gestorben.

  • Der Aufstieg des SC Paderborn war zehnmal spannender als der xte Meistertitel des FCB.

    Und sogar die Abstiegkämpfe in der ersten Liga waren spannender als der xte Meistertitel des FCB.







    Wenn also die "Kellerkämpfe" der ersten Liga UND die 2. Liga spannender sind als der xte Meistertitel des FCB..







    ...was..??..ja was sollte daraus folgen.???

  • Näher als Warburg liegen Soest und seine Börde und das 'Paderborner' gilt als Misch-Brot weltweit als sehr lecker und außerordentlich bekömmlich.



    Mischung, Haltbarkeit und herber Geschmack, das sind herausragende Merkmale.



    Und "brotlose Kunst" war das Kicken hier ja keineswegs, übrigens ein Merkmal für das oft unterschätzte Ostwestfalen.



    Hauptsache: die Mischung stimmt auch im Kader von Paderborn.