: Auf einer Skala von eins bis Mensch
Ist künstliche Intelligenz nun klüger oder weniger klug als wir? Die Frage ist eine gefährliche Ablenkung. Um den Kampf um unsere Lebensgrundlagen zu gewinnen, müssen wir endlich den Irrglauben ablegen, der Mensch sei das Maß aller Dinge
Von Luise Strothmann
Als Tiangong Ultra in Weltrekordzeit durchs Ziel rast, bleibt er nicht stehen. Er rennt weiter und prallt gegen eine riesige aufrecht stehende Turnmatte. Seine schlaksigen Beine zappeln beim Zusammenstoß in der Luft, dann kommen sie wieder auf, und er läuft verwirrt zur Seite. Seine Rivalen, die nach ihm gegen die Matte knallen, fallen um und bleiben mit verrenkten Gliedmaßen am Boden liegen.
Sprinten klappt bei zweibeinigen Robotern schon ziemlich gut. Grazil anhalten noch nicht.
Tiangong Ultra ist eine menschenähnliche Maschine; schwarzer Rumpf, weiße spindeldünne Arme und Beine. Oben sieht er aus, als hätte jemand einem Lego-Männchen den Kopf abgezogen: Ein kurzer blau leuchtender Hals, dann kommt nichts mehr. Vergangenes Wochenende trat Tiangong Ultra bei den World Humanoid Robot Games im Hundertmeterlauf an. In einer großen Halle in Peking (draußen könnte es ja regnen) schossen humanoide Roboter Tore, spielten Tischtennis, sprinteten und sprangen.
Maßstab ist bei alldem: der Mensch. Treffen die Maschinen besser oder schlechter den Ball, kommen sie schneller oder langsamer ins Ziel? Dass Tiangong Ultra nun ein Roboterstar ist, liegt auch am menschlichen Vergleich. Mit ihm rannte zum ersten Mal ein Roboter die 100 Meter in 9,39 Sekunden. Schneller als der Sprinter Usain Bolt, der den menschlichen Rekord von 9,58 Sekunden hält.
Es ist ein Wettbewerb, der weniger über technische Fortschritte erzählt als über menschliche Dummheit und ihren Kern: dass wir uns zum Zentrum der Welt erklärt haben. Es ist ein Gedanke des Systems, mit dem wir unseren Planeten ruinieren.
Dass Maschinen höhere Geschwindigkeiten schaffen können als Menschen, ist keine Nachricht. Schon als Richard Trevithick an Heiligabend 1801 seine dampfbetriebene Straßenlokomotive erstmals öffentlich durch die englische Grafschaft Cornwall fahren ließ, notierten Beobachter erstaunt, dass das Gefährt schneller fuhr, als sie gehen konnten. Wir haben Sportwagen und Schnellzüge gebaut, die 500 Stundenkilometer fahren können. Um die Schwerkraft der Erde zu verlassen, muss eine Rakete 27.500 Stundenkilometer schnell fliegen. Der Mensch ist nicht die Grenze, nicht einmal eine besonders interessante Referenz.
Trotzdem ist unser Verständnis von Fortschritt bis heute extrem menschenzentriert. Gerade beim Thema künstliche Intelligenz. Und lenkt uns damit vom Wesentlichen ab.
Wenn wir über KI reden, geht es oft um die Frage: Ist sie klüger als wir Menschen, oder kann sie es werden? In Reaktion darauf gibt es ein Muster: Kommt eine Expertin zu dem Schluss, dass große Sprachmodelle weniger klug sind als wir Menschen, wirkt das beruhigend. Puh, doch alles nicht so schlimm. Wir bleiben ganz oben, die Krone der Schöpfung, die einzige Spezies, die einen Toaster mit WLAN-Verbindung bauen kann. Sagt ein Experte aber das Gegenteil, dann steigt die Panik.
Der Maßstab ist auch hier das Problem. Wir definieren Intelligenz und ihre Risiken auf einer Skala von eins bis Mensch. Aber KI ist nicht ungefährlich, solange sie weniger klug ist als Menschen. Und sie schaltet auch nicht plötzlich auf ein Terminator-Level um, sobald der Referenzpunkt Mensch überschritten wird. Die Diskussionen über das Horrarszenario einer superintelligenten KI dienen vielmehr der Ablenkung vor realen Gefahren, die nicht in der Zukunft liegen, sondern heute schon da sind.
In der KI-Forschung gibt es für die Argumentation, bei KI könne man überhaupt nicht von Intelligenz sprechen, das berühmte Bild vom Stochastischen Papagei. Computerlinguistin Emily Bender hat den Begriff gemeinsam mit Kolleginnen geprägt. Dabei geht es darum, dass sogenannte Large Language Models, auf denen Anwendungen wie ChatGPT basieren, eigentlich nur nachplappern; dass sie menschliche Sprache imitieren, indem sie auf Basis vieler, vieler Daten und statistischer Berechnungen vorhersagen, was die wahrscheinlichste nächste Silbe ist – und so einen Text zusammenbauen.
So funktioniert Text generierende KI. Trotzdem entgegnen andere, dass man es sich nicht so einfach machen könne. Selbst wenn KI kein Bewusstsein habe: Sei das nicht ab einem bestimmten Grad der Fähigkeiten egal? Der deutsche KI-Forschungspionier Hans Uszkoreit zum Beispiel ging früher davon aus, dass eine künstliche Superintelligenz noch viele Jahrzehnte entfernt sei, wenn sie überhaupt komme. In diesem Jahr sagt Uszkoreit, er und viele andere hätten die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt. Zwar sei eine solche allgemeine künstliche Intelligenz längst noch nicht da, aber man müsse sich beeilen, die Sicherheitsforschung rund um KI genauso schnell voranzutreiben wie die Technik selbst, um keine unkontrollierbaren Systeme zu schaffen.
Intelligenz heißt, aus bestehendem Wissen neues Wissen abzuleiten, so definieren es einige Wissenschaftler*innen. Aber wenn man nachfragt, sagen viele Forschende: Was Intelligenz wirklich ist, wissen wir eigentlich noch nicht. Das meint auch der Robotiker Oliver Brock, der in Berlin einen interdisziplinären Forschungsbereich zu Science of Intelligence leitet.
Das Konzept Intelligenz wurde in der Geschichte schon viel zu oft für rassistische oder sexistische Zwecke missbraucht. Der Begriff künstliche Intelligenz ist zudem gar keine präzise Bezeichnung einer bestimmten Technologie. Tatsächlich meinte der Begriff in den letzten 70 Jahren immer wieder unterschiedliche Dinge. Als der Informatiker John McCarthy ihn 1956 erfand, wurde bereits jahrelang unter anderen Namen daran geforscht, wie eine maschinelle Architektur neuronaler Netzwerke aussehen könnte. KI, das war von Anfang an ein Marketingbegriff. Als McCarthy ihn sich ausdachte, während des Kalten Krieges, steckte die US-amerikanischen Regierung gerade viel Geld in technische Forschung. Künstliche Intelligenz, das klang für McCarthy nach etwas, in das der Staat Fördermittel stecken könnte.
KI-Anwendungen können schon heute diverse Aufgaben besser erledigen als wir Menschen. Dass Maschinen und Systeme uns übertreffen, ist eigentlich etwas, an das wir gewöhnt sein sollten. Computer rechnen besser als wir, Fabrikmaschinen füllen mehr Joghurtbecher pro Minute, OP-Roboter schneiden präziser, als Menschen es könnten. Wenn es aber um Intelligenz geht, wird es uns unheimlich.
Dabei ist auch menschliche Intelligenz eben nicht das Maß aller Dinge. Es gibt nicht nur mehr oder weniger intelligent auf der Menschenskala, sondern auch: anders intelligent.
Ameisen zum Beispiel sind Meisterinnen gemeinsamer Problemlösung. Davon lernt die Robotik schon lange. In der Intelligenzforschung nennt man diesen Bereich kollektive Intelligenz. In einem Experiment haben Forscher*innen Gruppen von Menschen und Ameisen geometrische Rätselaufgaben gestellt, etwa einen sperrigen Gegenstand durch enge Gänge zu manövrieren. Das Ergebnis: Wenn Ameisen in Gruppen arbeiten, können sie ihre Leistung dadurch extrem steigern. Bei Menschen passiert das nicht im selben Maße. Sie machen sich das Finden einer Lösung gegenseitig schwer und neigen zu schnellen, unüberlegten Ansätzen.
Nimmt man als Maßstab, wie gut wir es schaffen, Dinge zusammen richtig zu machen, müsste man sogar sagen, dass Menschen ziemlich dumm sind. Man muss kein Schachweltmeister sein, um zu kapieren, dass es zum Beispiel keine besonders schlaue Idee ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.
Wenn Unternehmen in einer Gegend die Wälder abholzen, die Gewässer leer fischen und die Getreidefelder überdüngen, dann nennen wir das ernsthaft Wachstum – weil mit der Buche, dem Dorsch und dem Weizen kurzfristig Profit gemacht werden kann. Die Kurven des Bruttoinlandsprodukts zeigen nach oben, obwohl langfristig alle außer einer kleinen Elite dadurch verlieren werden.
Foto: Allison V. Smith/NYT/Redux/laif
Forschende haben für das Umweltbundesamt ausgerechnet, dass die Treibhausgasemissionen, die Deutschland im Jahr 2024 emittiert hat, die Welt 647 Milliarden Euro kosten. Das ist die Summe der Folgekosten für jetzige und künftige Generationen, solange die Emissionen in der Atmosphäre sind. Wenn Deutschland also schon 2024 klimaneutral gewesen wäre, hätte die Menschheit 647 Milliarden Euro gespart. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2027, dessen Entwurf das Kabinett im Sommer beschlossen hat, sieht Ausgaben in Höhe von 555 Milliarden Euro vor.
Es ist eigentlich eine ziemlich einfache Rechnung. Heile Erde = Leben. Kaputte Erde = Tod.
Wir sind ein Wesen unter vielen. Da ist die Wildbiene, da ist das Seegras, da ist der Mensch. Dass wir das vergessen haben, ist das Grundproblem.
Auch für die Klimakrise wird KI als Lösung präsentiert. Etwa in Form von smarterer Landwirtschaft oder einer besseren Aussteuerung erneuerbarer Energien. Dabei übersehen wir, dass die Lösung menschlicher Probleme oft nicht zu wenig Intelligenz ist. Sondern zum Beispiel zu wenig Kooperation.
Natürlich kann technischer Fortschritt helfen. Aber eigentlich fehlt es uns nicht an Wissen, es fehlt uns nicht an Technik. Alles, was wir für eine Klimawende benötigen, ist längst da. Wir brauchen keine neuen smarten Roboter. Was wir brauchen, ist ein neuer Maßstab.
Dieser Text stammt aus „Team Zukunft“, dem taz-Newsletter für Klima, Wissen und Utopien, den wir jeden Donnerstag verschicken. Hier kann man ihn abonnieren: taz.de/teamzukunft
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