Küstenschutz in Spanien: Auf Sand gebaut
An der Costa Daurada im Nordosten Spaniens haben Hafen, Hotels und Abwasser die Natur zerstört. Nun wird ein Teil der Bebauung entfernt.
D er Strand von Vila-seca an der Costa Daurada ist einer der Lieblingsorte des rüstigen Rentnerpärchens María und Juan. Sie kämen jeden Tag hierher, seit sie im Ruhestand sind, erzählen die beiden. Seit einiger Zeit schon beobachten sie die Baumaschinen, die riesige Mengen Sand verschieben. Die Gemeindeverwaltung von Vila-seca im nordostspanischen Katalonien hat angeordnet, eine der beiden mehrspurigen Uferstraßen und die angrenzenden Grünanlagen zu entfernen. „Dann ist der Strand über 50 Meter breiter als zuvor“, sagt María. Vor allem aber sollen dort Dünen entstehen: „Damit wollen sie erreichen, dass der Strand stabiler wird“, weiß Juan, der die Bauarbeiten aufmerksam verfolge, wie er sagt.
Juan ist 77 Jahre alt und arbeitete als Lkw-Fahrer. María ist 70 und war „unter den ersten, die in Port Aventura anfingen“. Port Aventura, das ist dieser Freizeitpark, der Vila-seca europaweit bekannt machte und der katalanischen Stadt in der nordöstlichen Region Tarragona einen Bauboom für Hotelanlagen und Gastronomie bescherte. 22.000 Menschen leben hier das ganze Jahr. Im Sommer sind es aber weit über 70.000 Menschen, die sich in der Stadt drängen. Vila-seca ist keine Ausnahme. Die katalanische Küste mit ihren 600 Kilometern und 243 Sandstränden ist der wohl am stärksten verbaute Teil des spanischen Mittelmeeres.
Viele der Wohn- und Hotelblocks entstanden dort, wo einst Dünen und Pinienwäldchen und Feuchtgebiete die Ufer festigten. Seit Jahren trägt jedes Unwetter, jeder Sturm Sand ab. Ohne regelmäßige Aufschüttungen wäre Pineda längst kein Badeparadies mehr. „Nur dort drüben ist der Strand in den letzten Jahren um einiges breiter geworden“, sagt María. Sie zeigt auf ein paar Felsen, die mitten im Sand liegen. „Von dort bin ich immer ins Wasser gesprungen, um Muscheln zu suchen“, sagt Juan. Dann wurde eine lange Buhne aus Felsbrocken gebaut. Sie sorgt dafür, dass das Meer den Sand davor ablagert, anstatt ihn hinaus auf die offene See mitzunehmen. Doch weiter in der Mitte des Strandes, auf halbem Weg zur Hafenmauer, sieht es ganz anders aus. Hier gräbt das Wasser unaufhörlich.
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„Unser Strand ist krank. Er hat sein natürliches Gleichgewicht verloren“, erklärt Bürgermeister Pere Segura Xatruch von einer lokalen Kandidatenliste, die der konservativen katalanischen Unabhängigkeitspartei Junts nahesteht. 8,4 Millionen Euro kostet die Rückgabe von über 33.000 Quadratmetern urbanem Gebiet an den Strand: Straßen und Grünanlagen müssen entfernt werden, Dünen angelegt und Sand neu aufgeschüttet werden. Das Projekt des Küstenrückbaus ist ein tiefer Einschnitt in die jahrzehntelange Tendenz, auch den letzten Quadratmeter der Küste zuzubauen.
Strand, Dünen, Feuchtgebiete schützten das natürliche Gleichgewicht
„Unser Hauptproblem ist der Hafen von Tarragona“, sagt der 44-Jährige. Der wuchs immer weiter. Seine riesigen Mauern reichen mittlerweile bis an die Gemarkung von Vila-seca heran. „Der Hafen verhindert, dass Sediment angeschwemmt wird und somit der Strand zurückbekommt, was er verliert“, erklärt Segura Xatruch, der einst Ingenieurwesen studiert hat und auf die Meeresbodenmorphologie und die Dynamik von Stränden spezialisiert ist. Damals, sagt er, habe er nicht geahnt, dass er einmal als Lokalpolitiker genau dieses Wissen brauchen kann.
Der Fluss Francolí, der aus dem Inland kommt, mündet jetzt in die Hafenbecken. Das schneidet den Pineda-Strand von der natürlichen Regeneration ab: Früher floss der Fluss nahe dem Strand direkt ins Meer, der feine Sand, den er mitbrachte, lagerte sich dort ab – ein jahrhundertelanger, natürlicher Prozess. „Außerdem verändert der Hafen die Strömungen“, fügt der Bürgermeister hinzu. Das Wasser sorge dafür, dass der Sand in der Mitte des über drei Kilometer langen Strandes weggespült wird, sich ein Teil entlang der künstlichen Buhne und der äußeren Hafenmauer ablagert – und der Rest ins offene Meer geschwemmt wird. Die Hafenverwaltung wurde per Umweltgutachten dazu verpflichtet, den Strand immer wieder mit Sand aufzuschütten, der weiter draußen im Meer abgebaggert wird – nur um ihn dann wieder ans Meer zu verlieren. Eine regelrechte Sisyphusarbeit.
„Die ersten 300 bis 400 Meter der Küste, von der Wasserlinie ins Landesinnere hinein gemessen, hätten nie bebaut werden dürfen“, ist sich Segura Xatruch sicher. Strand, Dünen, Feuchtgebiete und Pinienwälder seien für etwas gut, sie schützten ein Gleichgewicht, das die Bebauung zerstört habe. „Mit dem Rückbau der Uferbebauung und dem Anlegen von Dünen wollen wir versuchen, dem Meer wieder Platz zu geben, den Strand so zu stabilisieren“, sagt der Lokalpolitiker.
Und dann noch der Klimawandel
Ob das letztendlich gelingt, weiß auch er nicht zu sagen. „Denn es kommt ein neues, unkalkulierbares Element hinzu: der Klimawandel“, gibt Segura Xatruch zu bedenken. Der Meerespegel steigt, sechs Zentimeter waren es in den letzten 20 Jahren in dieser Zone des Mittelmeers. Die Stürme und Unwetter werden immer aggressiver, die Wellen höher, die Winde stärker. Ob irgendwann auch Gebäude abgerissen werden müssen, um der Natur wieder ihren Platz zu geben? Segura Xatruch hält dies durchaus für möglich: „Nicht überall, aber dort wo es wirtschaftlich verträglich ist, kann das durchaus eines Tages notwendig sein.“
In Creixell, einem Stadtteil von Torredembarra 30 Kilometer die Küste entlang in Richtung Nordosten, zeigt sich, dass dieses „eines Tages“ gar nicht so weit entfernt ist. Dort hat das Meer bereits die Uferpromenade unterspült. „Bei Sturm läuft das Wasser in die ersten Häuser“, erklärt Ramón Ferré von der Gruppe für Studien und den Schutz ländlicher Ökosysteme (Gepec). An der Abbruchkante lässt sich sehen, dass die Uferpromenade auf ehemaligen Dünen gebaut wurde. Erde wurde aufgeschüttet, dann Kies und dann Asphalt und Steinplatten.
In Creixell ist auf nur wenigen Hundert Metern der Unterschied zwischen einem Strand mit und ohne Dünen zu sehen. Dort, wo die Maschinen alles säubern, damit die Badegäste den perfekten Sand vorfinden, hat das Meer die Uferpromenade angegriffen. Dort, wo Ferré und seine Mitstreiter nach langem Ringen erreicht haben, dass die noch vorhandenen Dünen geschützt wurden, gewinnt der Strand langsam aber sicher hinzu und hält so das Wasser von Uferpromenade und Wohnanlagen fern. „Wir weiten die Absperrungen immer wieder aus, die Dünen wachsen und damit der Strand“, sagt der bei Gepec für Projektentwicklung zuständig 59-Jährige.
Ferrés wichtigstes Werk ist die Dünenlandschaft direkt am Ortskern von Torredembarra am Strand La Paella. Dort experimentiert Gepec seit 2012 mit der Renaturierung. Drei Dünenfelder mit jeweils etwas mehr als einem halben Hektar wurden mit unterschiedlichen Methoden erzeugt. „Was uns überraschte: Wenn wir einfach Wasserpflanzen, wie sie bei Unwetter angeschwemmt werden, liegenlassen oder auslegen, kommen die Dünen von ganz alleine“, erklärt Ferré und zeigt dabei auf das Feld Nummer 2 aus dem Jahr 2015. Auf 6.300 Quadratmetern sind die Dünen weit höher und bewachsener als auf einem drei Jahre älteren ersten Versuch. Damals hatte man die Pflanzen selbst gesetzt. „Aber damit haben wir wohl den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht“, vermutet Ferré. Denn die Überreste aus dem Meer – meist Cymodocea nodosa, gemeinhin als Tang bekannt – dienten als Nährboden und als strukturierende Elemente. Deshalb funktioniere dies besser, so Ferré, der mit dieser Methode weltweit für Aufsehen auf Fachkongressen sorgte.
Ramón Ferré, Umwelttechniker
Dann zeigt der Gepec-Vertreter, warum die Dünen so wichtig sind. „Schau, hier“, sagt er und zeigt auf einen Strandabschnitt ohne Dünen. „Hier weht der Wind ständig Sand in die Stadt.“ Tatsächlich, wer genauer hinschaut, sieht überall feinste Sandkörner. „Tonnen von Sand wandern so in die Müllabfuhr, der Strand erodiert, während der Sand dort, wo Dünen sind, zurückgehalten wird“, erklärt der Umweltschützer.
Obwohl die Dünenprojekte gut laufen, ist Ferré nicht allzu optimistisch. Der Verlust von Sand und Strand werde meist nur verlangsamt; ganz gestoppt werde er nicht. Denn der Strand sei – so Ferré – nur die Spitze des Eisberges. Der Umwelttechniker vermisst die Posidonia oceanica.
Diese Pflanze, ihr deutscher Name lautet Neptungras, hatte bis Anfang der 1970er Jahre fast den ganzen Meeresboden vor den Stränden im Mittelmeer bedeckt. Der Sand rutschte so auch bei starkem Wellengang nicht ab. Dann starben die Unterwasserwiesen binnen weniger Jahre fast alle ab. Der Grund: Ungefiltertes Abwasser wurde aus den Wohnanlagen ins Meer eingeleitet. Dieses Abwasser hatte so viele Nährstoffe, dass feine Algen wuchsen. „Diese lassen weniger Licht durch, die Posidonia kann die Fotosynthese nicht mehr richtig machen“, sagt Ferré.
Auch jetzt, da die Abwässer längst gereinigt werden, sind sie noch immer mit Nährstoffen belastet. Damit sich die Posidonia oceanica wieder ansiedelt, müsste ein weiterer Reinigungsschritt eingeführt werden. „Wir müssten das gereinigte Wasser, bevor es in Flüsse oder ins Meer gelangt, in künstlich angelegte Lagunen einführen, wo Pflanzen die Nährstoffe herausfiltern“, erklärt er. Gepec plant tatsächlich ein solches Pilotprojekt, wenige Hundert Meter vom La Paella entfernt auf einer der wenigen verbliebenen Brachflächen. Aber ob diese Methode jemals Standard wird, das darf bezweifelt werden.
Strand verkleinern, um Strand zu schützen
Es ist nicht immer leicht, Küstenmaßnahmen umzusetzen. Aron Marcos Fernández in Calafell, weitere 20 Kilometer die Küste entlang Richtung Nordosten, weiß das nur zu gut. „Als wir begannen, Dünen anzulegen, gab es Unmut. Wir würden den Strand verkleinern, beschwerten sich einige“, so der 35-jährige Umweltberater, der seit sieben Jahren für die Sozialisten im Gemeinderat von Calafell sitzt und im Team des Bürgermeisters für ökologischen Städtebau zuständig ist. Seine Antwort: „Entweder das oder ihr verliert irgendwann den ganzen Strand“, berichtet Fernández.
Fernández leitet den Rückbau der Uferpromenade und die Renaturierung. „Hier war einst ein Platz“, sagt er und zeigt auf die neue Mauer, die jetzt deutlich nach hinten wegläuft. Die Plaça del Mil·lenari wurde abgerissen, der Boden ausgehoben und wieder mit Sand aufgeschüttet. 800 Quadratmeter wurden so dem Strand zugeschlagen.
Auf vier Kilometern Strand wurden dann ab 2022 Dünen angelegt, mit Absperrseilen als Schutzgebiet markiert – immer entlang der Uferstraße. Auch in Calafell könnte diese, wie in Vila-seca, bald schon Geschichte sein. „Wir arbeiten an einer entsprechenden Studie, um diese dann dem Umweltministerium, das für Küstenschutz zuständig ist, vorzulegen“, sagt Fernández.
Langsam sind erste Erfolge zu sehen
Dank der Umgestaltung des Ufers gibt es bereits erste Erfolge zu vermelden. Der Strand habe sich deutlich stabilisiert, die Dünen haben 3.000 bis 4.000 Kubikmeter Sand zurückgehalten. Das sind 300 bis 400 Lkw-Ladungen. „Mittlerweile ist sogar der vom Aussterben bedrohte corriol camanegre – der Seeregenpfeifer – zurück. „Schau, dort brütet ein Pärchen“, zeigt Fernández auf ein Nest zwischen Dünenpflanzen, nur wenige Meter hinter den Absperrseilen.
Carla García Lozano, Geografieprofessorin und Dünen-Expertin
„Wir haben dort gebaut, wo wir das nie hätten tun dürfen“, beginnt Carla García Lozano die Videokonferenz. Die 36-Jährige ist Geografieprofessorin an der Universität im katalanischen Girona und hat sich auf Küste und Dünen spezialisiert. Im Rahmen eines grenzübergreifenden Projekts mit dem Namen „Urbane Dünen zur Küstenanpassung“ (Dual) berät sie Calafell und die anderen Orte am katalanischen Mittelmeer. Dual umfasst die Küste in beiden Teilen Kataloniens – dem in Spanien und dem in Frankreich. Neben den Universitäten in Girona und Perpignan sind auch die Regionalverwaltungen Teil des Dual-Projekts.
„Was wir in den verschiedenen Gemeinden an Maßnahmen sehen, ist aus der Not geboren. Das ständige Aufschütten mit Sand ist einfach nicht nachhaltig und auf die Dauer auch nicht machbar“, erklärt Lozano. Außerdem werde dies von staatlicher Seite nur noch in Ausnahmefällen, wie etwa nach starken Unwettern, unterstützt und genehmigt, während es für den Küstenumbau, um die Strände resilienter zu machen, EU-Gelder gebe. Allein in 2025 und 2026 werden etwa am Hafen von Tarragona in s-Seca 2,8 Millionen Euro für das Aufschütten von 100.000 Kubikmeter Sand ausgegeben.
„Die Wohnblocks und Hotelanlagen haben das Hinterland der Strände zerstört. Die Sporthäfen und Buhnen, die überall gebaut wurden, unterbrechen die natürliche Strömung, teilen die Küste in Zellen auf“, fasst Lozano zusammen. Nördlich der Buhnen und Häfen lagere sich Sand ab, während die andere Seite keinen Sand bekommt oder gar abgibt.
Dann kommt Lozano auf etwas zu sprechen, was viele Gemeinden bei ihren Maßnahmen gerne übersehen. „Die Erosion ist nicht so stark, wie es scheint“, sagt Lozano. Und erklärt dann: „Vielerorts wurden in den letzten Jahrzehnten die Strände künstlich erweitert.“ Das Meer hole sich etwas, was dort nie hätte sein dürfen. „Wir müssen uns zurückziehen und nicht ausweiten“, mahnt sie und meint damit nicht nur die Uferbebauung.
Die große Frage, die sich für die Zukunft stelle, sei die des Tourismus. Eine schwierige Frage: Die Küste ist ein Wirtschaftsfaktor ohnegleichen. Zwölf Prozent des katalanischen Bruttoinlandprodukts kommt aus dem Tourismus. 45 Prozent der Bevölkerung Kataloniens lebt auf nur sieben Prozent des Gebiets, nämlich entlang des Mittelmeeres. „Wir müssen die Kapazität der Strände untersuchen, wie viele Personen pro Quadratmeter und Jahr verträglich sind“, mahnt Lozano.
Gut möglich, dass die Analyse im Ergebnis den Menschen einiges an Bewusstseinswandel abverlangen wird. Wohl auch bei den vielen Rentnern, die sich, wie María und Juan, in Vila-seca den Lebensabend am Mittelmeer möglich gemacht haben. „Wir leben hier wirklich gut. Und ab jetzt mit dem neuen Strand sogar noch besser“, sagt María, bevor sie – wie jeden Mittag – mit Juan weiter den Strand entlangspaziert, immer an der Wasserlinie entlang, die hoffentlich dort bleibt, wo sie heute ist.
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